Und der Tod wird keine Macht haben

Schrittmacher traf TANZ-Jugendclub im Tor 6 Theaterhaus. Foto: Lioba Schöneck

Schrittmacher trifft TANZ-Jugendclub: 21 Tänzer*innen begegneten sich auf der Bühne des Theaterhauses im Tor 6 unter dem Motto “Music was my…” zu einer erstaunlich reifen Performance

Es gibt Tanztheatermomente – und in Bielefeld sind sie nicht selten zu erleben –  , da weckt einen der jubelnde Schlussapplaus des Mitpublikums beinahe unsanft aus einer Art Benommenheit, die sich eingestellt hat durch die Tiefe und die Dichte, in die das Bühnengeschehen zuvor mit magischer Kraft hineingezogen hatte. So geschehen jüngst bei der Performance “Music was my…”, die das Tanz-Projekt Schrittmacher unter der künstlerischen Leitung von Gianni Cuccaro zusammen mit dem von Kerstin Tölle geführten TANZ-Jugendclub auf die Bühne des Theaterhauses im Tor 6 auf die Beine  gestellt hatte.

Was für ein Genuss, was für ein stiller Triumph! Kaum zu glauben, dass es tatsächlich Laien waren, die mit ihrer Tanz- und Bewegungskunst anderthalb Stunden lang ein Gewirr aus verschiedenden losen biografischen Fäden zu einem großen gemeinsamen Teppich des Lebens verwoben hatten. Sie alle taten dies mit beeindruckender innerer Ruhe, fließender Leichtigkeit, traumwandlerischer Präzision. Nachdem das tänzerische Rencontre der beiden Projekte im vergangenen Jahr unter dem Thema “Lieblingsbücher” gestanden hatte, ging es diesmal um Musik. Von welchen Kompositionen wurden die Menschen, die sich in den beiden Laien-Formationen unabhängig voneinander zusammengefunden und nur wenige Wochen zusammen geprobt hatten, persönlich beeinflusst? Mit welchen Gefühlen waren diese Stücke für sie verbunden und wie die seelischen Räume beschaffen, die sich hinter ihnen öffneten?

Was bedeutet Musik für uns?

Zu diesen Fragen hatten die beiden Gruppen im Vorfeld mit verschiedenen Choreograf*innen zusammengearbeitet. Neben Cuccaro und Tölle waren das Hsuan Cheng-Floth, Iris Boer, Sebastian Pickering und vor allem der Brite Adrian Look, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass die Performance wie aus einem Guss wirkte, ein roter Faden erkennbar wurde und das getanzte Geschehen zwar punktuell unterschiedliche individuelle Gestalt annehmen konnte, aber immer orientiert blieb an den Lebensbedingungen des Menschen im allgemeinen. Unser Geborenwerden, unser Sterbenmüssen und das unbegreifliche große Ganze, das dazwischen liegt mit all den Höhenflügen und Bruchlandungen, die es für jeden von uns bereit hält. Diese grundlegende Erkenntnis, dass wir allein vieles, in der Gruppe aber erst alles sein können. Die berührende Performance fand dafür kaleidoskopartige, sich bildende und wieder auflösende Choreografien von bewegender Schönheit.

Überwindung

Der vielschichtige, im Grundton eher dunkle Soundteppich, mit dem die Performance unterlegt war, unterstrich die emotionalen Verbindungen zwischen den 21 Tanzenden einerseits, ihnen und dem Publikum andererseits. Mozarts “Requiem” am Ende und das mutige, intensive Sichhineinbegeben des Ensembles in die tiefe Stimmung des Todes sorgten für angehaltenen Atem, Gänsehautmomente. Alles, was diese außergewöhnliche Performance ausmachte, alles, was das kooperative Tanz-Projekt insgesamt auszeichnet, kam in dem transzendenten Schlussbild zum Ausdruck: das Leben und seine Grenzen, die Kraft der Begegnung und das Wunder der Überwindung. Großartig!

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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