Tischlein-Rück-Dich

„Mitbewohner“ für einen Abend: Beim „Speed-eating“ galt es, sich für 5 Minuten auf 23 verschiedene Tafel-Gegenüber einzulassen.

In aller Regel produzieren Kunst und Kultur Güter, die man passiv konsumieren kann. Man schweigt und genießt oder ärgert sich, wird jedenfalls selten selbst zum Teil des Ganzen. Das war bei dem von einigen Künstlerinnen und Künstlern des BBK initiierten „Speed-eating“ bewusst anders. Ob die Gespräche an diesem „Tavelum spectaculum“, wie das Happening zur Einführung in freiem Latein genannt wurde, gelingen würden oder nicht, lag in der Hand oder besser gesagt im Mund derjenigen, die sich in landesuntypischer Bereitschaft zur Kommunikation mit Wildfremden in der Ravensberger Spinnerei eingefunden hatten.

Bienenstockartiges Gesummse

Nachdem jeder einen Platz an der mit unkomplizierten Häppchen beladenen Tafel eingenommen und die einfachen Regeln des „Speed-eatings“ erklärt waren – fünf Minuten mit dem Gegenüber reden, danach einen Platz nach links rücken –  konnte es losgehen. Und wie es losging. Bald war der große Raum, in dem zur Zeit die Werke der „Mitbewohner“-Ausstellung zu sehen sind, erfüllt von einem bienenstockartigen Gesummse. Kaum ein Gesprächspaar war zu erleben, das sich nichts zu sagen hatte.

In einer großen Offenheit für den Menschen auf der anderen Seite des Tisches, die man einfach mitbringen muss, um an Veranstaltungen dieser Art Spaß zu haben, kamen innerhalb der kurz bemessenen Zeit erstaunlich viele interessante Dinge zur Sprache. Worum ging es in den Gesprächen? Oft, aber bei weitem nicht immer um Kunst an sich, wie es von den Veranstaltern ja auch lediglich als einer von vielen möglichen Vorschlägen in den Raum gestellt worden war. Im Mittelpunkt standen vor allem das verbindende Interesse an künstlerischen Fragen und der naturgemäß vollkommen unterschiedliche Zugang, den jeder zu ihnen hat.

Unter Kreativen

Anekdoten wurden berichtet, biografische Details, persönliche Erfolge und Niederlagen, auch Eigenheiten des Kunstbetriebs. Manchmal lachte man mit seinem Vis-à-vis bei einem Fleischbällchen, einem Käsewürfel auch nur gemeinsam über das Leben und über sich selbst, wie man da nun saß und mal wieder in eine so skurrile Geschichte wie „Speed-eating“ geraten war.

Was sich von Stuhl zu Stuhl deutlicher abzeichnete, war, dass die meisten der Anwesenden auf irgendeine Art selbst kreativ waren. Viele nutzten daher die gute Gelegenheit, dem Gleichgesinnten oder an dem Erzählten Interessierten nach dem lebhaftem Austausch, der einem durch energisches Bimmeln mit der Glocke oft allzu schnell beendet vorkam, spontan eine Visitenkarte oder Einladung zum nächsten geplanten Projekt zu überreichen.

Menschen ins zufällige Gespräch und darüber hinaus in eine möglicherweise längerfristige Beziehung zu bringen, wie es ja auch der genuine Gedanke des „Speed-datings“ ist, dürfte also zur Freude der Veranstalter an diesem Abend, der ungewöhnlich war, laut, anregend und aller Mühe wert, bestens gelungen sein. Wie anstrengend die Turbokommunikation war, merkte man erst, als man nach knapp dreieinhalb Stunden nach Hause kam. Viel mehr als ein knappes „Gute Nacht“ war da nicht drin.   

Antje Doßmann

Autor*in: Antje Doßmann

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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