Ende der Schweigsamkeit

Die Welt ist voller Chiffren. Manchmal spiegeln sich in einem Kanal fiktive Inseln. Elke Engelhardts "Sansibar oder andere gebrochene Versprechen" schärft den Blick für die Bildhaftigkeit des Lebens. Ihre Frage aber lautet nicht, wo Sansibar liegt, sondern wer Sansibar ist. (Foto: Antje Doßmann)

Am Anfang war die Mutter und das Wort. Am Anfang war das Leben voller Bilder, die Welt voller Geschichten. Das kleine Kind hatte keine Vorstellung von sich. Es war. Bald würde es sich verlieren. Aber alle Gefühle, die es fortan entwickelte, waren an die Bilder dieser ersten Zeit gebunden.

Die Mutter hängt die Wäsche im Garten auf. Die Mutter liest Märchen vor. Die Mutter kennt sich aus mit Läusen. Die Mutter schneidet das tägliche Brot. Die Mutter trinkt Rotwein. Es ist die Bielefelder Lyrikerin Elke Engelhardt, die diese Erinnerungen heraufbeschwört, um sie in ihrem soeben erschienenen Gedichtband Sansibar oder andere gebrochene Versprechen auf sehr kunstvolle Weise in eine Suche nach der Quelle der eigenen Schöpferkraft einzubinden.

Herausgekommen ist dabei ein kraftvoller, unaufhaltsamer, beinahe rauschhafter Prozess des Neu-Zur-Welt-Kommens in der Sprache. Die von ihr erschaffenen Kunstfiguren “Sansibar” und “Die kleine Frau” setzen sich auf ihre eigene stille, aber feste Weise mit äußeren Zwängen auseinander und überwinden sie mit neu erwachtem Selbstbewusstsein. Sowohl, dass sich Sansibar an einen “lieben Gott” wendet, als auch die Titulierung der Frau als “klein” können dabei als Reminiszenz an die Kindheit gedeutet werden.

Dass diese Lesart aber nur eine von vielen ist, macht den großen Reiz dieses Lyrikbandes aus. Und dass “Sansibar oder andere gebrochene Versprechen”  so in den Bann schlägt, verdankt sich der entschiedenen lyrischen Weltsicht der Autorin, die sich in den auf unterschiedliche Weise miteinander korrespondierenden Gedichten mit ihrem in weite Tiefe reichenden, manchmal dunklen und fast immer trotzigen Denk-, Fühl- und Sprachvermögen paart. Dieser Trotz und ihre Unerschrockenheit vor literarischen Verdikten sorgen für im Gedächtnis bleibende, starke, berührende Gedichte, die voller Bezüge sind, bekannten Erzählstoff aufgreifen und doch neu und eigenständig erscheinen.

Gleichnishafte Bilder aus der Weltliteratur und der Bibel gehören zum semantischen Spiel ebenso wie die von der Lyrikerin bereits in “Bis der Schnee Gewicht hat” (2015) thematisierten Märchenmotive. Da spukt das bucklige Männlein neben Franz Kafka und Daniil Charms umher, Jona und der Wal tauchen auf und wieder unter, und erinnern nicht beide, Sansibar und die kleine Frau, an Brechts Herrn Keuner?  

Angst vor großen Stoffen, großen Namen hat Elke Engelhardt jedenfalls nicht. Zum Glück. Das macht ihre Frische aus, ihre Kraft. Allein die Chuzpe, einen Gedichtband mit “Sansibar oder” zu betiteln, verdient Applaus. “Wir dürfen nicht aufhören/die Geschichten immer anders  zu erzählen”, sagt die kleine Frau an einer Stelle. So wie Elke Engelhardt.  Ihr “Sansibar” ist ein Versprechen, das hält.      

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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