Slayer, Bach und ein Sekt mit Merkel

Von Down Under nach Sachsen-Anhalt: Rachel Snow und Tim McMillan lieben Grenzgänge unterschiedlicher Art (Foto: Ralf Bittner)

Das australische Duo Tim McMillan und Rachel Snow bringt beim Parksommer modernen Folk und reichlich Musiker-Garn in den Ravensberger Park.

„Ich bin ein Tolpatsch“, sagt Geigerin Rachel Snow lächelnd nach einem Stolperer beim Aufgang auf die Bühne im Ravensberger Park. Das passt zum Titel des ersten Stücks „Murphy“ – frei nach Murphys Gesetz, das besagt, dass das, was schiefgehen kann, auch schiefgehen wird. Mit einem an irische Traditionen erinnernden Violinen-Intro eröffnet Snow die musikalische Klangreise, und schon beim ersten Stück zeigt sich auch, wie meisterhaft McMillan seine akustische Gitarre beherrscht. Seine Finger tanzen dabei nicht nur im Fingerpicking rasant über die Saiten, sondern die Gitarre wird auch auch immer wieder zum Perkussionsinstrument.

Der verträumte Einstieg täuscht

Der beinahe träumerische Einstieg täuscht. Noch im Stück steigern sich Tempo und Intensität. Warum McMillan seinen in viele Richtungen offenen Stil als „Goblincore“ bezeichnet, wird schnell klar. Das Slayer-Cover „Raining Blood“ steht neben dem verträumten Wohlfühlsong „Kopfkino”, den Snow inspiriert von stundenlangen Autobahnfahrten schrieb. Dem „Bach Mash up“ ist anzuhören ist, dass McMillan auch schon mal mit dem Motörhead-Gitarristen Phil Campbell jammt. Und das Erstaunlichste daran ist, wie selbstverständlich die Violinistin ihre eigenen Akzente setzt.

Snow und McMillan sind Grenzgänger zwischen traditionellem Folk, Barock, jazziger Improvisation, Celtic Folk, progressivem Rock und mittelalterlichen Klängen („Bonnies Trail“). Gelegentlich wird auch gesungen, meist aber sehr zurückgenommen. Hier erinnert der Gesang streckenweise an die späten „Clannad“, als die anfingen Musik für Fernsehserien wie „Robin Hood“ zu schreiben.

Dass McMillan das mittelalterlich angehauchte „Bonnies Trail“ als „Robin-Hood-Schreck“ ankündigt, verrät den koboldhaften Spaß an der Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Einflüssen. Die findet das Duo längst nicht nur im „australischen Busch bei den Hinterwäldlern“, wie McMillan in breitem Denglisch sagen würde, sondern überall.

Zwei Weltreisende in Sachen Musik

Snow und McMillan sind Weltreisende in Sachen Musik. Sie leben seit einigen Jahren nur noch drei Monate im Jahr in Australien, in der übrigen Zeit ist ein kleines Dorf in Sachsen-Anhalt die Basis für ausgedehnte Konzertreisen durch Europa und die Welt. Sie gehörten zu den Künstlern, die auf Bitten des MDR eine Coverversion des City-Songs „Am Fenster“ einspielten, mit dem der Sender an den 40. Jahrestag der Erstveröffentlichung 1977 erinnerte. Auch die aktuelle CD „Reveries“ wurde in der ostdeutschen Provinz, in den Castle Studios von Schloss Röhrsdorf bei Dohna/Sachsen eingespielt.

Etwas Flunkerei gehört dazu

Immer wieder flicht McMillan unterhaltsame Geschichtchen ein, die zu „zwachtzig Prozent“ wahr sind. Ob er wohl wirklich das einhändige Gitarrenspiel nach einem Roller-Blade-Unfall gelernt hat, um vor seiner „Muddi“ nicht als „Milchbubi“ dazustehen? Wer weiß? Fakt ist – er kann’s. Eindeutig ins Reich der Erfindungen gehört ein Abend bei Kaviar und Wein mit Bruce Springsteen und Angela Merkel, eine Notlüge des Musikers für den sich um die Karriere des Sohnes sorgenden Vater. „Papa hätte nie verstanden, was es für mich heißt, mit Al Di Miola auf einer Bühne im Königreich Bayern zu spielen“, scherzt er – so geschehen 2010 im bayrischen Dachau.

Wahr ist aber, dass das Duo in den vergangenen Monaten hart mit den Umständen zu kämpfen hatte. Erst verzögerten die ausgedehnten Waldbrände in Australien die Rückkehr für die Winterpause, jetzt sorgte das Corona-Virus für einen verspäteten Start der Konzertsaison. Während die Konzertbesucher*innen mit den äußeren Umständen – Online-Platzreservierung, zugewiesene Plätze, Maskenpflicht auf dem Weg zum Platz – seit Wochen routiniert umgehen, ist es für Rachel Snow und Tim McMillan einer der ersten Auftritte der Saison überhaupt. Dementsprechend gerne gewähren sie mehre Zugaben und bescheren sich und dem Publikum so einen stimmigen Abschluss eines harmonischen Sommerabends.

Ralf Bittner

Autor*in: Ralf Bittner

Ralf steht lieber hinter als vor der Kamera, erkundet seine Welt gern zu Fuß und hat ein Herz für Großartiges in kleinen Locations.

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