Verschiedene Bilder malen

Locust Fudge
Locust Fudge: Christopher Uhe, Chikara Aoshima, Dirk Dresselhaus

Die (einst) Bielefelder Indierocklegende Locust Fudge liefert nach 22 Jahren ein neues Album, „Oscillation“. Ein Gespräch mit Dirk Dresselhaus/Schneider zu dem was war, was ist und was dazwischen.

Es gab eine Zeit, da war Ostwestfalen mehr als ein Fliegenschiss auf der Landkarte des „Alternative-Rock“. Als die Infrastruktur mit einer Vielzahl rühriger großer und kleiner Clubs und Veranstalter noch passte, die einerseits große Namen in eine Stadt wie Bielefeld brachte und andererseits die lokale Szene unterstützte. Irgendwann zwischen Mitte/Ende 80er bis Mitte/Ende 90er, irgendwo zwischen Boston und Seattle, Detmold und Bielefeld, erspielten sich Bands wie Speed Niggs, Hip Young Things, Dead Mould, auf etwas anderer Baustelle N-Factor und eine ganze Menge mehr Relevanz weit über die Landesgrenzen hinaus.

Das Netzwerken untereinander funktionierte allgemein bestens, und so war es eigentlich gar nicht überraschend, dass sich die Gitarristen der Speednigs und Hip Young Things, Christopher „Krite“ Uhe und Dirk Dresselhaus aka Schneider für das Projekt Locust Fudge zusammenfanden. Sie spielten zunächst akustische Versionen von Songs ihrer Bands plus Cover von Einflüssen wie Neil Young/Lou Reed, gern auch auf der Straße. Ihr erstes Album „Flush“ von 1993 bot dann ebendas und war nach Ansicht Vieler eine der schönsten Platten, die je aus der Stadt Bielefeld kamen. „Royal Flush“, deutlich elektrifizierter, bot dann 1995 ausschließlich eigene für die Band geschriebene Songs (beide Alben sind 2014 bei den Bielefelder Vinylspezialisten von Kapitän Platte als Doppel-LP wiederveröffentlicht worden). Und nach der Remix-EP „Business Express“ (1996) waren Krite, der zwischenzeitlich die Bands Great Tuna und Sharon Stoned betrieb, und Schneider, der sich mit seinem Projekt Schneider TM elektronischen Klängen zuwandte, irgendwann Richtung Berlin verschwunden.

„Krite und ich hatten eigentlich vor, in der Nähe von Bielefeld ein Studio zu bauen“, erinnert sich Schneider am Telefon seiner Wohnung in Berlin, Prenzlauer Berg. „Wir waren nach Dörentrup gezogen, dort hatte ein Bekannter ein altes Fabrikgebäude gekauft. Da haben wir dann mit einigen Freunden gewohnt. Aber es hat leider nicht funktioniert, das Projekt ist implodiert.

Dann bin ich Ende 98 nach Berlin gezogen, Krite kam ein paar Monate später nach. Wir wollten eigentlich Locust Fudge weitermachen, aber irgendwie hat sich das anders entwickelt. Ich war viel als Schneider TM unterwegs und habe einige Platten in der Zeit gemacht, das lief alles ziemlich gut. Es wurde das Projekt, mit dem ich mich hauptsächlich beschäftigt habe. Mit Krite und meiner damaligen Freundin Hanayo hatte ich noch die Band Paincake. Uns gab es aber nur als Liveband, wir haben nie ein Album gemacht. Es war eigentlich das, was mit uns statt Locust Fudge passiert ist. Wir haben Konzerte etwa in Bangkok, in Venedig, oft im Kunst-Kontext gespielt, Hanayo ist ja auch Künstlerin und Fotografin und hatte dort Ausstellungen.“

Weg vom Song – zurück zum Song

Mit den Jahren entwickelten sich beide Musiker mehr und mehr weg vom klassischen Song. Beide produzieren viel, auch andere Musiker wie Julia Hummer. Christopher Uhe widmet sich Theatermusiken, oft in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Stefan Pucher an der Berliner Volksbühne. Und bei Dirk Dresselhaus ist es sowieso fast unmöglich, einen Schwerpunkt zu finden. Generell entwickelte er sich weiter in Richtung Experiment, reist weiter als Schneider TM um die Welt, kreiert viele Filmsoundtracks, arbeitet mit dem Finnen Ilpo Väisänen (Pan Sonic) als Die Angel an Noise-Improvisationen, mit Krautrocker Günter Schickert und Jochen Arbeit (Einstürzende Neubauten) als ASS an atmosphärischen Gitarren-Landschaften, ist unterwegs in Sachen Neuer Musik  und betreibt Field Recording.

Heute, eine Woche vor Veröffentlichung der neuen Locust Fudge-Platte, packt Schneider gerade den Koffer für eine Die Angel-Tour durch Europa. Hat er keine Angst, sich zu verzetteln, die Ideen nicht mehr auseinanderhalten zu können? „Nein,“ sagt er, „letztendlich sind es Produkte von Kommunikation zwischen Menschen. Ich habe selbst gar nicht die Idee gehabt, so viele unterschiedliche Projekte zu machen. Sie ergeben sich sozusagen von selbst. Dieses Jahr ist das relativ extrem, und ich muss auch ein bisschen aufpassen, dass ich da nicht durcheinanderkomme. Man hängt halt mit irgendjemand ab und fängt an, was zu machen. ASS zum Beispiel, Jochen und ich haben schon zusammengearbeitet,  bevor es das Projekt gab, mit Günter auch, bei einem Projekt mit Damo Suzuki (Ex-Can). Es ist eher schwer das zu verhindern. Das Gute ist: Ich habe mein eigenes Studio im Keller des Hauses wo ich wohne, da kann halt immer alles passieren, ohne dass man groß Kosten hat. Verschiedene Bilder malen mit verschiedenem Fokus. Insofern haben ASS, Angel und auch Locust Fudge einen gewissen gegenseitigen Einfluss. Das ist für mich interessant, man muss aber  nicht ein Projekt mit allem überladen, was man so machen will, man hat mit jedem Projekt einen anderen Fokus und daraus ergibt sich das komplette Bild.“

Das jetzt nach 22 Jahren doch noch ein neues Locust Fudge-Album erscheint, kommt angesichts dieser Entwicklung in den letzten Dekaden etwas überraschend, auch wenn die Handvoll Konzerte mit ein paar neuen Liedern rund um den Rerelease des alten Materials 2014 ein kleines Signal waren. Schließlich steht Locust Fudge auch immer noch für ein ganz anderes musikalisches Konzept, das Konzept Song. Im Info zur Platte beschreibt es die Band heute ohne Scheu als ihr Roots-Projekt: „Mitte der 90er wollten wir aus dem Indierock-Ding ein bisschen raus und haben dann bewusst auch Dinge NICHT gemacht. Das ist jetzt 25 Jahre später ein bisschen anders. Ich mache so viel abstraktes Zeug, dass ich es jetzt sehr genieße, einfach mal wieder Songs zu spielen. Das würde in der Art bei keinem meiner anderen Projekte passieren. Es sind ganz klar Krites und meine Songs. Als Band. Wir haben die Songs ja auch live eingespielt. Das ist für uns Locust Fudge, wie wir eigentlich 97 weitermachen wollten, und dann kam Einiges dazwischen.“ Schneider lacht. „Aber wir haben uns ja nie aufgelöst.“

Achim Borchers

Autor*in: Achim Borchers

Freund der Dialektik: The Go-Betweens und Hüsker Dü, Terry Pratchett und Bertolt Brecht. Die Sendung mit der Maus trifft Killerspiel-Spieler, Bronchialasthma trifft Geocaching. Bauhaus, Banksy, Robert Frank. Oft mal grumpy, aber nett gemeint, und eine Folge "Inspektor Barnaby" kann für ihn wie eine Meditation sein.

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