Porträt des Künstlers als Familienmensch

Foto: Christian Beckers und Gereon Inger (mit Melone) bei ihrer Joyce-Lesung zusammen mit Katrin Nowak im Ostmannturm . Foto: Antje Doßmann

Im Vorfeld des 2. Bielefelder Bloomsday und anlässlich des 138. Geburtstages von James Joyce luden Katrin Nowak, Gereon Inger und Christian Beckers zu einer unterhaltsamen Revue in den Ostmannturm.

Der 2. Bielefelder Bloomsday wirft seine Schatten voraus. Zwar ist es noch ein Weilchen hin bis zum 16. Juni, jenem Tag, an dem James Joyce‘ Mammutroman „Ulyssus“ spielt und der rund um den Globus mit allerlei skurrilen Veranstaltungen gewürdigt wird. Jedoch wird er in diesem Jahr auf einen Wochentag fallen, wodurch sich die große Sause erübrigt, die 2019 bei der Premiere des Bloomsday in Bielefeld dem mäandernden Erzählfluss des epischen Großmeisters mit einem vielstündigen Sonntagsprogramm so großzügig gerecht werden konnte.

Daher standen Katrin Nowak und Gunther Möllmann als Initiativkräfte des vom Kulturamt Bielefeld und der OWL-Kulturförderung unterstützten Projektes vor der Wahl:  Entweder die Jahre verstreichen lassen und den nächsten Bloomsday erst dann wieder in Szene setzen, wenn der 16. Juni nicht auf einen Werktag fällt. Oder das Konzept umgestalten. Zur Freude aller Joyce-Fans entschieden sich die beiden für die zweite Variante, weshalb dem literaturhungrigen Bielefelder Publikum der Klassiker in diesem Jahr einfach in kleineren Bissen statt in einem einzigen großen Happs serviert wird.

Zum Auftakt und gewissermaßen als Vorspeise gab es am 2. Februar über den Dächern der Stadt eine ebenso stimmungsvolle wie informative Joyce-Veranstaltung. Glücklicherweise fiel wenigstens dieser Tag, an dem sich der Geburtstag des Dichters zum 138. Mal jährte, auf einen Sonntag  und war zudem das Wetter irisch genug, um zahlreiche Besucherinnen und Besucher in den Ostmannturm zu locken. Hoch-Kultur, im wahrsten Sinne des Wortes. Wie es sich für einen Bloomsday geziemt, wurden Kaffee und Mohnkuchen, Whiskey und Schmalzstullen gereicht zu einem musikalisch-literarischen Streifzug durch das Leben des eigenwilligen Dichters und leidenschaftlichen Briefeschreibers James Joyce.

Dubliner Nebel über Bielefeld

Mit ihrer Mischung aus fein arrangierten Pianoklängen, klug kommentierten biografischen Anmerkungen und mitreißender Rezitation gelang es Christian Beckers, Gereon Inger und Katrin Nowak, ein lebendiges Bild des irischen Weltliteraten vor dem inneren Auge der Zuhörenden entstehen zu lassen. Ein Bild, das berührte und menschlich bewegte durch die Briefe, die der geniale Geschichtenerzähler und visionäre Analyst der menschlichen Seele hinterlassen hat. Ganz unterschiedlich gestimmte, vorwiegend an seine Freundin und spätere Ehefrau Nora Barnacie, aber auch an die beiden gemeinsamen Kindern Lucia und Giorgio gerichtete Schreiben aus mehreren Jahrzehnten. Darunter jähzornige Zeugnisse explodierender Eifersucht, bitterböse Parodien, aber auch zärtlich um das Wohl seiner Familie – besonders um die an Schizophrenie erkrankte Lucia – besorgte Zeilen, die Joyce als fortschrittlichen Denker und äußerst einfühlsamen Mitmenschen auswiesen.

Die wunderbare Verve, mit der Schauspielerin Katrin Nowak die ausgewählten Briefe las, der Dubliner Nebel, der an diesem Tag durch Bielefeld waberte,  Joyce‘ oft vergnügliche, manchmal dramatische, immer scharfsinnige  Anekdoten, die er in den Briefen notierte und seine bissigen Limericks – das alles sorgte dafür, dass die Lebenswirklichkeit des unvergessenen Dichters im Ostmannturm Gestalt annehmen konnte und zugleich ein schöner Vorgeschmack geliefert wurde auf den 2. Bielefelder Bloomsday am 16. Juni 2020.

Antje Doßmann

Autor*in: Antje Doßmann

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.