Halt im Stillstand

Einem inneren Kompass durch das Gewirr des Lebens und der Zeit zu folgen, ist dieser Tage keine schlechte Option. Bei Jürgen Heinrich erscheint dieser Kompass mitten durchs Herz gelegt.

Als Jürgen Heinrich und der Kunstverein Oerlinghausen am 1. März zur Vernissage von “Notturno” in die Alte Synagoge luden, ahnte keiner, dass seine Bilder realiter dort nur knapp zwei Wochen lang anzuschauen sein würden. Je länger die Corona-Krise mit ihren tiefgreifenden gesellschaftlichen, aber eben auch individuellen Folgen anhält, desto deutlicher scheinen die Fragen in den Vordergrund zu treten, die den Bildenden Künstler während der dreijährigen Arbeit an “Notturno” begleitet haben: Was gibt mir Orientierung im Leben? Woran richte ich mich auf? Was erfüllt mich manchmal mit unerklärlicher Freude?

Lichte Fragen, hinter denen die dazugehörigen Schattenfragen nach allem, was hindert, lähmt, namenlose Angst macht, sichtbar werden. Dass sie in “Notturno” letztlich überwunden erscheinen, liegt auch an dem Halt, den alle Kunst zu geben vermag. Von dieser ruhigen Gewissheitskraft ist der Zyklus durchstrahlt. Sie offenbart sich im Ganzen, aber auch im Detail.

Etwa in der Serie “Kompass”, einer Art Zyklus im Zyklus. Und so wenig, wie die Nacht in Jürgen Heinrichs dunklen Bildern etwas mit romantischer Sehnsucht zu tun hat oder mit einer grundsätzlichen Finsternis der Seele, müssen seine hellen Kompositionen als etwas Tröstliches verstanden werden, das in eine Gegenrichtung verweist. Beide, auf den ersten Blick so unterschiedliche Zyklen erscheinen nicht von ungefähr unter demselben Titel: “Notturno”. Sie dokumentieren auf ihre jeweils eigene Art den Prozess einer intensiven Durchdringung verschiedener Bewusstseinsstufen.

In den großformatigen Arbeiten mit ihren schweren Schwarzaufschichtungen gleicht der künstlerische Vorgang einer morphologischen Umwandlung, die durch das Abtragen unterschiedlich widerstandsfähiger Ablagerungen im Inneren zu einer Art Reliefumkehr auf der Leinwand führt. Die kleineren, ungleich leichteren Schwarz-Weiß-Formate mit Nuancen in rot, blau, grün und gelb können hingegen im Ganzen als Instrument zur Bestimmung einer fest vorgegebenen Richtung an “Notturno” angelegt werden, buchstäblich als Kompass. Mit ihnen lässt sich taghell navigieren durch Heinrichs in Nachtschwärze getauchtes Schichtstufenland des Bewusstseins, das die Kämme des Teutoburger Waldes ebenso imaginieren mag wie das Fichtelgebirge der oberfränkischen Herkunftsheimat.

Die 19 Einzelblätter der “Kompass”-Serie sind im Vergleich zu den Nachtbildern klarer zu entschlüsseln, und die relative Eindeutigkeit, mit der hier bewusst Bezug genommen wird auf eine klassisch christlich-abendländische, aber auch universelle Symbol- und Formensprache, erleichtert die Orientierung, wie sie auch für den Künstler selbst haltgebend zu wirken scheint. Es geht ums Sehen, Hören, Fühlen. Entsprechend begegnet man in den “Kompass”-Arbeiten Augen, Ohren, den vier Kammern des Herzens, die gefüllt sind mit den Worten: Wasser, Gefühl, Instinkt und Vernunft.

Es geht um Bewegung, um Strömungen, vertikal und horizontal verlaufende Feldlinien, innere und äußere Kraftfelder, die manchmal in entgegengesetzte Richtungen zerren, reißen, für Spannung sorgen. Zu erkennen ein O, das in der Kompassrose für Westen steht, zu erkennen eine Jakobsleiter, die auf den Aufstieg zwischen Erde und Himmel hindeutet.

Und nicht zuletzt geht es um die Zustände der Seele. Figürliches taucht auf. Schwarze Gestalten, die sich in drei Schritten von der Erde lösen. Die Kontur einer andeutungsweise geflügelten Figur, die an den Bildrand tritt, entgegenkommt und ihr Gesicht zeigt. Dann einer, der wie auf das Kreuz der Windrose genagelt scheint. Auf einem anderen Blatt die Kompassrose als Zielscheibe, das rote Herz in der Mitte: Target.

Immer gegenwärtig in diesen Arbeiten und angeordnet um die Wahrnehmungsorgane Auge, Ohr und Herz oder als verschieden große Punkte auf dem Blatt verteilt: der Kreis. Und das Quadrat als vollendete, bestandhabende Form des konzentrischen Lebenslabyrinths. Kreis und Quadrat, auch perspektivisch gestreckt zur Ellipse oder zum Rechteck, als Symbole für Universum und Erde, Unendlichkeit und Endlichkeit, Leben und Tod, Geist und Materie.

Diesem Kompass, der mitten durchs Herz gelegt ist, folgen und dabei nicht übersehen, dass auf einem zweiten Blatt die Vernunft-Kammer so unleserlich gemacht wurde, dass da auch das Wort Angst stehen könnte. Dann erst, mit diesem aus den hellen Bildern gesammelten Wissen auf die dunklen zusteuern. Und sie erscheinen in einem neuen Licht.  

Zusammen mit Werken von Christoph Rust werden die Arbeiten Jürgen Heinrichs im Kunstverein Bad Godesberg innerhalb der Ausstellung “Subkutan” im August dieses Jahres noch einmal zu sehen sein.

Und im Oktober erscheint bei Kerber der Katalog zur Ausstellung, der neben den Werkabbildungen auch experimentelle Lyrik enthalten wird, die vom “Notturno”-Zyklus inspiriert wurde.   

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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