Meister des Understatements

Geschichten aus der Hauptstadt: Element of Crime  und Isolation Berlin im Lokschuppen

Element of Crime-Sänger Sven Regener ließ es sich nicht nehmen, die Supportband des Abends höchstpersönlich anzukündigen und dem Publikum ans Herz zu legen. Das ist nicht nur höflich, sondern hat durchaus seine Gründe: Denn da ist er schon, dieser angewalzerte Takt wie im Song „Serotonin“, den wir heute nicht zum letzten Mal hören, da ist der schmeichlerische Hook in der Ballade „Antimaterie“, die aber doch nur von zutiefst deprimierender Hoffnungslosigkeit erzählt. Ja, Sänger/Texter Tobias Bamborschke sieht mit Locken und Mütze aus wie der junge Dylan, seine Geschichten verhandeln kulturpessimistische Verzweiflung an der Welt mit wenig Optionen auf Licht im Tunnel. Isolation Berlin heißt die Band, „Alles grau“ der nächste Song. Ein unbequemer, nachdrücklicher Gegenentwurf zum allgegenwärtigen Frohsinns-Deutsch-Pop. „Kicks“ überrascht dann als stoischer Rocker im Geiste von The Fall, „Wahn“ schließt direkt an als wütender Sturm auf Sonic Youth-Riffs und hinterlässt ein etwas irritiertes Publikum. Gut so.

Denn die sichere Bank liefert im besten Sinne der Hauptact des Abends. Mittlerweile ist es über 30 Jahre her, das Element of Crime ihr Bielefeld-Debüt auf der kleinen 8qm-Bühne des ZAK Jöllenbeck gaben, während eine Kuh durchs Fenster blökte. Inzwischen waren sie doch einige Male in der Stadt, kennen die Clubs, die es heute nicht mehr gibt, der Lokschuppen heute ist prall gefüllt. Sven Regener (Vocals, Trompete), Jakob Ilja (Gitarre), Richard Pappik (Drums) und Dave Young (Bass), auf der Bühne unterstützt von Ekki Busch (Akkordeon) und Rainer Theobald (Sax, Klarinette) müssen Niemandem mehr etwas beweisen, könnten sich wie Andere auf ihrem Katalog ausruhen und ein Best Of-Set durchziehen. Natürlich nicht. Das aktuelle Album heißt „Schafe, Monster, und Mäuse“, und die Berliner sind stolz drauf, schenken gleich elf der zwölf Songs einen Platz auf der Setliste.

Ein Album im weitesten Sinne über die Großstadt zwischen Prinzenbad und Schlesisches Tor, seine Menschen, seine Orte, seine Geschichten. Sven Regener ist wie immer genauer Beobachter, ist Romantiker, Schelm, Kauz mit Blick für die Details (und auf sein lyrisches Ich), die aus Alltäglichem Erzählenswertes machen. Dieser Stoff scheint so unendlich, die Poesie so kitschfrei und eigen, dass es einfach nicht langweilen kann, weil man sich einfach an der Wortsetzung freuen kann. Charmante Geschichten mit einer irgendwie knorrigen Beiläufigkeit vermittelt, die lässig daherkommt und doch relevant ist. Diese Kunst beherrschen in Deutschland nur Wenige.

Wo bleibt der Rock?

So lässt der Titelsong Gestalten in den Träumen materialisieren, da wo die Liebe sich gerade verflüchtigt hat. „Ein Brot und eine Tüte“ dann ist hintersinniger Quatsch, paart Vaudeville mit Countrytwang. Für „Karin, Karin“ kommt Tochter Alexandra Regener als Gastsängerin auf die Bühne. „Stein, Schere, Papier“ schließlich ist ein langsamer, düsterer Schleicher, der eine große Qualität der Band unterstreicht: Atmosphäre erzeugen durch Weglassen, durch die Reduzierung auf das Wesentliche, indem man lieber einen Ton weniger spielt als einen zu viel. Hier darf man sich noch einen Ton anhören, bevor der nächste gespielt wird. In gleichem Geist das so wunderbare wie unheimliche „Nur so“ von 1996 mit den sparsamen Licks von Richard Pappik und feinem Sax-Solo. 70er-Lou Reed-Stimmung. Die direkt in zu einem gefühlt heißen Morricone-Szenario schwenkt wenn Pappik in „Wer ich wirklich bin“ flächige Gitarrentexturen um Sven Regeners Trompete flechtet.

Die Band versteht sich blind auf ihrer Reise durch Folk, Pop, Chanson, Musette, Walzer, es darf sogar geschunkelt werden. Die Reise führt dabei längst über zahlreiche Highlights des Backkatalogs. Aber „Wo bleibt der Rock?“, fragt Regener dann selbst irgendwann. Und liefert „Immer da wo du bist, bin ich nie. Ja, so ein Anflug von Boogierock, Augenzwinkern hinterher. Viel mehr sagt er nicht, sagt er nie, kennen wir, muss er nicht. Ein höfliches „Vielen Dank“ nach jedem Song. „Und so sieht’s aus!“ am Schluss des Sets. Es folgen drei lange Zugaben mit Ausflug nach „Delmenhorst“, mit „Weißes Papier“ und „Schwere See“ als Vorlage für ein absolut textsicheres Publikum. Von einer Band, die etwas älter, deren Stimme etwas rauer geworden ist, die in dem was sie macht aber einzigartig und verlässlich ist, und der es gelingt, sich und ihr Publikum zu erden. .„Und so sieht’s aus!“ Sagt Sven Regener dann nochmal.

Achim Borchers

Autor*in: Achim Borchers

Freund der Dialektik: The Go-Betweens und Hüsker Dü, Terry Pratchett und Bertolt Brecht. Die Sendung mit der Maus trifft Killerspiel-Spieler, Bronchialasthma trifft Geocaching. Bauhaus, Banksy, Robert Frank. Oft mal grumpy, aber nett gemeint, und eine Folge "Inspektor Barnaby" kann für ihn wie eine Meditation sein.

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