Das leise Aus für die „Kultur in der Provinz“

Christian Grube mit einer Mappe voller Programmhefte der Reihe "Kultur in der Provinz". Hinter ihm hängt ein angekauftes Werk des Herforder Künstlers Bruno Krenz.
Christian Grube mit einer Mappe voller Programmhefte der Reihe "Kultur in der Provinz". Hinter ihm hängt ein angekauftes Werk des Herforder Künstlers Bruno Krenz. Foto: Ralf Bittner
Seit Ende der 1980er Jahre präsentierte die von Christian Grube konzipierte Reihe „Kultur in der Provinz“ in der Gemeinde Hiddenhausen Kabarett, Musik, Literatur und Kunst. Ende dieses Monats geht Grube in den Ruhestand, auf ein Minimum reduziert wurde die Reihe aber schon im vergangenen Jahr.

Das erste Programmheft erschien Anfang 1988. Von Anfang an spielte das politische und literarische Kabarett ein große Rolle. Richard Rogler, Hans-Dieter Hüsch, Hans-Werner Olm oder Volker Pispers traten auf der Bühne auf. Erst im Jugendheim Schweicheln, dann in der Aula oder auf der später eingebauten Kleinkunstbühne in der Olof-Palme-Gesamtschule. Einige am Anfang ihrer Karriere und dann immer wieder. Pispers hielt der Veranstaltungsstätte in der Provinz sogar bis zu seiner Abschlusstournee die Treue. Auch die Impro-Comedians von der „Springmaus“ kamen und kommen seit Jahren.

Konstantin Wecker oder Götz Alsmann waren hier zu erleben. Die Schauspieler Ben Becker oder Walter Sittler präsentierten ihre Programme. Katharina Thalbach reiste eigens an, um das im Bielefelder TPK-Verlag erschienene Buch „Der Holzwurm Hannibal – Eine Spurensuche in Hiddenhausen“ vorzustellen. Dazu kamen Lesungen, Ausstellungen renommierter Künstler*innen der Galerie im Rathaus und viele Angebote für Kinder, meist in der Gemeindebücherei.

Treue Fans, großes Risiko

Eine treue Fan-Gemeinde hatte die „Celtic Night“, die Open Air auf dem Gut Bustedt stattfand, allerdings bei hohem Risiko. „Wir hatten mal 300 oder 400 Besucher bei lauem Sommerwetter, bei Regen und frühherbstlichem Frost kamen dann wieder nur die ganz hartgesottenen Fans. Und wenn dann auch noch eine sechsköpfige Formation wie Líadan aus Irland anreist, ist klar, dass an Kostendeckung nicht zu denken ist“, sagt Grube.

Die Reihe machte die Gemeinde bekannt

Vor allem in den frühen Jahren bescherte das Programm der Gemeinde eine Bekanntheit weit über die Region hinaus. „Das studentische Publikum aus Bielefeld kam in die kleine Gemeinde, von der es sonst nie etwas gehört hätte“, erinnert sich Grube. Der Grund dafür war einfach: „Es gab damals in Bielefeld keine Spielstätte, die derartige Veranstaltungen angeboten hätte. Heute sind es mindestens sechs oder sieben.“ Hiddenhausen sei damals mit seinen Veranstaltungen, die heute unter „Kleinkunst“ laufen, ein Vorreiter in der Region gewesen.

Heute sind es nicht nur Bielefeld oder Osnabrück, sondern auch die kleineren Kommunen in der Nähe – Löhne, Kirchlengern, Bünde – die den Wert ähnlicher Reihen als „weichen Standortfaktor“ erkannt haben. Auch Theater präsentieren inzwischen aus dem Fernsehen bekannte Kabarettisten und Comedians. „Bekannte Namen garantieren ein volles Haus und sind gleichzeitig billiger als eine aufwendige Theater- oder gar Opernproduktion mit Solisten, Chor und Orchester“, sagt Grube.

Die Interessen des Publikums haben sich verändert

Dagegen habe die Gemeinde mit ihren 20.000 Einwohnern nicht konkurrieren wollen und können. In den vergangenen Jahren seien die Besucherzahlen stetig gesunken und der Zuschussbedarf entsprechend gestiegen. Das Publikum sei teils ins Internet, teils zu Großevents im Stadionformat abgewandert oder finde wie in Bielefeld ein so großes Angebot vor, dass es nicht mehr in einen Nachbarort fahren müsse. Auch die Praxis, noch unbekannten Talenten eine Auftrittsmöglichkeit mit Garantiegage zu bieten, sei leider mit den Sparzwängen nicht zu vereinbaren. Angesichts dieser Entwicklungen sei das Aus für die Reihe letztlich zwar schmerzlich aber nachvollziehbar.

Ein reduziertes Angebot soll bleiben

Immerhin solle es die Kinderveranstaltungen in und mit der Gemeindebücherei weiter geben. Auch die Galerie im Rathaus werde weiter bespielt – die Zeiten, als die Gemeinde Werke der Ausstellenden ankaufte, seien aber schon lange vorbei.

Die Gemeinde wird weiter lokale Akteure wie die Kabarettgruppe „Die Freischwimmer“ oder Chöre etwa durch das Überlassen der Aula unterstützen. Gleiches gelte für das Open-Air-Rockfestival „Schweicheln Rock City“. Das ist zwar von Musikern der Region und den „Falken“ selbst organisiert, wird aber von der Gemeinde durch das Stellen einer Bühne und der Absperrungen unterstützt.

Eine Akademikerkarriere der 80er

Grube, außer Koordinator des Kulturprogramms auch 34 Jahre lang Pressesprecher der Gemeinde, ist auch ein Beispiel für Akademikerkarrieren jener Zeit. Als arbeitsloser Lehrer begann sein Weg auf einer ABM-Stelle. „Die Fächer Biologie, Deutsch, Kunst und Medienpädagogik waren Mitte der 80er Jahre nicht gefragt“, sagt er. Der Anfang 2019 verstorbene Herforder Künstler Jürgen Heckmanns, einer von Grubes Dozenten an der Universität Bielefeld, hatte ihn auf die Hiddenhauser Stelle aufmerksam gemacht.

„Ich dokumentierte die Veränderungen in der Gemeinde auf Video und fotografisch“, sagt Grube. Als sich das Ende der ABM-Phase abzeichnete, entstand die Idee zu „Kultur in der Provinz“. „Letztlich schuf ich mir meine Stelle selbst. Damals wurde viel handgemacht“, sagt Grube. Einer der damals mit Hand beim Bühnenbau anlegte, ist der heutige Bürgermeister Ulrich Rolfsmeyer.

Ob und in welchem Rahmen es in Hiddenhausen weiter ein Kulturprogramm geben wird, hänge sicher vom Ergebnis der kommenden Kommunalwahl ab, sagt Grube. Da auch Rolfsmeyer nicht mehr antritt, werde es auf jeden Fall einen Wechsel geben. Grube ist weiter überzeugt davon, dass außerschulische Begegnungen mit Kunst und Kultur live und vor Ort wichtig für die Menschen und für deren Zusammenkommen in einer Gemeinde seien. Er werde die weitere Entwicklung aber nur noch als neutraler Beobachter aus der Ferne verfolgen.

Anmerkung: Das dem Text zugrundeliegende Gespräch wurde vor Ausbruch der Corona-Krise geführt.

Ralf Bittner

Autor*in: Ralf Bittner

Ralf steht lieber hinter als vor der Kamera, erkundet seine Welt gern zu Fuß und hat ein Herz für Großartiges in kleinen Locations.

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