Kübra Gümüsay – Sprache und Sein

Kübra Gümüsay - Sprache und Sein

Kübra Gümüsays ohnehin grundlegendes Buch hat letztlich durch die tragischen Morde in Hanau eine traurige Aktualität erlangt.

Würde Kübra Gümüsay mich fragen, ob ich frei geschrieben habe, als ich über meine Gedanken bei der Lektüre ihres Buches nachgedacht habe, müsste ich wahrheitsgemäß antworten, dass ich ganz im Gegenteil sehr überlegt zu schreiben versucht habe, weil ihr Buch mir viel beigebracht hat über die Verletzungen, die Sprache anderen zufügen kann, aber auch und vor allem über die Freiheit, die möglich sein könnte und die niemand anderer als jeder einzelne von uns verwirklichen kann.

Die aufrichtige Suche nach der Möglichkeit, frei zu sprechen

Die 1988 geborene Gümüsay mischt sich schon lange in gesellschaftliche Diskurse ein. Ihr Blog „Ein Fremdwörterbuch“ wurde für den Grimme Online Award nominiert, sie arbeitet als Journalistin und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Rassismus, Feminismus und Fragen gesellschaftlicher Vielfalt. In ihrem bei Hanser Berlin erschienenen Buch „Sprache und Sein“, das dankenswerterweise mit keinem Etikett versehen ist, denkt Kübra Gümüsay, sehr gründlich über die Rolle der Sprache im gesellschaftlichen und individuellen Kontext nach. Mit einem klugen und differenzierten Blick untersucht sie, welche Rolle die Sprache für den gegenwärtigen Zustand unserer Gesellschaft spielt und welches Potential sowohl als Aggressor als auch als Heilmittel in den Worten, die wir benutzen, liegt.

Welche Rolle spielt die Sprache für den gegenwärtigen Zustand unserer Gesellschaft?

Gümüsays Buch ist voller Informationen, Beispiele und persönlicher Erfahrungen, die illustrieren, wie Menschen durch Zuschreibungen ihre Individualität verlieren. Der Druck, sich wieder und wieder rechtfertigen zu müssen für Phänomene wie Hautfarbe, Religion oder Sexualität, die für die Mehrheit der anderen selbstverständlich sind, macht aus diesen Menschen Personen, die sie nicht sein wollen und eigentlich auch gar nicht sind. Es sind diese Interaktionen, die Menschen gegen ihre bewusste Entscheidung verändern. Und all das ist so langlebig, weil Stereotypen wirken, ohne dass jemand sie anwenden muss. Sie wirken einfach, weil sie existieren und entfalten von selbst eine beängstigende Macht.

Eine Macht, die sich in der Vergangenheit jahrzehntelang nahezu ungehindert ausbreiten konnte, weil diese folgenreichen Ausgrenzungen „nur“ die Erfahrungen einiger weniger waren. Entwicklungen, die nicht ernst genommen wurden, solange sie vermeintlich ausschließlich Minderheiten betrafen. Und diese Minderheiten können dabei wiederum auf Geschlecht, Gesundheit, Religion, Hautfarbe, Herkunft, Armut usw. bezogen sein, so dass eigentlich jeder von uns potentiell irgendwann im Laufe seines Lebens betroffen sein kann oder ist.

„Bis heute finden wir es ‚mutig‘, wenn eine Person über ihre Depression spricht. Aber bitte möglichst so, dass kein struktureller Wandel eingefordert wird, sondern indem dieser Mensch sein Schicksal selbst in die Hand nimmt.“, schreibt Kübra Gümüsay in „Sprache und Sein“. Ein wichtiger Punkt, der die Verwechslung und Verfestigung von Täter- und Opferzuschreibungen manifestiert, ist die Berichterstattung der Medien, die z.B. davon berichten, dass eine Frau wegen ihres Kopftuches angegriffen wird, statt klarzustellen, dass der Grund des Angriffs im Rassismus des Täters bestand. Gümüsays Verdienst ist, ihre Leser*innen an diesen und vielen anderen Stellen für die Wirkmacht selbstverständlich verwendeter Floskeln zu sensibilisieren. Klug und weitreichend beleuchtet sie die Mechanismen, wie sich Wahrnehmung und Meinungsbildung verschieben, so dass wir uns schließlich in einer Gesellschaft wiederfinden, „[…] in der sich jene rechtfertigen müssen, die Ertrinkende im Mittelmeer retten. Und nicht diejenigen, die ihre Hilfe verweigern.“

Die Rolle, die die Medien bei der Wahrnehmung spielen

Kübra Gümüsay argumentiert dabei zuweilen einseitig, aber weder aus Verblendung noch aufgrund mangelndem Differenzierungsvermögen, sondern weil sie denen, die zu lange zum Schweigen gebracht wurden, eine Stimme geben will. Weil sie der berechtigten Forderung Nachdruck verleihen will, dass wir alle Verantwortung übernehmen müssen für die Begriffe, die wir verwenden.

„Es gibt keine Sprachpolizei oder Zensur“, zitiert Gümüsay die Autorin und Aktivistin Tupoka Ogette. Jeder dürfe alles sagen, müsse aber auch Verantwortung für das eigene Sprechen übernehmen: „Wenn du das N-Wort benutzt, dann tue es in dem Bewusstsein darüber, dass du dich damit bewusst rassistisch verhältst und Menschen damit verletzt. Du bist nicht mehr unschuldig.“

Die jüngsten Geschehnisse in Thüringen sieht Gümüsay als Konsequenz der Infiltrierung des Diskurses durch Rechte. Einer Beeinflussung, die jahrelang nicht oder kaum wahrgenommen wurde.1

Ausgrenzende Rhetorik vergiftet den gesellschaftlichen Diskurs

In „Sprache und Sein“ setzt sie der ausgrenzenden Rhetorik, die unsere Gesellschaft zunehmend vergiftet, Aufklärung entgegen und fordert zu Haltung und Selbstermächtigung auf. Ihre „Streitschrift“, um jetzt meinerseits doch ein Etikett zu gebrauchen, ist nicht zuletzt ein Aufruf, Utopien gegen die gerade wenig erfreuliche Gegenwart zu entwerfen und vor allem diese Utopien zu leben, Gegenentwürfe zu verwirklichen, wo immer es möglich ist.

Das heißt nicht zuletzt, sich immer wieder vor Augen zu führen, dass es nicht um Einigkeit geht, sondern um eine respektvolle Auseinandersetzung. Eine Auseinandersetzung in der wir uns die Anstrengung zumuten, Vielfalt an die Stelle von Stereotypen zu setzen

„Wir brauchen zahlreiche Betrachtungen dieser Welt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, die gleichberechtigt nebeneinanderstehen.“

Indem wir der Angst vor dem Fremden Neugierde entgegensetzen, können wir uns und anderen helfen, wieder frei sprechen zu lernen. Dabei geht es um die Suche nach neuen Räumen des Sprechens und Denkens, nach neuen Möglichkeiten zu reden: „[um] geistige Spielfreude, […] nicht zu Ende Gedachtes zu teilen, eine Idee dafür zu öffnen, dass eine andere Person sie weiterspinnen kann – das ist es, was ich in den öffentlichen Diskursen vermisse.“, schreibt Gümüsay und macht mit ihrem klugen Buch Mut, sich nicht nur mit anderen Sichtweisen, sondern auch mit der eigenen Begrenztheit auseinanderzusetzen, um Austausch an die Stelle von Abgrenzung zu setzen.

1https://www.br.de/nachrichten/kultur/kuebra-guemuesay-buch-sprache-und-sein,RppfjGo

Elke Engelhardt

Autor*in: Elke Engelhardt

Schreibt mit nicht nachlassender Begeisterung über Bücher. Ganz selten schreibt sie selbst eins.

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