Neues unter der Sonne

Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt als Trio "A.R.K." lieferten Reinhold Westerheide (an der Akustik-Gitarre), Andreas Kaling und Karl Godejohann taghellen Jazz vom Feinsten. (Foto: Antje Doßmann)

Der Kultursommer ist klasse, ohne Frage, und man kann es nur begrüßen, dass das Bielefelder Kulturamt der freien Szene an der Sparrenburg und dem Raspi-Forum Bühnen für Konzerte zur Verfügung stellt. Das neugegründete Trio A.R.K. nutzte die Gelegenheit zu einem sehr geglückten Debüt.

Dabei können Open Air-Auftritte vor Sonnenuntergang leicht ins Leere laufen. Besonders wenn es sich um Jazz handelt, der ja ursprünglich eher im (Jazz)-Keller verortet ist, zumindest im geschlossenen Raum, der es den Fans ermöglicht, mit möglichst wenig Abstand zur Bühne alles intensiv mitzuerleben, was sich dort an feinnerviger Kommunikation zwischen den einzelnen Instrumenten abspielt. Und traditionell machen ja auch die Jazzmusiker selbst lieber den Mond zum Beleuchter ihrer Auftritte als die Sonne. Aber wer sich wie die drei stadtbekannten Musiker von A.R.K. zu(r) bedrohten Spezies erklärt hat, kommt auch unter geänderten Bedingungen klar. Der macht aus der Not eben eine Tugend und widmet der Sonne Kompositionen, die den Mond vor Neid erblassen und das Publikum im Handumdrehen Raum und Zeit vergessen lassen. So geschehen am Samstagabend vor gut gefüllten, natürlich mit Sicherheitsabstand aufgestellten Stuhlreihen im Ravensberger Park.

Endlich einmal wieder Live-Musik – Herrgott, tat das gut! Zumal der Abend mild war und nicht eine dunkle Wolke über dem Innenhof der Spinnerei hing. Und auch sonst alles stimmte. 70 Minuten lang gaben Reinhold Westerheide an der Akustik-Gitarre, Andreas Kaling an Bassklarinette und Basssaxophon sowie Karl Godejohann am Schlagzeug einen Einstand nach Maß. Dieses Trio, das ahnten wir, gehört zu dem Besten, was die Stadt zur Zeit an Musik zu bieten hat.

Die elegante Umsetzung des stolperfreien 17/16 Taktes

Auf der Playlist standen bis auf drei Ausnahmen Kompositionen von Andreas Kaling, und gleich mit dem ersten Stück, dem quasi programmatischen “The Sun”, löste das Trio ein, was Kulturamtsvertreter Ulrich Laustroer zuvor bei der Begrüßung noch mit einem ziemlichen Fragezeichen auf der Stirn aus dem ebenso vollmundigen wie selbstironischen Pressetext der Band vorgelesen hatte: Die “elegante Umsetzung des stolperfreien 17/16-Taktes” nämlich. Und apropos Fragezeichen: “Question Mark”, so hieß auch eine der Kaling’schen Kompositionen im Anschluss. In dem Stück ginge es, so hatte der Saxophonist, dem wir die Entdeckung des ganz und gar erstaunlichen Basssaxophon-Klangraums verdanken, zuvor erläutert, um Wechselbäder der Gefühle, das Schwanken zwischen “himmelhochjauchzend” und “zu Tode betrübt”. Und dann kam ein ganz ruhiges, eher melancholisches Stück ohne auffällige Stimmungsschwankungen. Dagegen nahm sich das unmittelbar folgende “Careful” wie ein röhrendes Triebwerk aus.

Mit den Erwartungen der Zuhörenden zu spielen, gehörte zum Konzept des Trios und machte einen Teil seiner großen Klasse aus. Ohnehin ist es bei Instrumentalmusik ja allen frei gestellt, wohin sie ihre Gedanken beim Zuhören wandern lassen. Die Titel der einzelnen Kompositionen gaben da auch an diesem Abend nur Orientierungshilfen fürs Kopfkino, was besonders bei “And the Lady shaves her legs” expressiv gut gelang. Aua, aua… “Das Inselschloss” und “Farben des Himmels” mit seinen am inneren Auge vorüberziehenden Bildern von Natur und Landschaft, Licht und Schatten, Tages- und Jahreszeiten waren dagegen meditative musikalische Entspannung pur. Und wunderbar die Crescendi der Sonne dann und wie sie kreischen und krakeelen durfte in “The Sun rises”, bevor sie am Ende abrupt still stand am Horizont.

“Liberetto” aus der Feder des schwedischen Jazzbassisten und – cellisten Lars Danielsson sowie das ebenfalls ganz schlicht und raffiniert zugleich wirkende “Anthem” des legendären, vor kurzem 80 Jahre alt gewordenen amerikanischen Jazz-Erzählers Ralph Towner und vor allem das nach Gipsy music klingende “Danza” des Dresdener Gitarristen Silvio Schneider gaben Reinhold Westerheide und Karl Godejohann Gelegenheit zu mitreißenden rhythmischen Allianzen. Mit Karl Godejohann verbindet Andreas Kaling seit gemeinsamen “Alte Leidenschaften”-Zeiten eine lange Freundschaft. Während die engere Bekanntschaft mit Reinhold Westerheide, wie er auf der Bühne erzählte, noch relativ frisch wäre. Der Grundstein für neue Leidenschaften scheint jedenfalls gelegt. Und auf weitere Auftritte, neue Stücke, die erste A.R.K.-CD warten wir gespannt.  

Antje Doßmann

Autor*in: Antje Doßmann

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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