Dinge, die selbstverständlich sein sollten

Klangkünstler Marcus Beuter vor dem großen Gebetsraum der Bielefelder Synagoge Beit Tikwa. Foto: Rainer Schmidt

Was wissen wir über das zeitgenössische jüdische Leben in Deutschland? Es könnte mehr sein. Den in Oerlinghausen lebenden Klangkünstler Marcus Beuter hat es neugierig gemacht.

Mit seinem Aufnahmegerät hat er sich an die Detmolder Straße begeben, ins Zentrum des Bielefelder Gemeindelebens,, die Atmosphäre in der Synagoge aufgesogen und Gespräche mit Geistlichen und Gemeindemitgliedern geführt. Das vielstimmig montierte Hörstück in Vierkanal-Raumklang soll nun im öffentlichen Raum zur Aufführung kommen. Doch zunächst kann man es am Schauplatz der Aufnahmen hören.

Im Gebetsraum der Synagoge, wo zur Stunde für die Allgemeinheit der nun erneut verschobene Israeltag stattfinden sollte, soll nun, am 9. Mai um 17 Uhr im Rahmen einer Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Beendigung des 2. Weltkrieges, Beuters Installation mit dem Titel „selbstverständlich – mit leerstellen“ uraufgeführt werden.

Fehlen von Normalität

Vielfältige öffentliche Veranstaltungen der Gemeinde, wie die jüdischen Kulturtage im Herbst, machen darauf aufmerksam, dass jüdisches Leben, welches sich in Deutschland seit 1700 Jahren abspielt, eine Selbstverständlichkeit darstellt. Dennoch ist seine Wahrnehmung in der Kernbevölkerung von Berührungsängsten und Verständnislosigkeit geprägt, schlimmstenfalls von Ablehnung und Aggression. Das ist es, was Marcus Beuter mit „Leerstellen“ meint, Lücken im Bewusstsein, freilich auch eine Periode der Abwesenheit von Juden in der Region nach der Vernichtung und Exilierung während der Shoah. Und immer noch ein Fehlen von Normalität. Dass Gemeindeveranstaltungen durch Barrieren und Polizeipräsenz geschützt werden müssten, das findet der Künstler unerträglich.

Synagoge Beit Tikwa – Foto:Schmidt

Beuter lässt Gemeindemitglieder unterschiedlicher Herkunft über ihren Alltag erzählen, Welcher sich von dem nichtjüdischer Menschen kaum unterscheidet, außer in der Ausübung religiöser Feste. Erläuterungen zur Liturgie geben der Gemeindevorsteher und die Rabbinerin aus Unna, wo im Spätsommer eine weitere Freiluftinstallation geplant ist. Die Frage nach Vermittlungsproblemen und Wünschen der jüdischen Sprecher*innen an die Mehrheitsgesellschaft, stellen geschichtlichen Kontext her. Eingebettet sind die Wortbeiträge in Sequenzen aus einem Gottesdienst.

Dokumentationen als Akustische Kunst

Das gesprochene Wort ist seit langem Bestandteil der Klanginstallationen Beuters, der ein rühriges Mitglied der Bielefelder Cooperativa Neue Musik ist und in deren Ensemble mit live verfremdeten „field recordings“ arbeitet. Kulturelle Vielfalt und Verwerfungen hat er mit seinem Recorder immer im Aufnahmefeld, so beispielsweise bei einem dreimonatigen Aufenthalt in den USA kurz nach den Anschlägen aufs World Trade Center, oder auf einer Studienreise nach Armenien, bei der auf dem Landweg viele Grenzen überschritten werden mussten, wobei der Künstler die jeweiligen Bewohner interviewte. Entstanden sind themenübergreifende essayistische Dokumentationen, die den Zuhörenden zur eigenen Erkundung und zum Nachdenken anregen. Hierzu geht am 24. Juni das Hörstück „forgotten“ mit Impressionen aus einem zerstörten und verlassenen Dorf in der Kaukasusregion im Deutschlandradio Kultur über den Sender.

„selbstverständlich – mit leerstellen“ ist vom 17. Juni bis zum 1. Juli am Jahnplatz zu hören, vor dem ehemaligen Bekleidungshaus Opitz, welches 1938 der jüdischen Kaufmannsfamilie Alsberg weggenommen wurde.

Aufführung in der Synagoge Beit Tikwa, Detmolder Straße 107, 9. Mai, 17 Uhr sowie bis zum 22.05., Mo–Do 9–15 Uhr, bitte Zeit mitbringen aufgrund Corona-Schnelltests vor Ort.
https://www.juedische-gemeinde-bielefeld.de/kontakt.html

Rainer Schmidt

Autor*in: Rainer Schmidt

"Wenn man sich schon Illusionen macht, dann aber auch richtig. Es muss stimmen, wenns auch nur von kurzer Dauer ist." – Django Universaldilletant, Meister der Verdrängnis, distanzierter Beobachter. Versucht, coronafrei zu schreiben.