Sprünge in der gut gebauten Männerseele

Ideenmillionär, Meister der Unwahrscheinlichkeit und passionierter Sprachverschachtler: Heinrich Steinfest wusste bei seiner Lesung in der Stadtbibliothek Bielefeld bestens zu unterhalten (Foto: Burkhard Riegels)

Im Frühjahr wollte Heinrich Steinfest mit seinem Buch “Gebrauchsanweisung fürs Scheitern” auf große Lesetour gehen. Die Pandemie machte dem Vielschreiber einen Strich durch die Rechnung, beschleunigte vielleicht aber auch die Arbeit am nächsten Roman. Mit diesem war der gebürtige Österreicher, der seit 20 Jahren in Schwaben lebt, nun zu Gast bei den Bielefelder Literaturtagen und sorgte dort für Schwung und Stimmung.   

Das begann schon bei der Begrüßung, als Steinfest eine an sich unverzeihliche Bielefeld-Bemerkung machte, die das Publikum ihm jedoch lachend nachsah, nachdem er eine St. Pölten-Bemerkung hinterhergeschoben hatte. Es gefalle ihm, hatte der in Niederösterreichs Landeshauptstadt Geborene gesagt, an einem Ort zu sein, den es nicht gebe, weil er selbst aus einer ähnlich skurril beleumundeten Stadt stamme. Wenn in Österreich nämlich eine Person gestorben sei, sage man nicht, sie sei tot, sondern in St. Pölten.

Mit diesem Schmankerl hatte Heinrich Steinfest das Publikum auf seiner Seite. Anzunehmen, dass die ausgedünnten Reihen der Stadtbibliothek ohnehin besetzt waren mit Fans dieses gewitzten und gewieften Autors, der den einarmigen Kommissar Chen erfunden hat und grundsätzlich ein Faible für Unwahrscheinlichkeiten aller Art pflegt. Dem schrägen Heldenpersonal seiner Romane ist zudem gemein, dass es immer als Tiger startet, aber nie als Bettvorleger endet. Statt dessen wird es einer Verwandlung unterzogen, die sich gewaschen hat. Denn im Anfang steht bei Steinfest das Trauma.  Immer. Unumstößlich. Danach sind seine Figuren nicht mehr dieselben.

Das war in  “Gewitter über Pluto” (2009), in dessen Entwicklung ein Pornodarsteller einen Strickladen eröffnet, nicht anders als in “Der Allesforscher”(2014), das den Manager zum Bademeister macht oder dem hochgelobten Roman “Die Büglerin”(2018), in dem das Schicksal eine vielversprechende Wissenschaftlerin professionell ans Plätteisen zwingt. In seinem aktuellen Roman “Der Chauffeur”(2020) gerät die Welt des Berufsfahrers Paul Klee nach einem Autounfall massiv ins Wanken, und natürlich sieht auch er sich danach wie alle Steinfest-ProtagonistInnen zu neuer Berufswahl veranlasst.

Im Anschluss an seine launige Lesung aus diesem Buch, das ein bisschen nach Martin Suter klang, ein bisschen nach Jan Weiler und ein bisschen nach Thommie Bayer, berichtete der Autor ganz freimütig von seinem etwas kuriosen Schreibkonzept und -prozess.  So fest zementiert die Dramaturgie des Schreckens in seinen Romanen nämlich sei, erzählte er mit noch immer dezent durchklingendem österreichischem Zungenschlag, so unvorhersehbar sei für ihn alles, was danach passiere.

Dass sich also in “Der Chauffeur” ein zehnjähriges Zwillingspaar namens Uwe und Iris den “Zauberberg” vorlesen lässt und dass ebenjenes Zwillingspaar gegen Ende des Romans “Land-Art”-Exponate, die u.a. “Das Knie Gottes” heißen, von der Belegschaft eines Sanatoriums fabrizieren lässt, wusste der Verfasser des Romans demnach zu Beginn des Schreibens selbst nicht. Fantasiereich konstruierte Handlungsstränge wie diese und auch der Einfall, den Helden als “Mann mit Sprung in der gutgebauten Seele” zu konfigurieren, entfalteten ohne Zweifel Charme. Eher Geschmackssache war es dagegen, dass sich die Originalität bei Steinfest auch in einer Sprache niederschlägt, die von Konjunktiv-Vergleichen (“es war so, als würde”) und Sprachverspieltheiten nur so wimmelt. 

Und sollte sich jemand die Mühe machen, einmal zu zählen, wie viele “weniger weil, sondern” und “nicht wie, sondern vielmehr so”-Formulierungen es allein in  “Der Chauffeur” gibt, wäre die Trefferzahl garantiert hoch. Den geschraubten Wendungen und Drehungen zuzuhören, nahm jedoch keineswegs das Vergnügen an der Lesung, die Angelika Teller so geerdet und natürlich wie immer moderierte und Heinrich Steinfest mit einer schillernden Anekdote aus seiner “Gebrauchsanweisung fürs Scheitern” garnierte. Das war gewissermaßen der Streifen Palatschinken in der Frittatensuppe, und Eingeweihte wissen jetzt, was gemeint ist, die anderen sollten das hintergründige Buch lesen.

Heinrich Steinfest: “Gebrauchsanweisung fürs Scheitern”, Ratgeber, Piper Taschenbuch, 2019.

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Soeben erschienen: Tentakel 3/2020 Literaturmagazin Bielefeld/OWL Erhältlich in Bielefeld: Buchhandlung “Eulenspiegel” und “Mondo”

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Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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