Mit dem Rücken zur Wand

Eine Frage, die zur Zeit viele in ihrem Herzen bewegen. Im Rahmen des Projektes "Culture For Future" entstand das Projekt "Gegen den Strich". (Foto: Matthias Gräßlin)

Freie Theater sind in aller Regel krisenerfahrene und kampferprobte Überlebenskünstler. Finanzielle Engpässe oder notgedrungene Planänderungen und Standortwechsel bis hin zum drohenden Aus waren für sie auch schon vor Corona ernste Realitäten. Doch die aktuelle Krise mit dem erst einhergehenden monatelangen Veranstaltungsverbot und den sich anschließenden strengen Auflagen zwingt die Ensembles und Spielstätten in die Knie wie nie zuvor.

Dabei mangelt es nicht an festem Willen, in der extrem schwierigen Lage einfallsreich, optimistisch  und flexibel zu bleiben, wie der Blick auf einzelne Aktivitäten in der Bielefelder Szene offenbart. „Eigentlich arbeiten wir mehr als vorher“, sagen Indira Heidemann und Ralph Würfel vom Tor 6 Theaterhaus.

Was tun?

„Weicht ins Internet aus!“ – kaum waren seit dem 12. März alle öffentlichen Veranstaltungen in Bielefeld untersagt, schallte dieser Ruf den Theaterschaffenden schon von vielen Seiten  entgegen. Die Verlagerung von Aufführungen in den digital unterstützten Raum schien das Gebot der Stunde. Für entsprechende technische Nachrüstungen gab es relativ unkompliziert Sachmittelzuschüsse, wichtige Kooperationspartner und Förderer wie das Kulturministerium und die Kunststiftung NRW machten ihre Kulanz von der Bedingung abhängig, in der Virtualität entstehen zu lassen, was in der Realität nicht mehr möglich war: Theaterkunst.

Eine Rechnung, die in gewisser Weise ohne den Menschen gemacht wurde. Und zwar sowohl ohne den schauspielenden als auch den zuschauenden Menschen. Denn gerade das freie, sozial engagierte Theater lebt von der Begegnung im analogen Raum, die letztendlich erst zur Vollendung des Theaterstücks oder der Performance führt. Dabei geht es um die Kunst der Gabe und des Gabentausches. Die Bielefelder Professorin Ingrid Hentschel hat erst im vergangenen  Jahr einen Forschungsbericht herausgegeben, der eindrucksvoll zu dem Schluss kommt, dass Theater beides braucht: ästhetische Autonomie und soziale Praxis, Realität und Spiel.

Und nun sollte über Nacht (und der Not gehorchend natürlich) aus dieser konstitutiven Unmittelbarkeit eine wie auch immer geartete Mittelbarkeit werden. Aber was ist das Theater ohne Körperlichkeit, ohne Berührung, ohne gemeinsames Erleben? Eigentlich kaum denkbar. Oder doch? Wir haben uns umgehört und starten an dieser Stelle mit einem Lagebericht aus der Theaterwerkstatt Bethel eine kleine Serie über die aktuelle Situation an den Bielefelder Theatern.

„Kultur ist für uns lebenswichtig.“ So steuert die Theaterwerkstatt Bethel durch die Zeiten von Corona    

Nicht alle freien Theater konnten oder wollten spontan auf den Digitalisierungszug aufspringen, der durch die Coronazeit raste. Die Theaterwerkstatt Bethel gehörte dazu – aus guten Gründen. Jeder, der schon einmal eine der starken Produktionen des inklusiv arbeitenden Projektes erlebt hat, weiß, welch besonderen künstlerischen und theatertherapeutischen Kräfte dort am Werk sind. Das ist Interaktion auf sehr komplexe Weise und ständige Auseinandersetzung mit den Feldern Nähe und Distanz. Unmöglich, das zu simulieren, obwohl einige Leute genau das auch von ihnen erwarteten. „Im Mai“, so erzählt Matthias Gräßlin, Leiter der Theaterwerkstatt, „waren wir zum Beispiel im Rahmen eines Festivals eingeladen, in der Kölner Michaeliskirche mit einer Performance zum Thema Begegnung mit der Stadtgesellschaft aufzutreten. Wir hätten dort auf der Schwelle der Kirche gestanden und Passanten in unser Spiel einbezogen. Nun hieß es krisenbedingt, wir sollten das Ganze aufzeichnen und online präsentieren. Wie sollte das gehen?“

 Natürlich lehnen sein Kernteam und er die neuen Medien nicht grundsätzlich ab und nutzen sie aktuell intensiv, um im regelmäßigen Austausch mit den Mitgliedern des Ensembles zu bleiben und sich künstlerkollegial weiter zu vernetzen. Auch zur Dokumentation und Verbreitung solch schöner, poetischer und belebender Aktionen wie „Gegen den Strich“ oder „Eine Fläche Kunst für dich“ wird der kommunikative Aspekt des Internets gerne genutzt.

Zudem ist mit der Videokonferenz „Volxkultur//Voll vernetzt“ ein neues Format  geplant, in dem sich Matthias Gräßlin mit weiteren Mitwirkenden der Volxakademie für inklusive Kultur performativ mit den sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Pandemie auseinandersetzen wird. Die berechtigte Sorge und das künstlerische Entgegenwirken des Teams betreffen die Gefahr, dass wichtige Schritte, die in der inklusiven Kunst und Kulturarbeit getan wurden, auf zu lange Sicht ausgesetzt werden. In Kontakt zu bleiben, ist daher bei allen Aktionen der Theaterwerkstatt Bethel das oberste Anliegen. Niemand soll und darf das Gefühl bekommen, vergessen zu sein oder (erneut) ausgeschlossen.  

„Pas de deux – ästhetische Dialoge in Zeiten von Corona“ heißt eine weitere Aktion der Theaterwerkstatt. Das vom Fonds Soziokultur im Rahmen des Programms Inter-Aktion geförderte Projekt startet im Juni. (Foto: Matthias Gräßlin)

Besonders bitter war für die Theaterwerkstatt Bethel die vorläufige Trennung von den 13, mit der Projektarbeit vertrauten freien Mitarbeitenden. Die Planungsunsicherheit sei generell eine große Belastung. Für kleine Häuser ist es beinahe unmöglich, den wenigstens kostendeckenden Spielbetrieb wieder aufzunehmen, solange die Corona-Hygieneschutzverordnungen gelten. Da gibt es buchstäblich zu wenig Spielraum. Und bevor man den Schauspielenden falsche Hoffnungen auf eine Aufführung macht, habe man sich in der Theaterwerkstatt dazu entschlossen, die nächsten Premieren weit nach hinten zu verschieben. Denn unter der Trägerschaft eines Gesundheitsbetriebes wie Bethel zu stehen, bedeute für das Volxtheater und das Jugendvolxtheater selbstverständlich eine besondere Verpflichtung zur Einhaltung der Schutzverordnungen, so Matthias Gräßlin. Wenn ihm diese schwierige Zeit eines deutlich vor Augen geführt habe, dann dieses: Nichts so schön und nichts so wichtig, wie zu reden, zu lachen und zu spinnen. Nichts ist so inspirierend wie das direkte Zusammenspiel. Ganz real und analog.         

Antje Doßmann

Autor*in: Antje Doßmann

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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