Kunst, die wehtut

Eichenmüllerhaus Günzel Scheibe
Fragmentarische Erinnerung an eine heile, aber verlorene Welt: Swaantje Güntzel und Jan Philip Scheibe in einem begehbaren Ausstellungstück im Eichenmüllerhaus Lemgo. Foto: Marlen Grote

Kunst ist nicht einfach zum „Schönsein“. Dass sie auch politische Botschaften übermitteln kann – und das auf höchstem Niveau – zeigt die aktuelle Ausstellung im Eichenmüllerhaus in Lemgo. Dabei klingt das Thema nach grünen Wiesen im Sonnenschein: „[Instant] Landscape“, es geht um Landschaften. Aber die sind eben heutzutage oft gar nicht mehr schön.

Swaantje Güntzel und Jan Philip Scheibe zeigen das auf gekonnte Weise. Dabei haben sie die Ausstellungsflächen des Hauses unter sich aufgeteilt: Die unteren Räume gehören Swaantje Güntzel. Weil es keine Eröffnungsfeier geben konnte, wurde die Ausstellung mit kleinen, persönlichen Führungen durch das Künstlerpaar eingeweiht. Das lohnt sich, gerade weil die Geschichten hinter den Werken so berührend sind. .„Swaantje Güntzel bildet die Realität sehr präzise ab“, kündigt Jan Philip Scheibe an. Manchmal sei das schmerzhaft.

Natur als Schein-Idylle

Das stimmt, denn die Künstlerin legt den Finger in die Wunde. Gerade weil sie traditionelle Darstellungsformen auf moderne Probleme überträgt, wird ihre Aussage so greifbar. Etwa wenn ein kitschiges Ölgemälde eben keine echten Blumen zeigt, sondern Plastikblumen, die aus einem verlorenen Frachtcontainer vor Langeoog angespült worden waren.

Ähnlich funktionieren viele ihrer Arbeiten. Vergoldet prangt in einer einzeln stehenden, bedeutsam wirkenden Vitrine ein Styropor-Behälter, in dem wohl Fastfood verpackt war. Eine Landschaft hat sie mit Modellbau-Technik nachgebaut und in einen Hamsterkäfig gepackt. Der Lebensraum des Tieres, wie er sein sollte und wie er real aussieht.

Die gequälte Kreatur

Überhaupt sind Tiere ein Thema eines Raumes. Im goldenen Rahmen ist nicht der klassische röhrende Hirsch zu sehen, sondern ein verängstigtes Hirschkalb auf dem Weg über eine Grünbrücke. Wandteller zeigen keine niedlichen Häschen, sondern die stereotypen Bewegunsprofile neurotischer Zootiere. Und eine Stickerei bildet eine Schweinemastanlage ab.

Jan Philip Scheibe erzählt spannende Geschichten zu den Exponaten. Etwa im Themenraum „Garzweiler“, wo ein Stück der letzten Verbindungsstraße zu den dem Untergang geweihten Dörfern liegt. Das zu beschaffen, war auf absurde Art nahezu unmöglich. So bekommt ein Stück Asphalt plötzlich einen neuen Wert.

Immer wieder tauchen Plastikteile in Swaantje Güntzels Werken auf, die aus den Mägen verendeter Albatrosse gesammelt wurden. Spätestens hier tut es wirklich weh. Und wenn sie der Aufforderung, doch mal „etwas Schönes“ zu machen, folgt, indem sie Bilder zerstörter Natur mit quietschbunten Stickern garniert, dann spiegelt das unsere Kultur des Ausblendens und Wegschauens nur umso mehr.

Vergänglichkeit, Mahnung, Trauer und Zorn

Jan Philip Scheibe schwelgt im Obergeschoss dagegen künstlerisch in Erinnerungen an seine Kindheit in Lemgo, wo das Paar, das heute in Hamburg lebt, sich auch kennengelernt hat. Aber seine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, auch wieder vor dem Thema „Landschaft“, kommt auch nicht unschuldig und in rosarot daher.

Der skizzenhaften Nachbau des längst abgerissenen Gartenhauses ist aus Fichtenholz und nimmt damit Bezug auf einen toten Baum aus dem Lemgoer Stadtwald, der seine Ruhestätte in einem anderen Raum gefunden hat. Und dazu fällt der Blick aus dem Fenster gerade hier in den Lemgoer Stadtwald mit all den kahlen Bäumen. Vergänglichkeit, aber auch Sehnsucht, und dann doch etwas Heimelig-Vertrautes, damit spielt der Künstler.

Und er spielt damit auch direkt vor Ort. So geht er gerne mit einer Straßenlaterne auf Reisen, wie sie einst vor seinem Elternhaus stand. Er stellt Fotos aus von sich und seiner Laterne in unterschiedlichen, beeindruckenden Landschaften. Damit plant er auch eine Performance in Lemgo.

Kindheitsträume sind vergänglich, die Schönheit der Natur leider auch. Aber jeder kann etwas tun, auch vor Ort. Deswegen ist auch Müll aus Brake Teil dieser Ausstellung, die wohl niemanden kalt lässt.

Die Ausstellung wird bis 25. Oktober gezeigt in der Städtischen Galerie Eichenmüllerhaus, Braker Mitte 39, Lemgo. Geöffnet ist Donnerstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 13 Uhr und von 13.30 bis 18 Uhr, der Eintritt ist frei. An den Sonntagen gibt es weitere Führungen, dazu sind drei Performances in Lemgo geplant. Alle Termine unter https://www.eichenmuellerhaus.de/ausstellungen/programm-scheibe-guentzel/

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Autor*in: Marlen Grote

Marlen Grote betreibt leidenschaftlich gern das lokale Nachrichten-Portal "Mein Lemgo".

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