KRISEN GESTALTEN

Selten wurden die Coronakrise und ihre Auswirkungen innerhalb des "ExtraZeit"-Projektes so direkt thematisiert wie auf dieser Arbeit Elisabeth Lasches

Corona, Kontaktsperren, das plötzliche Getrenntsein von Bekannten und Familie und das Ganze mitten in einer Phase eigener Sorgen  – manchmal ist die Krisenkiste so voll, dass es Not tut, ein paar Gestalten der künstlerischen Phantasie entspringen zu lassen, die zu Hilfe eilen. Nicht nur zum eigenen „Noch-Ganz-Bei-Trost-Sein“, sondern auch zur inneren Aufrichtung eines anderen Menschen, einer Freundin. Von der dann im Glücksfall eigene Gestalten zurückgesendet werden, mit gänzlich anderem Aussehen zwar, aber gleicher Botschaft: „Auch ich denke an dich.“

Elisabeth Lasche

Trost senden, Trost empfangen mit den Mitteln der Kunst. So hielten es Elisabeth Lasche und Sybille Lindemann, als sie ihr gemeinsames Projekt „ExtraZeit“ starteten, bei dem es um einen täglichen Austausch von gemalten, skizzierten, collagierten Lebenszeichen gehen sollte. Ein Ritual, das schnell schöne Fahrt aufnahm, und während sich alle Welt vor Ansteckung fürchtete, freuten sich die beiden Bildenden Künstlerinnen gerade über diesen Effekt: die Übertragung der eigenen Schaffensbegeisterung.

Extravagante Wesen im Kleinformat

Beim Betrachten der Bilder, die durch ihren regelmäßigen Austausch entstanden, wird allein durch die Fülle der Arbeiten die Dauer der Coronakrise greifbar, die sich selten konkret in ihren Kompositionen niederschlägt, aber in der Chronologie als Durchschreiten eines inneren Prozesses mit verschiedenen Stimmungslagen zu erkennen ist. Auffällig ist zudem, dass die extravaganten Wesen, die sich auf den Kleinformaten in Postkartengröße tummeln, mehr und mehr Eigenleben entwickeln. Und obwohl sie kaum direkten Bezug aufeinander nehmen, erscheint eine geheime Verbindung unter ihnen innerhalb des Vorstellbaren.

Also wer weiß, was sie noch vorhat, diese schnelle, gemischte Einsatztruppe aus dem Coronakrisengebiet, der man einiges zutraut an gewitztem Überlebensmut? So schräg, so geheimnisvoll, so selbst versehrt und unvollkommen sie auch daherkommen mag. Zusammengestrichelte, gepinselte, geschnipselte, geklebte Wesen sehr unterschiedlicher Natur.

Elisabeth Lasche

Neben diesem Gefiederten aus einer Serie nachträglich auftauchender Vögel vor winterlicher Monochromie gibt es zum Beispiel Krokodile auf Landgang, seltsame Sofa-Sphinxen, ein Okapi am Abgrund zu bestaunen in den manchmal wunderbar ausufernden, dann wieder auf eine Kernidee konzentrierten seriellen Arbeiten Elisabeth Lasches. Und Humor ist bei ihr fast immer im Spiel.

Abenteurer aller Art, Freibeuter und Leichtmatrosen, Arche- und Ethnotypen finden sich hingegen in den an Holzschnitte erinnernden Collagen Sybille Lindemanns. Frauen mit enormen Hüten, Herrscher und Halunken, Vogelmenschen auf High Heels –  etwas Archaisches, etwas ins Land der aufgehenden Sonne Weisendes blitzt aus ihren klaren Arrangements entgegen.

Sybille Lindemann

Einige der Gesellen, die eine Liebe zu Stoffmustern und großen Ohrringen erkennen lassen, wirken wie verirrt auf der Postkarte, als wären sie versehentlich vor Lindemanns Linse gelaufen und wüssten noch nicht ganz, was sie nun zu tun hätten. Andere hingegen haben sich inzwischen, wie man hört, so weit verselbständigt, dass ihnen von der Künstlerin eine Geschichte angedichtet wurde, die sie zu Helden eines Kinderbuches für die Familie machte. Spannend! Solche Krisengewinnler betrachten wir gerne.

Sybille Lindemann

ExtraZeit

Kunstprojekt von Elisabeth Lasche und Sybille Lindemann zu sehen in der gleichnamigen Ausstellung. Mit weiteren Arbeiten von E. Lasche. Ort: Produzenten-Galerie in der Rohrteichstraße 36 (Bielefeld). Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

Öffnungszeiten: von 13. Juni bis zum 7. Juli 2020 jeden Samstag 12-14 Uhr und dienstags von 16.30 -18.30 Uhr. Nach den Vorschriften der allgem. Hygienebestimmungen in Corona-Zeiten und nach Vereinbarung an anderen Tagen (0160-96685577).

Antje Doßmann

Autor*in: Antje Doßmann

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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