„PJ Harvey – A Dog called Money“, ein Film zum Album zum Buch

Bereits vor ihrem Album "The Hope Six Demolition Project" veröffentlichte die Musikerin PJ Harvey mit dem Fotografen Seamus Murphy den Gedicht- und Fotoband "The Hollow of the Hand". Dreieinhalb Jahre nach dem Album erschien der Film "PJ Harvey: A Dog called Money".

Die Produktion von PJ Harveys Album „The Hope Six Demolition Project“ aus dem Jahr 2016 als Quasi-Performance vor Publikum bildet einen Erzählstrang des Dokumentarfilms von Seamus Murphy „PJ Harvey: A Dog called Money“. Zweiter Erzählstrang sind gemeinsame Recherchereisen von PJ Harvey und Murphy. Der Film zeigt sowohl den Produktionsprozess des Albums als auch die Inspirationsquellen und geht dabei über ein „Making of“ oder Künstlerporträt hinaus.

„A Dog called Money“ ist kein PJ Harvey Film, sondern ein Film des irischen Regisseurs Seamus Murphy, der auch Produzent des Films ist. Dessen Geschichte beginnt fünf Jahre vor der Einspielung von PJ Harveys Album und endet mit danach entstandenem Material vom Trump-Wahlkampf und der Vereidigung des Präsidenten 2017. Eigentlich reicht die Geschichte der Zusammenarbeit von Musikerin und Murphy noch weiter zurück, denn von Murphy stammen schon die Videos zu PJ Harveys Album „Let England shake“ aus dem Jahr 2010.

Reporter und Künstlerin auf gemeinsamen Reisen

Murphy ist ursprünglich kein Musikvideoproduzent, sondern ein mehrfach mit dem „World Press Photo Award“ ausgezeichneter Fotojournalist, der nicht nur – aber auch – aus den Kriegs- und Krisengebieten der Welt – Afghanistan, Syrien, Kosovo, Libanon – berichtet. 2011 und 2014 unternahmen er und die Britin PJ Harvey mehrere Reisen in den Kosovo, nach Afghanistan und in die US-Hauptstadt Washington D.C.. Die Eindrücke verarbeitete PJ Harvey zu Texten ihrer Erzählung von Grenzen zwischen Arm und Reich – mögen sie entlang der Grenzen von Stadtteilen der US-Hauptstadt oder an den Außengrenzen der EU verlaufen.

Erstes Ergebnis dieser Reisen war der großformatige Bildband „The Hollow of the Hand“, der während dieser Reisen entstandene Gedichte PJ Harveys mit einigen aktuellen, aber größtenteils während früherer Reportage-Reisen entstandenen Fotoaufnahmen Murphys kombiniert. (234 Seiten, Hardcover, Format circa 38 x 26 cm, Preis wie bei vielen Importen schwankend. Das Format der Paperback-Ausgabe ist 20,8 x 14,3 cm). Das Buch gliedert sich in die drei Kapitel „Kosovo“, „Afghanistan“ und „Washington D.C.“, die jeweils mit PJ Harveys Gedichten beginnen und denen die Farb- und S/W-Aufnahmen des Fotografen folgen. 34 Gedichte PJ Harveys schafften es ins Buch, nur 11 davon wurden zu Songs auf ihrem Album.

Eine Album-Aufnahme wird zur Performance hinter Glas

PJ Harveys neuntes Album „The Hope Six Demolition Project“ und der Film sind Dokumentationen einer singulären, nicht wiederholbaren Performance im Studio. Das wurde für die Aufnahmen des Albums eigens in den Keller des Londoner Somerset-Houses gebaut. Hinter verspiegelten Scheiben konnte ein begrenztes Live-Publikum die Album-Aufnahmen verfolgen. Ein Teil des Films dokumentiert diesen „finalen“ Teil der Albumaufnahme, zeigt das Feilen an Arrangements, Refrains und Instrumentierung, ein anderer die Recherchen vor Ort als Teil des kreativen Prozesses.

Im Buch erfahren die journalistischen Originalbilder durch PJ Harveys Gedichte eine über den meist tagespolitischen, aktuellen Anlass ihrer Entstehung hinausreichende, subjektive Deutung. Andersherum erläutert manche Filmszene den Ursprung mancher Textzeilen, die ohne den Film unerklärt bleiben würden, enträtselt sie so förmlich.

Was der Film will, bleibt im Vagen

Ob sich PJ Harvey damit einen Gefallen tut oder nicht, bleibe mal dahingestellt. Überhaupt erschließt sich der Sinn des Films nicht so recht, der dreieinhalb Jahre zu spät erscheint, um noch als Promo für das Album gelten zu können, die Frage, was er stattdessen sein will, aber nicht schlüssig beantwortet.

Der Film bietet eindrucksvolle Bilder aus dem Kosovo oder Afghanistan, die Polly Jean Harvey, so der bürgerliche Name der Künstlerin, aus dem Off mit ihren Gedichten kommentiert. Im Zentrum des Films steht aber die Musikerin auf ihrer Recherchereise. Murphys Kamera folgt der sich meist auf die Rolle der Beobachterin beschränkenden Künstlerin, die gelegentlich mit lokalen Musikern jammt, mit Dorfältesten lacht oder im Kreis afghanischer Familien Tee trinkt. Einmal fragt sie sich, ob sie vielleicht die Gastfreundschaft überstrapaziert und den Moment zu gehen verpassen könnte. Tatsächlich drängt sich oft das gegenteilige Gefühl auf, dass nämlich die Kamera nicht lange genug vor Ort ist, um wirklich etwas über die Menschen zu erzählen und sie nicht nur als fotogene Objekte zu zeigen. Andererseits ist das nur konsequent, denn das Objekt des Films heißt PJ Harvey. Und an ihr ist die Kamera meist ganz nah dran.

Die Essenz der Reisen findet sich im Buch und auf der CD

Wer eine Poetin neu oder einen Fotografen erstmals kennenlernen möchte, sollte einen Blick in das bisher nur in Originalsprache vorliegende Buch werfen. Das ist als Ergebnis einer echten Kooperation eigenständig und nennt PJ Harvey und Murphy als gleichberechtigte Autoren.

Der „Money“ genannte Hund aus dem Filmtitel kommt in den Texten des Albums übrigens nicht vor. Er begegnete PJ Harvey in Washington und ist Sinnbild für ihre Erzählung von der mörderischen Grenze zwischen den Habenichtsen im Elend und den im Überfluss lebenden Menschen.

Diese Geschichte erzählen PJ Harveys Texte im Buch und auf dem Album weit eindringlicher, offener und universeller als der Film. Der hat seine Stärken an den Stellen, wo es um die Künstlerin und ihren Schaffensprozess geht. Er bleibt jedoch erstaunlich vage und unpolitisch, wenn es um die Einordnung der Bilder von Gewalt, Krieg, Not und Marginalisierung geht, ohne dabei die Offenheit von PJ Harveys Texten zu erreichen.

„Seamus Murphy: A Dog called Money“ (2019) ist auf diversen Streaming-Portalen und als DVD, bzw. Blue Ray in Originalsprache wahlweise mit und ohne deutsche Untertitel erhältlich.

Ralf Bittner

Autor*in: Ralf Bittner

Ralf steht lieber hinter als vor der Kamera, erkundet seine Welt gern zu Fuß und hat ein Herz für Großartiges in kleinen Locations.

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