Urban Forest

Mythos Wald: Wofür Natur steht, die geheimnisvolle Welt der Bäume, tiefe, unsichtbare Verbindungen - von all dem sprach die Performance "Urban Forest" (Fotos: privat)

Der Wald ist nicht nur bedroht. Er erlebt aktuell eine Sichtbarkeit in der Kunst, die beachtenswert ist. Gerade ist der fulminante Gedichtband „In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen“ von Martina Hefter erschienen. Und auch Andreas Kaling, Saxophonist aus Bielefeld, lud am letzten Wochenende Gäste in den Wald ein, um mit einer interdisziplinären Performing-Arts-Collage diesen besonderen Ort zu untersuchen, der viel mehr Bedeutungsschichten birgt, als wir uns gewöhnlich bewusst machen.

Als Treffpunkt diente der Parkplatz am Waldfriedhof in Steinhagen, von dem die Gruppe an eine Lichtung tief im städtischen Wald geführt wurde, was einer Initiation nahe kam, die die Einzelnen zu einem Teil der Aktion machte.

Im Juni dieses Jahres entstand die Idee, den Wald aus seinem bedrohten und/oder romantischen Korsett zu lösen und mit anderen, ihm scheinbar entgegengesetzen Mitteln zu konfrontieren, um zu sehen, was sich daraus ergibt. Ob bestenfalls der mythenreiche Wald einen eigenen Raum in uns selbst öffnen kann. Da Andreas Kaling sich ohnehin nicht gerne auf eingefahrenen Pfaden bewegt und am liebsten interdisziplinär arbeitet, lud er den mit Holz arbeitenden Künstler Klaus Seliger sowie den Tänzer und frisch gekürten Bielefelder Kulturpreisträger Dhélé Agbetou zur Kooperation ein, der seine Wake-Up-Owl-Dance-Company mitbrachte. Gemeinsam entwickelte das Team innerhalb weniger Monate eine Performance, die am ersten Oktoberwochenende im Steinhagener Wald zu erleben war. Eine Aktion, die einen ganz neuen Blick auf den Ort eröffnete, den man bis vor kurzem gedankenlos als Erholungsgebiet genutzt hat, und um den man sich seit einiger Zeit mehr und mehr sorgt, weil er unübersehbar stirbt. Um all das ging es bei dieser Performance, und es ging auch nicht darum, sondern um etwas viel Tiefreichenderes.

Während der etwa eine Stunde langen Performance wurde der Wald  in seiner ganzen Bedeutungs- und Seinsweise erlebbar. Dabei halfen eine Motorsäge und ein Megaphon, die unglaublichen und überwältigend rythmischen Klänge, die Andreas Kaling seinem Bass Saxophon entlockte, und natürlich der ausdrucksstarke Tanz, bei dem jede einzelne Tänzerin und jeder einzelne Tänzer auf ganz eigene Weise eine Geschichte erzählte. Geschichten vom Wald, von Annäherung und Abweisung, von Überwältigung und Zuwendung, von Liebe und Aggression. Es war, als läge zwischen dem ersten Erwecken des menschlichen Haufens um den Saxophonisten herum bis zur Rückkehr in eben diese Zusammenballung die Geschichte von Mensch und Wald.

Der Haufen aus Menschenleibern, der im Hintergrund sichtbar war, als Klaus Seliger “Into the dark”, ein Gedicht von Antje Doßmann rezitierte, schien so organisch, so sehr Teil der Natur, dass er zunächst kaum auffiel. Das pointierte „Jetzt“, das das Gedicht abbrechen ließ, erweckte die amorphe Masse zum Leben. Anmutig, organisch, zelebrierten sie eine Bewegung von entstehendem Leben in all seiner Vielfalt.

Nach und nach lösten sich einzelne aus dem Kokon und Musik erklang. Zunächst war schwer auszumachen, woher die Klänge kamen, aber schließlich entdeckte man Andreas Kaling, der mit seinem Saxophon noch auf dem Boden kauerte, während die Tänzerinnen und Tänzer nach und nach den Wald eroberten. Allein das wäre ein Ereignis gewesen, aber dass ein Musiker seinem Saxophon derartig viele Töne entlocken kann, dass es klingt, als spiele ein kleines Ensemble, war bewundernswert. Dabei war die Musik zurückhaltend, spielte sich nie in den Vordergrund, sondern harmonierte vollkommen mit den Gesten und Schritten der Jugendlichen, die sich inzwischen aus der symbiotischen Masse gelöst hatten und in kleinen Gruppen performten. Ihre Tänze  belebten den Wald. Dabei folgten die Bewegungen weniger einer vorgegebenen Choreographie, als vielmehr dem Ausdruck der jeweils eigenen Persönlichkeit der Tänzerinnen und Tänzer, angeregt durch die Musik und den Wald als zusätzlichen Akteur. 

Zwischen der auftaktgebenden Kettensäge Klaus Seligers und den als innere Stimme eingestreuten Gedichten von Antje Doßmann setzte Andreas Kaling mit seinem Bass-Saxophon die Tanzenden, das Außen und Innen und irgendwie auch den Wald selbst in Bewegung.

Hier stand nichts allein. Alles war miteinander verbunden, wie die Bäume, die sich über ihr Wurzelgeflecht miteinander verständigen und unterstützen. Die Performance “Urban Forest” zeigte eine wertvolle Stunde lang, wie Menschen, Generationen und unterschiedliche Kunstrichtungen diesem Beispiel nacheifern können. Und was für ein Ereignis es ist, dem beiwohnen zu dürfen.

Autor*in: Elke Engelhardt

Schreibt mit nicht nachlassender Begeisterung über Bücher. Ganz selten schreibt sie selbst eins.

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