Der Sinn des Lebens

Teamspirit: die Presbyteriumsvorsitzende der Evangelisch-Reformierten Kirchengemeinde Bielefeld Friederike Kasack, Organistin Ruth M. Seiler, Pfarrer Bertold Becker, Jürgen Hillmer vom Kino Lichtwerk und Kamera sowie der Verantwortliche für die Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Bielefeld Uwe Moggert-Seils bei der Vorstellung ihres frisch gedruckten "Kirche trifft Kino"-Buches

In der Bielefelder Süsterkirche findet seit 2011 zweimal im Jahr ein besonderer Gottesdienst statt. Er steht unter dem Titel “Kirche trifft Kino” und hat in Deutschland ein Alleinstellungsmerkmal. Während in anderen Gemeinden mit ähnlichem Impuls tatsächlich Filme in der Kirche gezeigt werden, widmet man sich in der Evangelisch-Reformierten Kirchengemeinde im Rahmen des regulären Ritus’ ausschließlich erzählerisch einem aktuellen Kinofilm.

Nun ist zu dieser Reihe auf ausdrückliches Betreiben des Presbyteriums ein Buch mit Musik erschienen, das neben seiner dokumentarischen und damit erinnernden Funktion noch eine weitere wertvolle Eigenschaft hat: es kommt in ihm auf mehreren Ebenen die sozialkünstlerische Qualität des “Kirche trifft Kino”-Projekts zum Ausdruck. Ein Aspekt, der den Reformierten ähnlich wie das Vertrauen auf die Kraft der Vorstellung, die durch Worte erzeugt wird, wichtig gewesen sein dürfte. Ansonsten ist “Kirche trifft Kino” genau so zu verstehen, wie es klingt: als eine Begegnung zwischen Glaubensgemeinde und Traumfabrik, bei der oft die Funken fliegen, darüber sind sich regelmäßige Besucher*innen einig, und manchmal die Fetzen und dass es langweilig dabei eigentlich nie werde. Dafür sorge u.a. die Live-Musik an diesen Vormittagen, die Brücken baue zur Lichtspielwelt.

Marie Curie – Elemente des Lebens

Das war auch am gestrigen Sonntag nicht anders,  als es am 75. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Nagasaki  um den Film “Marie Curie – Elemente des Lebens” ging.  “Kirche trifft Kino” ist, wenn Musiker wie Andreas Kaling und Matthias Kosmahl alte Kirchenlieder spielen, die wie Jazz-Standards klingen und  durch das Kirchenschiff schweben als wortlose Ergänzung zu den Predigten Bertold Beckers und Uwe Moggert-Seils’. Predigten, in denen beide Kirchenvertreter weite, im Hier und Jetzt liegende Frageräume öffnen – frauenrechtliche und wissenschaftsethische etwa im Falle des Marie-Curie-Films – und dabei den festen Glaubensgrund nicht verlassen.  Auch wenn sie sich, was besonders im Fall Beckers bei diesen Gottesdiensten oft und gern geschieht, selbst ans Klavier setzen, um mit den Gast-Musikern die von ihm arrangierten Choräle zu jazzen, während Ruth Seiler von der Orgel Kirchenmusikalisches beiträgt.

Man kann sich, wenn man die “Kirche trifft Kino”-Predigten liest, via in das Buch eingefügte QR-Codes direkt die dazugehörige Musik anhören. Zudem liegt jedem Exemplar eine CD bei, auf der sich die 15 Titel befinden, die das Jazz-Trio Kaling (Saxophon)-Kosmahl (Bass) und Becker (Piano) eigens für das Buchprojekt eingespielt hat. Es sind neben Bach-Chorälen so beschwingte Songs darunter wie das eröffnende “What is the thing called love” von Cole Porter, und auch sehr zu Herzen Gehendes wie das “Sometimes I feel like a motherless child”, das 2019 im Kontext von “Green Book” zu hören war.

So unterschiedlich die mittlerweile 18 Filme der zurückliegenden Jahre auch waren, so sicher kann man sich bei Bertold Becker und Uwe Moggert-Seils sein, dass es in ihren bedingungslos lebensbejahenden Einlassungen auf den jeweiligen Film immer um den Menschen mit seinen Möglichkeiten sinnerfüllten Daseins gegangen war. Indem sie den Handlungen und Figuren der Filme folgten, fragten sie nach situativen Entsprechungen in den Evangelien, symbolischen Bedeutungen  und nicht zuletzt nach den Antworten, die eine in der Nachfolge stehende christliche Gemeinde im Sinn und Geist ihres Religionsstifters heute geben kann.

Zwischen Midnight in Paris und Colonia Digidad

Der Blick auf die Filmtitel im Inhaltsverzeichnis scheint zunächst auf eine seltsame Beliebigkeit der Auswahl  hinzudeuten – schließlich steht dort “Midnight in Paris” neben “Colonia Dignidad ” und  “Der Geschmack von Rost und Knochen” neben “Monsieur Claude und seine Töchter”. Beim Nachlesen der Predigttexte wird jedoch der rote Faden von “Kirche trifft Kino” deutlich. Es geht, noch einmal, um Fragen nach den Bedingungen des Daseins: Wie lebt der Mensch? Unter welchen sozialen Umständen? Welche Kräfte hindern ihn an der freien Entfaltung seiner selbst? Und vor allem: Wo findet er eine Gemeinschaft, die ihn trägt?

Es waren Komödien und Dramen und so funkelnde, zwischen Komik und Tragik angesiedelte filmische Meisterwerke wie “Green Book”, die dazu im Rahmen von “Kirche trifft Kino” bislang schon von Becker und Moggert-Seils befragt wurden. Und fast immer stießen die in Zusammenarbeit mit Jürgen Hillmer vom Lichtwerk und der Kamera ausgewählten Streifen auf die ungeteilte Zustimmung der beiden Filmfreunde.

Das Leuchten der Erinnerung

Jedoch gab es auch einen Fall, bei dem sie sich klar anders positionierten als die Regie des im Zentrum des Gottesdienstes stehenden Films. So geschehen beim 2018 gezeigten Melodram “Das Leuchten der Erinnerung”, dessen Umgang mit dem Thema Freitod nicht in Übereinstimmung zu bringen ist mit dem christlichen Gedanken der Schöpfungsbewahrung.

Gerade an dieser Stelle aber reicht das Buch “Kirche trifft Kino” in eine besondere Tiefe und regt über die Verknüpfung von Filmtheater und Gottesdienst beim Lesen vielleicht stärker zur eigenen Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens an als andere Formen der Debattenkultur. So wie sich der schön gestaltete Band für Kinobegeisterte, Musikliebhaberinnen und alle, die nicht gleich auf dem Absatz kehrtmachen, wenn ihnen die Gleichnisse und Psalmen der Bibel entgegenkommen, generell als Lektüre empfiehlt. Zumal von den 18 Euro, die es kostet, drei an einen Fond gehen, mit dem für Einkommensschwache Gutscheine der beiden Kinos Lichtwerk und Kamera erworben werden und das Buch auf diese Weise also ein gutes Werk ist in jeder Beziehung. Es ist beim Eulenspiegel zu beziehen, in jeder anderen Buchhandlung oder aber direkt in der Süstergemeinde.

Kirche trifft Kino - Bertold Becker (Buch)

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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