Gebt dem Liveclub einen aus

Das Bielefelder Label Kapitän Platte hat einen Benefizsampler für die Liveclubs herausgebracht

Wo einheimische Rockgruppen derzeit mit ihrer Kreativität hinwollen, das wissen wir meist nur vom Hörensagen. Was wir an ihnen haben, das ruft nun eine Compilation der besonderen Art in Erinnerung. „Kapitän Plattes Lokalrunde“ versammelt Aufnahmen von neun Bands der regionalen Clubkonzerte-Rockszene. Mit Unterstützung des Bielefelder Kulturamtes kommen alle Einnahmen der Platte den Veranstaltungsstätten Bunker Ulmenwall, Forum Bielefeld, Movie Liveclub und Nr.z.P. zugute. Dort bereitete das 2010 gegründete Bielefelder Label Kapitän Platte, das auf LP-Veröffentlichungen vornehmlich instrumentaler Rockmusik von internationalen Gruppen spezialisiert ist, deren Liebhabern so manches Mal einen Treffpunkt. Die jährlich wiederkehrende Tradition des im Herbst veranstalteten „Kapitän Platte Festes“, zuletzt im Oktober 2019 im Movie, sah vor, beim Konzertabend möglichst auch einen lokalen Support zu präsentieren.

Resonanzen sprach mit Pietsch von Kapitän Platte über Veröffentlichung und Musikszene

Resonanzen: Hat Kapitän Platte die Bands für den Sampler ausgesucht und kontaktiert? Wie war der Ablauf?

Pietsch: Wir haben erst mal eine Liste mit Bands gemacht, die wir mögen und/oder kennen und da hat dann unser eigener Musikgeschmack natürlich auch eine Rolle gespielt, aber die Auswahl ging dann sehr schnell, zumal jede Band, die wir angeschrieben haben, sofort dabei war.

Freut ihr Euch über einzelne Beteiligungen besonders?

Im Gegenteil, wir freuen uns mehr darüber, dass alle Bands Feuer und Flamme von der Idee waren und es weder Absagen noch Forderungen gab, sondern alle einfach nur Bock hatten, dabei zu sein.

Nimmst Du einen besonderen Drang lokaler Bands wahr, auf LPs veröffentlicht zu werden? Oder gab es Überzeugungsarbeit zu leisten?

Ich glaube, für jede kleinere Band ist die Veröffentlichung auf Vinyl etwas ganz Besonderes. Digitale Veröffentlichungen oder auch kleine CD-Auflagen sind relativ leicht zu realisieren, Vinyl ist dagegen schon ganz schön teuer. Und im Nachgang zu dem Sampler habe ich jetzt schon ein, zwei Fotos von beteiligten Musikern in den sozialen Netzwerken gesehen, die stolz die Platte präsentieren, da für sie damit schon ein Traum wahr geworden ist, dass es ihre Musik jetzt auch auf Vinyl gibt.

Haben die Aufnahmen für dieses Medium eine besondere Behandlung erfahren?

Wir arbeiten seit Jahren mit der Firma Duophonic in Augsburg, die sich um die ganze Herstellung kümmert, vom Master über den Schnitt bis hin zur fertigen Platte. Die haben die einzelnen Songs nochmal leicht für die Platte soundtechnisch angepasst.

Kapitän Platte hat die Transformation der Vinyl-LP vom Spezialistenartikel nahezu zum Massenmedium hin erlebt. Hat sich die Lage bzgl. Knappheit von Presswerken mittlerweile entspannt?

Es gab eine leichte Entspannung Ende 2019, allerdings hat sich die Lage durch Corona momentan wieder verschlechtert. Viele Presswerke arbeiten gerade nicht mit voller Kraft, so dass es im Augenblick doch wieder sehr lange dauert.

Das Team von Kapitän Platte: Karl Geweke, Christian Pietschmann, Tanja Schrammen (v.l.) Foto: Achim Borchers

Wie verbringt Ihr Eure Zeit als Musikhörer derzeit?

Tanja und ich sitzen gerade sehr viel vor der Anlage in Ermangelung anderer Freizeitaktivitäten und hören uns da gerne durch mehrere Platten einer Band am Stück durch. Ist schon interessant zu hören, wie z.B. die musikalische Entwicklung auf den ersten vier Alben von Procol Harum ist oder der Vergleich der ersten Can mit der letzten usw.

Welche Entwicklung erwartet Ihr für die Musikszene im Jahr 2021?

Wenn es denn wieder losgeht, glaube ich, dass es eine Schwemme an Konzerten geben wird, da natürlich alle Bands wieder auftreten wollen. Da es aber nur eine begrenzte Anzahl von Clubs und Hallen geben wird, glaube ich, dass viele Bands, die sonst in größeren Hallen spielen, auch bereit sind, auf kleinere Locations auszuweichen, um überhaupt spielen zu können. Das hat sicher den Vorteil, dass man Bands nochmal in intimerer Atmosphäre sehen kann. Allerdings befürchte ich, dass dies für die kleineren Bands den Nachteil hat, dass für sie dann erstmal kein Platz das sein wird.

Kapitän Plattes Lokalrunde wartet – dem Geschmack der Labelgründer entsprechend – mit einigen mäandernden instrumentalen Klangmalereien und fernem Gedröhn auf, vermittelt durch intensive Hallschleppen und Modulationen. Aber auch weniger aufwendig produzierte, dafür aber nicht minder vielschichtige Stücke kommen vor, etwa das Doom Jazz-Beispiel von „Mellowdeath“ oder die Dampfwalzen von „Entropy“, „Der Draht“ und „Dünamit“. „Qwertz“ vertritt die junge Bunker-Szene mit einem tanzbaren Stück Akustik-Techno. Bonus ist, dass der bewusstere Akt des Auflegens einer Vinylscheibe den Conaisseur dazu einlädt, sich der Illusion der Liveenergie von Rockmusik hinzugeben. In einer weniger nervenaufreibenden, aber hoffentlich nicht langweiligeren Zeit könnte die Platte an eine Phase erinnern, in der ein Hochhausgerippe ein Wahrzeichen der Stadt darstellte.

Bitte bestellen im Shop von www.kapitaen-platte.de . Downloadcode für jene, die noch nicht auf die neumodische Langspielplattenwelle aufspringen möchten, ist inbegriffen.

Rainer Schmidt

Autor*in: Rainer Schmidt

"Wenn man sich schon Illusionen macht, dann aber auch richtig. Es muss stimmen, wenns auch nur von kurzer Dauer ist." – Django Universaldilletant, Meister der Verdrängnis, distanzierter Beobachter. Versucht, coronafrei zu schreiben.

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