Populärmusik aus Trallala

Auch Brit Dehler, Ensemble-Mitglied des Stadttheaters Bielefeld, hat einen Auftritt in Gieselmanns "Hanna Silber" (Foto: Screenshot)

Wenn einem Bühnenautor vom Format David Gieselmanns die deutsche Popmusik mit ihren ganzen Eitel- und Nichtigkeiten, „privaten“ Seifenopern und gelegentlichen Flirts mit der strammen politischen Rechten unter die Finger gerät, darf man auf ein veritables verbales Schlachtfest hoffen.  Ist ihm das mit „Hanna Silber“ gelungen, seinem aktuellen, virtuellen Stück, bei dem es sich um eine lose Folge von am Ende vierzig Schauspiel-Monologen handelt?

Die Antwort lautet „Jein“ und müsste von dem gleichen, leicht gequälten Lächeln begleitet werden, das Guido Wachter und Katharina Solzbacher als Mitglieder des Fanclubs „Die Silberfische“ in einem der witzigsten Clips der Collage aufsetzen, als sie gefragt werden, ob ihnen denn die englischen Lieder Hanna Silbers auch gefallen würden. Man kann an dem skurrilen Geplänkel der beiden Ex-Bielefelder Theaterleute Vergnügen finden, auch ohne zu wissen, worum es in diesem „Irrgarten der Stimmen“, wie Gieselmann sein Coronazeit-Schauspielexperiment nennt, eigentlich geht.

https://vimeo.com/406499538

Es geht natürlich um Hanna Silber. Und die ist weg. Schon wieder scheint der Erdboden einen Menschen verschluckt zu haben in einem Stück David Gieselmanns. Langsam entwickelt sich der Autor, der seit „Falscher Hase“ (2011) mit dem Theater Bielefeld verbunden ist, zu einer Art Kommissar Süden, da ihm offenbar wie dem Protagonisten der Kriminalromane Friedrich Anis die Verschollenen unserer Tage keine Ruhe lassen. Nach der Schauspielerin Sissy Murnau, um deren rätselhaftes Verschwinden sich vor vier Jahren eine gleichnamige vierteilige Theaterserie drehte, geht es in der unabhängigen Produktion diesmal um die Popsängerin Hanna Silber.

Am Beispiel ihres überraschenden Untertauchens zeichnet Gieselmann nach, was schon bei „Sissy Murnau“ zentrales Thema war: Das Spannungsfeld zwischen Popularität und Identität, Wahn und Wahrheit, Ruhm und Einsamkeit, Selbstoptimierung und Selbstverlust. Und es entbehrt nicht der Ironie, dass seine abwesende Heldin ausgerechnet in einer Zeit allgemeiner Maskenpflicht im Stückverlauf gnadenlos demaskiert wird. Heruntergerissen wird die Larve, die sie schützte und gleichermaßen isolierte, mehr oder weniger absichtsvoll von etlichen Zeug*innen, die per Videoanruf  zu Hanna Silber befragt werden.

Das Verschwinden von Hanna Silber wird überbewertet

Bislang ist die Person, die diese Interviews führt, unbekannt.  Aber noch sind nicht alle Vimeo-Clips veröffentlicht, und wer weiß, was sich Gieselmann als Schlusspointe ausdenkt. Sein spielerisches Format in Eigenregie hat neben einigen gravierenden Nachteilen den Vorzug, für spontane Einfälle offen zu bleiben. Zu seinen größten Nachteilen gehört, dass es keine oder kaum Interaktion zwischen einzelnen Schauspieler*innen gibt, was schnell zu Ermüdung führt, zumal sich einige Clips im Tenor gleichen. Etwa, wenn die gesamte eitel-neidische Entourage der Pop-Diva zu Wort kommen darf und davon erzählt, wie genial sie selbst sei, wie wenig Hanna Silber von dieser Genialität Gebrauch gemacht und auch nie einen Finger für sie gekrümmt habe. Generell ziemlich ätzend (gewesen) sei oder – ein weiterer Aspekt, der ebenfalls von zu vielen Seiten beleuchtet wird – einfach eine arme, einsame Seele.

Auf der anderen Seite ist es ohne Zweifel virtuos, wie Gieselmann das Stück als Ganzes komponiert und in Monologe fragmentiert hat, und wie er alles verhackstückt, was im Dunstkreis der deutschsprachigen Volksmusik- und Popszene so herumgeistert:  Von Fischer und Silbereisen über Bilderbuch bis Xavier Naidoo, Lena Meyer-Landrut und Sarah Connor. Von Sektierertum bis Verschwörungstheoriesucht.  Überhaupt, wie sophisticated er dem popkulturellen Mainstream, der ja immer auch Rückschlüsse auf den gesellschaftlichen Zeitgeist zulässt, seinen Spiegel vorhält.

Und dann lässt sich auch lachen und staunen, wie originell die einzelnen Künstler*innen sich vor der eigenen  Laptop-Kamera in Szene setzen. Da ist Nicole Lippold, die ausgerechnet als penible und noch dazu aristokratische Stimmtrainerin aufgrund der schlechten Mikroqualität nur schwer zu verstehen ist. Da ist Thomas Wolff, der im Gestus der Überbietung, den viele der zu Wort Kommenden an sich haben, professoral von „Textexegese“ schwafelt, wo es sich bei seinen Mutmaßungen über den Verbleib Hanna Silbers doch um schlichte Textinterpretation handelt. Und da ist Georg Böhm, der als liebenswert verpeilter Bassist Rüdiger als einer der wenigen ernsthaft um Hanna Silber besorgt scheint.

Auch andere bekannte Gesichter vom Theater Bielefeld tauchen auf in den 3- bis 7 minütigen Kurzfilmen, und es gibt ein Wiedersehen mit Jakob Walser. Der kunstvollste Auftritt gelingt der Schauspielerin und Sängerin Jannike Schubert in der Rolle der persönlichen Assistentin Hanna Silbers in einem Clip, der ästhetisch zwischen Softporno und großer skandinavischer Filmkunst angesiedelt ist.

https://vimeo.com/408923117

Wird Hanna Silber also wieder auf der Bildfläche erscheinen, wie einst Sissy Murnau? War sie wie die Schauspielerin am Ende im geheimnisvollen Land Nara? Das als (W)ort im übrigen ebenso in ihrem Namen steckt, wie „Berlin“ und „L.A.“. Zufall oder Spur? Dass einem so etwas überhaupt auffällt, liegt an der spielerischen Leichtigkeit, die Gieselmanns Stück besitzt und die ein bisschen ansteckend wirkt. Man sollte es nicht zu ernst nehmen. „Hanna Silber“ ist eine Komödie, Ablenkung, Zeitvertreib.

Nur wenn der Autor noch einmal mit einem Verschwundenen ankommen sollte, auch wenn es sich dabei zur Abwechslung um einen Mann handeln würde, der dann vielleicht ein Tennis-Promi wäre und Stefan von Niebeck heißen würde, weil Gieselmann es liebt, mit Namen und Anspielungen auf reale Figuren zu arbeiten, würde man ihm zurufen: Stop, jetzt reicht’s. Wir haben verstanden. Es ist schwer, ein Star zu sein. Und schwerer noch ein echter Mensch.          

Antje Doßmann

Autor*in: Antje Doßmann

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.