Zauberhaftes von ganz weit Norden

Loten die Untiefen zwischen Folk und Neoklassik aus: Afenginn im Bunker. Alexander Kraglund, Pianist Dánjal Á Neystabø und Kim Rafael Nyberg

Unverortbare Weltmusik: Afenginn aus Kopenhagen gibt im Bunker Ulmenwall auf Einladung des Kulturkombinat Kamp ein berührendes Konzert auf neoklassischer Grundierung

Aus dem rauhen Norden strömt Musik von großer Wärme zu uns. Ganz zart, verharrend in einer  imaginierten Weite, dringen ein Wechselspiel versonnen in die Klaviatur getupfter Melodien ins Ohr der Zuhörer, aufgeführt von zwei Spielern, die auf der Bühne im Bunker Ulmenwall einander zugewandt sitzen, umspült vom seidigen Klang einer Fiedel und ätherisch schwebenden, dezent verhallten Akkorden aus der Pedal Steel Guitar.

Hier entwickelt sich in Wolkenzugsgeschwindigkeit ein eigenwilliger Klangkosmos, einhergehend mit einem Sog, dem sich niemand im Raum entziehen kann.   Dann und wann wird es auch einmal stürmisch, wenn die melodischen Einwürfe übereinander hinweg taumeln, trocken pulsierende Bässe aus dem Synthesizer die hoch fliegenden Klangwolken zur Erde hinabführen. Faszinierend sind hierbei die fließenden Übergänge zwischen diesen von den Musikern intensiv ausgekosteten Stimmungen.

In Wolkenzugsgeschwindigkeit

Meist ist es der zurückhaltend begleitende Schlagzeuger, der die Stimmungswechsel mit langem Vorlauf einleitet, Puls und Betonung allmählich gegen das vorherrschende Metrum verschiebend, bis das Ensemble auf einmal den rhythmischen Richtungswechsel mitvollzieht.

Afenginn im Bunker; Maggie Björglund an der Pedal Steel Guitar, Dánjal Á Neystabø ,Klavier
Afenginn im Bunker; Maggie Björglund grundiert den Sound mit der Pedal Steel Guitar, Dánjal Á Neystabø ist der Mann am Klavier

 Kammermusikalisch, irgendwo im Spannungsfeld zwischen nordischem Folk, zeitgenössischer Klassik – Arvo Pärt mag einem in den Sinn kommen – und Jazz-Rock bewegt sich die Musik von Afenginn, der Kopenhagener Band um den üppig behaarten Komponisten und Bandleader Kim Rafael Nyberg, welcher Afenginn (altnordisch, zu deutsch: Rausch, auch Kraft, Stärke) auch zu seinem persönlichen Künstlernamen gewählt hat. Seit 2000 besteht dieses Projekt und hat seither viele Besetzungswechsel erfahren und auch die musikalische Ausrichtung mehrfach geändert. So war der Flirt mit der Balkanfolklore lange Zeit eine prägende Strömung in verschroben komplexen, mit viel Gebläse angereicherten Arrangements. Im Wesentlichen instrumental angelegt, gibt es in diesen phantasievollen Kompositionen gelegentlich vokale Passagen, auf dem 2016er Album „Opus“, dem ein Teil des live gespielten Materials entstammt, noch in einer ans Latein angelehnten Kunstsprache gehalten. Dies ist fürs aktuelle Werk „Klingra“ konkreterer Poesie gewichen, denn Nyberg, der nie um panskandinavische Kollaborationen verlegene, in Finnland als Angehöriger der schwedischsprachigen Minderheit aufgewachsene Bandleader hat sich in der gemessen an der Einwohnerzahl verblüffend reichen Musikszene der Färöer-Inseln umgesehen und dort seinen Pianisten Dánjal Á Neystabø  gefunden, der nun bei Afenginn für Gesang und Texte in seiner Muttersprache, dem Faringischen, zuständig ist.

Klang, der seine Richtung wechselt

Auf geblasene Töne musste man beim Konzert übrigens nicht verzichten, wobei die Band einen ganz eigenwilligen Effekt erzielte, als eine Trompete sich aus dem Off in ein Solo des Violinisten Alexander Kraglund einschlich, um es dann mit jazziger Note weiterzuführen. Gespielt vom mitgereisten Tontechniker, der dafür seinen Platz am Pult nicht verlassen hatte, um sein Werk für den transparenten Klang nicht zu vernachlässigen. Ohnehin wäre auf der Bunkerbühne kaum ein Platz frei gewesen. Zwischen dem Instrumentarium nicht mal ein Blickwinkel, um zu ergründen, ob Kim Nyberg seine Gewohnheit, barfuß zu Werke zu gehen, auch unter Tage fortführt. Egal. Es war voll und dicht, es war intensiv und berührend. Keine Muße für Äußerlichkeiten.  

Verneigt hat sich. Und jetz 'n Schluck Bier!
Afenginn aus Kopenhagen im Bunker: Kim Rafael Nyberg zeigt sich nach dem Konzert ebenso berührt wie sein Publikum

Autor*in: Rainer Schmidt

"Wenn man sich schon Illusionen macht, dann aber auch richtig. Es muss stimmen, wenns auch nur von kurzer Dauer ist." – Django Universaldilletant, Meister der Verdrängnis, distanzierter Beobachter. Versucht, coronafrei zu schreiben.

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