Ein letztes Aufflackern der Kultur?

Ein stiller Protest, weniger medienaffinen Passanten werden gelegentlich Worte zum Verständnis angeboten. Gesehen am Bielefelder Jahnplatz. Foto: Achim Borchers

In der Nacht vom 22. auf den 23. Juni wurden ab 22 Uhr in mehr als 250 Städten Eventlocations, Spielstätten, öffentliche Gebäude und Bauwerke mit rotem Licht illuminiert. Normalerweise sind die beleuchteten Gebäude Hingucker bei Events wie der „Nacht der Museen“, jetzt wurden die vielen Aktionen zu einem strahlenden Mahnmal, das auf die Not der Kultur- und Veranstaltungsbranche hinweisen sollte.

Das Stadttheater Herford leuchtet rot in der Night of Light. Der 1961 eröffnete moderne Bau steht unter Denkmalschutz und ist sanierungsbedürftig. Aktuell (Stand 22.6.) ist der Spielzeitstart auf Silvester verschoben. (Foto: Ralf Bittner)

„Die nächsten 100 Tage übersteht die Veranstaltungswirtschaft nicht!“, so beschreiben die Initiatoren der bundesweiten Aktion „Night of Light“ die Lage der Kultur- und Veranstaltungsbranche. Mit dem Verbot aller Großveranstaltungen aufgrund der COVID-19 Krise sei einem kompletten Wirtschaftszweig seit dem 10. März faktisch die Arbeitsgrundlage entzogen.

Keine Einnahmen in Sicht, bei laufenden Kosten

Betroffen von den Einschränkungen sind kommerzielle Veranstaltungen wie Messen, Tagungen oder Kongresse, aber auch Konzerte oder Theateraufführungen. Selbst die vorsichtigen Lockerungen der vergangenen Tage seien keine wirkliche Hilfe, heißt es weiter, denn Hygieneauflagen oder eine Begrenzung der Teilnehmerzahl machen viele Veranstaltungen so unwirtschaftlich, dass sie ausfallen müssen, obwohl sie stattfinden dürfen. So seien auf absehbare Zeit keine Einnahmen in Sicht, während Fixkosten wie Mieten oder Versicherungen weiterlaufen. Das Sterben einer Branche mit 1 Million Beschäftigten sei absehbar.

Auch die Kleine Markthalle in Herford strahlt in Rot. Hier findet sich außer der Tourist-Info auch ein Veranstaltungsraum, der für Lesungen und ähnliche Veranstaltungen genutzt werden kann. (Foto: Ralf Bittner)

Auch wir schwärmten aus, um wenigstens einige der Not-Nachtlichter fotografisch zeigen zu können. Initiiert von der Veranstaltungsbranche, vermitteln die Bilder einen Eindruck von der Vielfalt des kulturellen Lebens, das als selbstverständlich angesehen und daher oft übersehen wird. Unser kleiner, nicht-repräsentativer Rundgang zeigt aber auch, wie unterschiedlich die Bedingungen selbst im öffentlich geförderten Bereich sind. In Theaterhäusern mit eigenem Ensemble wird gespielt, weil ein Sockelbetrag an Personalkosten ohnehin anfällt, ein Gastspieltheater wie das Herforder Stadttheater hat den Saisonstart bis Silvester verschoben (prüft aber die Revision des Beschlusses).

In Bielefeld beteiligte sich u.a. das Alarmtheater an der Aktion (Foto: Achim Borchers)

Auch Museen haben geöffnet. Allerdings fallen auch hier Jobs vieler „Freier“ weg, die oft als Aufsicht, im Bereich der Museumspädagogik oder als Helfer beim Aufbau arbeiten. Das sind die sogenannten „Solo-Selbstständigen“, an denen die meisten Unterstützungsprogramme und Soforthilfen ebenfalls vorbeilaufen.

Ein nächtliches Schlaglicht

Schließlich wurde die bei idealen Wetterbedingungen in einer der längsten Nächte des Jahres stattfindende „Night of Light“ auch vom Schaustellergewerbe sowie von einzelnen Performance-Künstler*innen genutzt, um mit dem einfachen, aber wirkungsvollen Mittel der Beleuchtung auf die große Not der Zunft und Szene hinzuweisen.

Solidarisierten sich mit der Aktion: Schausteller bei „Night of Light“ (Foto: Achim Borchers)
Ralf Bittner

Autor*in: Ralf Bittner

Ralf steht lieber hinter als vor der Kamera, erkundet seine Welt gern zu Fuß und hat ein Herz für Großartiges in kleinen Locations.

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