Das Eingreifen der Liebe

Im Einklang mit sich selbst und der anderen: Für das Wesentliche des Menschseins fanden Agnetha Jaunich (li.) und Mareike Steffens in ihrer Performance "Intervention : Liebe" skulpturale Bilder, die berührten. Fotos: Antje Doßmann
Von der Liebe, über die längst alles gesagt ist, heißt es, dass man ihr Tür und Tor öffnen sollte, wann immer sie davorsteht. Warum? Weil sie ist, was sie ist, das Größte eben, und wenn sich Kirche und Kommune, Pop-Musik und Oper, Groschenheft und Bildungsroman überhaupt jemals einig gewesen sind, dann in diesem Punkt: Für alles, was einen wahren Wert besitzt, steht am Ende der Zeit die Liebe, die Liebe und nichts als die Liebe.

Das meint die Liebe zu anderen genauso wie die nicht weniger bedeutsame Liebe zu sich selbst. Die beide – auch das eine Binsenweisheit – nicht immer leicht zu haben sind. Bevor man dem höchsten der Gefühle die Pforte öffnet, sollte generell klar sein, dass die Liebe als Mitbewohnerin eine ziemliche Katastrophe sein kann. Denn sie ist ohne Frage anstrengend und an manchen Tagen regelrecht grausam.

Von der Sehnsucht nach Nähe und der Angst vor Zurückweisung, von der Einsamkeit in unserer Stadt, Berührungsnot und desillusionierten Ansichten über die Liebe handelte die Performance der beiden Tänzerinnen Agnetha Jaunich und Mareike Steffens, die sie am Montagabend in den Schauräumen am Bielefelder Kesselbrink zeigten. Am kommenden Samstag (11.7.) werden sie “Intervention : Liebe” dann bei ihrem Parksommer-Auftritt im Ravensberger Park einfließen lassen in die “Feedback-Kollektiv”-Inszenierung “I’ve never promised you a Rose Garden”.

Ihre Collage, die mit Videoeinspielungen, Fotokunst und Interview-Mitschnitten arbeitete, hieß nicht von ungefähr “Intervention : Liebe”, sondern verstand sich auch so. Als künstlerisches Eingreifen in einen traurigen, für die beiden Tänzerinnen so nicht länger hinnehmbaren Prozess der um sich greifenden Furcht vor Berührung und Begegnung. Social Distancing bedeutet nicht automatisch Emotional Distancing. Gegen den Trend der Abschottung mit seinen weitreichenden Folgen für die Psyche des Individuums und den inneren Zusammenhalt einer Gesellschaft performten Agnetha Jaunich und Mareike Steffens berührend für alle, die sich berühren lassen wollten, in wildes Rosa gekleidet, beherzt an. In dem von einer Glasscheibe getrennten Innen- und Außenraum des Leerstands konstruierten sie tanzend ein ums andere Mal sinnbildhafte Momente, die alles, was zwischen zwei Menschen von wesentlicher Bedeutung sein kann und sie wie ein unsichtbarer Strom verbindet, auf einen zwingend schönen Punkt brachten.

Über Nick Cave wissen wir aus einem seiner bekanntesten Songs, dass er nicht an einen intervenierenden Gott glaubt, wohl aber an die Kraft der Liebe. Etwas von dieser Art, das Leben in seiner Tiefe auszuloten, war anwesend bei der Performance. Und tat der Seele gut.      

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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