Von der Industriearchitektur zur Baukultur in Bielefeld

Noch bis zum 27. Juli zu sehen: die großformatigen Architekturfotos im Ravensberger Park (Foto: Uli Schmidt)

In alten Tagen – Anfang der 80 er Jahre – nannte man Bielefeld bekanntlich „die freundliche Baustelle am Teutoburger Wald“. Grund dafür waren die zahlreichen Umleitungen wegen des U-Bahn-Baus. Später wurde daraus für kurze Zeit die kürzeste U-Bahn der Welt mit 4,5 km Länge.

Architektonische Annäherungen an eine Stadt

Was einem wie mir, der ich 1982 als Dramaturg nach Bielefeld kam, städtebaulich sofort ins Auge fiel, war der mächtige Dürkopp-Komplex. Und je länger ich mich in Bielefeld umschaute, desto mehr große Industriebauten entdeckte ich. Meine intensivere Befassung mit der Bielefelder Geschichte begann, als ich 1983 das Programmheft zu der Revue „Unsere Republik“ von Uwe Jens Jensen/Hansgeorg Koch erstellte. Der Ostwestfalendamm war im Bau, der Kampf um die Ravensberger Spinnerei noch nicht gewonnen.

1986 erschien ein Buch, das die vielfältige Bielefelder Industriegeschichte anhand der „Industriearchitektur in Bielefeld“ erläuterte. Im Großformat mit 300 Seiten, reichhaltig bebildert, wurde hier gewissermaßen im Schnelldurchgang erzählt, wie sich Bielefeld im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu einer mittelgroßen Industriestadt entwickelte. Und wie die Architektur der Industriebauten sich am jeweiligen Zeitgeschmack orientierte. Herausgeber waren Florian Böllhoff (damals im Vorstand des Bielefelder Kunstvereins), Jörg Boström (damals Professor für Fotografie an der FH Bielefeld) und Bernd Hey (damals Historiker an der Uni Bielefeld). Das überaus sehens- und lesenswerte Buch ist heutzutage nur noch im Antiquariat zu bekommen.

Fortschreibung der Baugeschichte

Der Hinweis auf dieses Buch ist notwendig, um das aktuell Nachfolgende besser zu verstehen: „Bielefelder Baukultur“ heißt es und schließt an das Erscheinungsjahr des Vorgängers an, indem es den Zeitraum 1986 – 2020 umfasst. Herausgeber sind Andreas Beaugrand, Professor an der FH Bielefeld (damals mit einem Beitrag über die Bahn in Bielefeld vertreten), und wieder Florian Böllhoff. Also Kontinuität im Wandel. Wie schon das ältere Buch, ist auch dieses in Zusammenarbeit mit der FH Bielefeld entstanden. Damals wie heute galt es, viele Partner und Sponsoren zusammenzubringen, denn beide Werke zeichnet nicht nur hohe fotografische Qualität aus, sondern ebenso eine wertvolle Buchausstattung und edles Design. Und sowas kostet.

Bemerkenswert die sechs Grußworte von Oberbürgermeister Pit Clausen bis Paul von Schubert vom herausgebenden Verlag BVA. Nun sollte man meinen, wenn es um Bielefelder Baukultur über einen Zeitraum von gut 35 Jahren geht, sollte doch vielleicht auch der Bielefelder Dezernent für Wirtschaft, Stadtentwicklung und Mobilität, Gregor Moss, das eine oder andere mehr oder weniger gewichtige Wort dazu sagen können. Aber Fehlanzeige. Auf Nachfrage erfuhr man von Florian Böllhoff, der Dezernent sehe für die Darstellung eines Stadtentwicklungsplanes keine Notwendigkeit. Schaut man sich die Diskussion um die Weiterentwicklung eines Fahrradplanes für Bielefeld an oder die Hauruckentscheidung für den Umbau des Jahnplatzes – man fragt sich, wofür der Dezernent für Stadtentwicklung sich tatsächlich zuständig fühlt. In beiden Fällen hat der Oberbürgermeister das Gesetz des Handelns in die Hand genommen. Verkehrskonzept? Baukonzept? Für Bielefeld?

Stadtentwicklungskonzept? Fehlanzeige

Zurück zum Buch. Die beiden Herausgeber haben nicht nur viel Arbeit bei der Sponsorensuche gehabt; es gab dazu noch eine Fülle mehr zu koordinieren. Da waren z.B. die Seminare über Stadtgestaltung – praktisch und theoretisch –, die Andreas Beaugrand über mehrere Semester angeboten hatte. Parallel dazu waren die Fotoklassen von Roman Bezjak aufgefordert worden, ihre Beiträge zu entwickeln. Der Historische Verein für die Grafschaft Ravensberg, der diese Publikation als Sonderveröffentlichung aufnahm, ist ebenso beteiligt. Im Anhang sind 40 Autor*innen aufgeführt, die schriftlich, fotobildlich oder designbildhaft an diesem Buch mitgearbeitet haben.

Der Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt, dass sich die Autor*innen von der “Baugeschichte der Wirtschaft in Bielefeld” über “Architekturqualität” und “Stadtentwicklung” bis hin zum “Verhältnis von Wandel und Dynamik” bemüht haben, keinen Aspekt auszulassen. Da könnte man sich, ich muss noch einmal darauf zurückkommen, doch ganz gut den einen oder anderen qualifizierten Gedanken zur Stadtentwicklung vorstellen.

Bielefeld: Die Normaluhr vor dem 360°Grad-Haus Ecke Arthur-Ladebeck-Straße/Kreuzstraße

Sei`s drum. Man kann nicht alles haben, schon gar nicht von der Politik. Was man aber hat mit diesem Buch, ist quasi ein Katalog zur Baukultur der letzten 35 Jahre in Bielefeld. Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere noch an ein Gebäude an der Ecke Arthur-Ladebeck-Str./Kreuzstr. Es war ein abgestuftes, mehrstöckiges Gebäude, gern auch „Affenfelsen“ genannt. Zu Anfang der 1990er Jahre war dort z.B. die Verwaltung des im Entstehen begriffenen Museums Huelsmann untergebracht. Heut steht dort das 3600-Grad Haus. Daneben The Cube.

Kontinuität und Wandel

Beiden gegenüber das Anwaltsbüro Streitbörger PartmbB. Alle drei markante Baukuben. Sehr beeindruckend allerdings der Unterschied im Design, wenn man sich die Normaluhr auf dem Adenauerplatz anschaut mit dem Schriftzug „Adenauerplatz“. Man blickt auf ca. 60 Jahre Designgeschichte. Verstärkt wird der Eindruck durch die – wenn auch in Untersicht fotografierte – dennoch sehr hohe Pilzleuchte, die das 3600-Grad Haus fast halbiert. Sie steht designmäßig ziemlich genau in der Mitte zwischen Normaluhr und Gebäude.

Oder der Neumarkt. Der Name erinnert noch daran, dass hier tatsächlich einmal Markt stattfand. Als ich 1982 nach Bielefeld kam und es das jetzt im Umbau befindliche Telekom-Hochhaus bereits gab, war das noch so. Es gab einen Markt mit Frischfleisch und Obst/Gemüse, wie man es von Wochenmärkten frühere Zeiten her kennt. In einer Ecke – am Zaun zum Parkplatz des alten Postgebäudes – wurde sogar noch lebendes Kleintier verkauft. Karnickel, Hühner – was der Mensch eben so braucht. Diese Ladenzeilen waren jedoch schon damals in so schlechtem Zustand, dass sie bald darauf abgerissen wurden. Und lange tat sich nichts. Heute wird der Neumarkt umschlossen von Hotels und der Stadtbibliothek samt Stadtarchiv. Mir etwas zu viel Steinwüste.

Bielefeld, der Neumarkt heute: Steinwüste statt Wochenmarkt

Einige der Industriebauten, die im erstgenannten Buch am Anfang dieser Betrachtung zu sehen sind, stehen nicht mehr. Der beeindruckende Bau von Gildemeister gegenüber vom Hauptbahnhof, der beinahe eine architektonische Einheit mit dem Bielefelder Hof, heute Hotel Geist, bildete, wich einem gleichmäßig langweilig gegliederten Bau. So könnte man noch von vielen Ecken dieser Stadt reden. Das Verdienst dieses Buches ist, die Stadt wenn nicht mit offenen Augen, so doch mit neuem Blick zu sehen. Bis zum 27. Juli ist im Übrigen eine großdimensionierte Ausstellung von Architekturfotos im Park der Ravensberger Spinnerei zu sehen. Da hat Corona den Herausgebern und dem Historischen Museum die Suppe versalzen. Eigentlich sollte es im Museum zum Buch diese Ausstellung geben. Nun kann man sich die Bilder en plein air anschauen und dabei vielleicht auch mal wieder einen Blick in die VHS werfen, deren Geschichte als Spinnerei im ersten Buch erzählt wird.

Lit.: Andreas Beaugrand, Florian Böllhoff (Hg.):
Bielefelder Baukultur in Industrie, Wirtschaft und Dienstleistung 1986–2020 Bielefeld (Bielefelder Verlag, BVA e. V.) 2020 Band 23 der Sonderveröffentlichungen des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg

Unser Gastautor Ulrich Schmidt ist ehemaliger Dramaturg und arbeitet unter dem Namen Bielefelder Kulturbote als Journalist und freier Autor.

Autor*in: Uli Schmidt

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