Die Kunst des höheren Denkens

Selbst im Lockdown leuchtete Jeff Walls "The Thinker" aus dem Inneren der Kunsthalle Bielefeld nach außen und erinnerte auf eigene Weise an den abwesenden "Denker" von Rodin. (Foto: Antje Doßmann)

Nicht alle kulturellen Veranstaltungen überzeugen im Online-Format. Für das Gespräch, das Christina Végh und Steffen Siegel mit dem kanadischen Künstler Jeff Wall führten, der in den 70er Jahren das Medium Fotografie revolutioniert hat, erwies sich das Streaming aber als Glücksfall. Mehr als 100 Interessierte lernten auf diesem Wege einen bemerkenswerten Künstler kennen.

Es ist paradox, dass Dinge manchmal erst verschwinden müssen, damit sie wieder sichtbar werden. So geschehen in Bielefeld. Denn seit Rodins Skulptur “Der Denker” Ende des letzten Jahres an die “Foundation Beyeler” bei Basel ausgeliehen wurde, wo sie bis zum Mai zusammen mit Arbeiten von Hans Arp gezeigt wird, sorgt die Leerstelle auf dem Sockel rechts neben dem Eingang der Kunsthalle für ein lebhaftes Interesse an diesem bedeutenden Kunstwerk.

Denkerpause, vorübergehender Leerstand (Foto: Antje Doßmann)

Seit der Errichtung des Philip Johnson-Baus im Jahre 1968 hatte die Figur bei Wind und Wetter zuvor dort gesessen, das Kinn in die Hand gestützt, nachdenkend, sinnend. Und wie oft war man selbst blicklos an ihr vorüber geeilt, in eigene Gedanken gehüllt, die meistens eher mit alltäglichen als mit höheren Dingen beschäftigt waren. Doch nun, da der Denker auf Reisen ist, fällt die Leerstelle scharf ins Auge. Und regt auf neue Weise zu Austausch und Auseinandersetzung mit dem Thema Kunst im öffentlichen Raum an.

Wer verdient ein Denkmal?

Ein Diskurs, der sich schnell weitet in die Debatte über Erinnerungskultur, wie sie besonders in den Vereinigten Staaten im Zuge der “Black Lives Matter”-Bewegung aktuell hitzig geführt wird. Rodins monumentale Skulptur und ihr vorübergehender Aufenthalt in der Schweiz haben nur indirekt etwas mit diesem wirklichen Kampf um Gleichberechtigung zu tun. Dessen war sich Christina Végh, Direktorin der Kunsthalle Bielefeld, natürlich bewusst. Dennoch nutzten sie und  Steffen Siegel von der Essener Folkwang Universität der Künste die Gelegenheit, um den renommierten kanadischen Künstler Jeff Wall auch um eine Stellungnahme zu dieser brisanten Entwicklung zu bitten.

Schon der Titel der Online-Veranstaltung wies in diese Richtung. “Wessen Denkmal? Wer steht auf dem Sockel”, hieß der Auftakt der neuen Reihe “miteinander gegenüber”, die in loser Folge beabsichtigt, Kunstwerke verschiedener Epochen, Formate, Stile und Inhalte unter einer thematischen Frage einander gegenüberzustellen. Und wer hätte sich als erster Gast besser angeboten als Jeff Wall, der seit Oktober letzten Jahres mit zwei Fotokunst-Leuchtkästen im Foyer der Kunsthalle zu sehen ist? Zumal eines der Werke, “The Thinker” von 1986, einen klaren Bezug zu Rodin erkennen lässt.

Nie realisiert: Dürers “Bauernsäule” (Foto: Pixaby)

Wer teilnahm an dem spannenden Gespräch mit ihm, erfuhr im Verlauf allerdings, dass die Reverenz bei diesem Werk nicht nur Auguste Rodin galt, sondern auch und vor allem dem früheren Albrecht Dürer. Denn im Grunde handelt es sich bei “The Thinker”, so erläuterte der Künstler, der mit seinen “As if it was documentary”-Tableaus das Medium Fotografie zur erzählenden Kunstform erhoben hat, um eine Reduktion der nie realisierten “Bauernsäule”, die Dürer in seinen letzten  Lebensjahren zum Gedenken an die Bauernkriege entworfen hat. Eine der Grundideen beider Werke: Ein nicht mehr junger Mensch, der sein Leben lang körperlich gearbeitet hat, hängt höheren Gedanken nach. Nachzudenken gilt es über das Schwert, das beiden Figuren dabei im Rücken steckt.

Eine spannende Tour d’Horizon

Auch über den anderen Leuchtkasten im Foyer erfuhr man im Rahmen des Gesprächs, das von Végh und Siegel mit großem Respekt und ebenso großer Begeisterung für das ikonische Oeuvre des Kanadiers vorbereitet worden war, wichtige Details, ohne die man vielleicht ein wenig ratlos vor dem kleinen Format mit dem großen Titel stehen würde. “The Giant” heißt diese imaginativ-monumentale Komposition aus dem Jahre 1992, und sie zeigt auf dem Treppenabsatz einer öffentlichen Bibliothek eine überdimensionierte nackte Frau mit einem Zettel in der Hand. Auch sie ist erkennbar reiferen Alters, eine wahre Sophia, auch an die Alma Mater habe er gedacht, so Jeff Wall und fügte hinzu, dass es eigentlich wunderbar wäre, diese Figur tatsächlich als Monument in einer Bücherei zu errichten.

Alma Mater, überlebensgroß: Jeff Walls “The Giant”, 1992 (Foto: Antje Doßmann)

So oder so, ob sichtbar oder unsichtbar, gäbe es den Geist solcher Figuren, da wäre er sich sicher. Die einen könnten ihnen spüren, die anderen nicht. “Hidden figures”, nannte er das, oder “cryptic figurated caracters” und seine narrativen Bildkompositionen “sculptural snapshots”.

Von Bielefeld weitete sich der Blick im Anschluss auf verschiedene Plätze in der Welt, wo der Künstler Spuren hinterlassen hat. Über Deutschland, wo er mehrfach bei der documenta vertreten war, die Niederlande und Kanada führte die Tour d’Horizon. Manchmal hatte er tatsächlich Gelegenheit, Bilder in Skulpturen umzuwandeln. Ein für immer still stehendes Kofferband mit verloren gegangenen Gepäckstücken (Lost Luggage Depot, 2001) erinnert in Rotterdam an Emigration und Immigration, und dass nicht nur Leid und Schwere, sondern auch Freude und Hoffnung dabei zum Ausdruck kommen, verdankt sich nicht zuletzt der absoluten Erdung dieses Kunstwerks. Ein Foto zeigte herumkletternde Kinder, Touristinnen, die sich ausruhen in der Installation.

Gegen diese Art urbaner Belebung hat Jeff Wall, der Rodins “Bürger von Calais” zu seinen Lieblingswerken erklärte, nicht das Geringste einzuwenden. Vandalismus wäre natürlich etwas anderes, aber selbst in diesem Punkt nahm der 1946 geborene Künstler im Gespräch eher altersmilde Positionen ein. Jeglicher Kunst im öffentlichen Raum ist die Auseinandersetzung mit ihr nun einmal inhärent, auch Ablehnung kann dazugehören, betonte er. Rezeption sei Teil der Kunst, jede Gesellschaft, jede Zeit habe ihren eigenen Geist und müsse Kunst neu verhandeln, zumindest, was die Gestaltung des öffentlichen Raums beträfe.  In diesem Punkt waren sich am Ende alle einig. Und dass dieses Postulat in besonderem Maße für jene Denkmäler gälte, die Helden auf einen Sockel gestellt oder Sinnbilder in Bronze gegossen haben, die Geschichte aus einseitiger Perspektive erzählen.

Rodins Denker jedenfalls kommt in einigen Wochen wieder. Wir werden ihn mit neuen Augen betrachten.  

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.