Irgendwo über dem Regenbogen

Straßentanz, bis auf weiteres ins Innere verlagert: Simone Sandronis neues Tanzstück "Im Rausch" handelte von Sehnsucht nach Entgrenzung und Stellvertretertaten (vorne: Alexandre Nodari; hinten: Adrien Ursulet, Andrea Zinnato, Elvira Zuniga Porras, Carla Bonsoms i Barra, Ana Torre, Cola Ho, Hampus Larsson) Copyright: Joseph Ruben

“Im Rausch” heißt das neue Tanzstück, das Simone Sandroni und das Ensemble von TANZ Bielefeld am Samstagabend zur lautstark bejubelten Uraufführung im Stadttheater brachten. Mit der temporeichen, kraftvollen Performance verneigte sich der Choreograph einerseits vor der jungen, auf der ganzen Welt verbreiteten Lust am Tanzen und griff zugleich spielerisch den Urvölker-Kultus des gemeinschaftsstiftenden Rituals auf.

Denn die 5 Tänzerinnen und 5 Tänzer, die er entsprechend dieser beiden Inspirationsquellen weiße Sneaker und kostbar anmutende Satin-Trikots tragen ließ, gerieten erklärtermaßen in Stellvertretung für das maskentragende, zu Distanz und Disziplin gezwungene Publikum in äußerste Bewegung.  Eines Tages, so lautete die vorab aus den Lautsprechern verkündete Botschaft, werdet auch ihr wieder frei in die Sonne treten und einander umarmen können. Solange diese Zeit aber noch nicht gekommen ist, vermag die Kunst, vermag der Tanz, wie eine Höhensonne Licht zumindest zu simulieren und vor allem die Erinnerung wachzuhalten an das, was das Leben lebenswert macht.

So abstrakt der Bühnenraum von Sebastian Ellrich, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnete, gestaltet war mit seinen auf- und abfahrenden schrägen Metallrahmen, auf denen Lichter reflektierten in hoffnungsvollen Regenbogenfarben, so erkennbar wurde bei “Im Rausch”, welche Lebensqualitäten Sandroni  generell für bedeutsam hält: Hingabe und Leidenschaft bei der Verwirklichung eigener Ziele, offene Neugier für die Eigenart und Natur des anderen. Liebe und Zuneigung, Nähe und Wärme, Berührung und Emotion. Unbedingtes Vertrauen. Zusammenklang und Zusammenhalt.

Dass die zehn TänzerInnen davon so beredte Zeugnisse ablieferten, obwohl auch sie ganz bei sich bleiben mussten, machte die Faszination des einstündigen Tanztheaterstückes aus. Es passierte ungeheuer viel in den Zwischenräumen, was besonders bei den mitreißenden Pas de deux am Ende zum Ausdruck kam. Der von Marc Lohr konzipierte Soundtrack zum Stück, der von rhythmischem Klatschen, über Trommel- und Glockenschläge bis zu nahöstlich klingenden Gesängen, Techno- und Cellomusik reichte, sorgte für eine suggestive, in ständige Spannung haltende Atmosphäre, in die sich Wehmut mischte bei dem Gedanken, wie schwer es echter Straßentanz in dieser Zeit hat.

Die Tanzenden transportierten zudem wie es für Sandronis Arbeit und künstlerisches Selbstverständnis kennzeichnend ist, auch in diesem Stück durch ihre individuelle Persönlichkeit die Botschaften der Performance in die Ränge des zwar ausverkauften und doch kümmerlich besetzten Stadttheaters. Der Schwede Hampus Larsson, der wie seine von Madeira stammende Kollegin Ana Torre neu im Ensemble ist, brachte zum Beispiel eine feine Prise selbstironischen Humor in den kräftemessenden Geschlechterkampf, bei dem er der ungleich kleineren Carla Bonsoms i Barra klar unterlag.

Das war komisch, aber es ist absurd, in die Maske zu lachen. Wenigstens bei den stehenden Ovationen am Ende bekam man ein kurzes Gefühl der Zusammengehörigkeit. Wie unentbehrlich dieses Gefühl nicht nur beim Kulturerleben ist, erzählte “Im Rausch” mit traumwandlerischer Leichtigkeit, entfesselter, an manchen Stellen auch provokativer Tanzlust, auf hohem tänzerischen Niveau. Und eines Tages –

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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