Ende des Stillstands

Das Trio l'Onda (Erika Ifflaender-Gehl, Claudia Kohl und Sigurd Müller) sowie der Schauspieler Thomas Wolff erinnerten bei ihrem Auftritt im Gymnasium Heepen an jüdisches Leben in Deutschland und den großartigen Bertolt Brecht (Foto: Antje Doßmann)

Drei tolle Veranstaltungen an einem Tag – der Oktober macht’s (wieder) möglich. Schon immer brachen nach dem Ende des Sommers goldene Zeiten für die Kultur an. Aber in diesem Jahr ist die Freude über das täglich reicher werdende Angebot an Veranstaltungen besonders groß. Nicht nur weil der eigene Hunger nach Bildern, Klängen, Bewegungen und Begegnungen neue Nahrung bekommt. Sondern auch weil hinter allem, was auf Bühnen, in Gebäuden oder En plein air präsentiert wird, noch einmal sehr deutlich wird, wie belastend es für Künstler*innen gewesen ist, nicht auftreten zu können.

Nun aber legen alle wieder los, und wirklich stillgestanden hat die Kunst ja ohnehin nie. Projekte wurden geplant und entwickelt, gemeinschaftlich oder ganz individuell. Inzwischen ist vieles zur Aufführungsreife gelangt, und wer wollte, konnte zum Beispiel in Bielefeld am Tag der Deutschen Einheit begeistert von einem schönen und bewegenden Kulturereignis zum nächsten taumeln.

“Wider das Vergessen” – Kammerkonzert mit Lesung im Gymnasium Heepen

Jüdisches Leben in Deutschland – mit diesem zur Zeit aktuellen Thema hat sich auch das Trio l’Onda auseinandergesetzt. Musikalische Werke von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Mieczyslaw Weinberg und Ernest Bloch standen auf dem Programm des Kammerkonzertes, das Erika Ifflaender-Gehl (Violine), Claudia Kohl (Klavier) und Sigurd Müller (Violoncello) am Sonntagvormittag in der Aula des Gymnasiums Heepen gaben. “Wider das Vergessen” hieß das mit Auszügen aus Mendelssohn-Bartholdys “Sonate für Klavier und Violoncello Nr. 2” in heller, froher Dur-Stimmung eröffnende Konzert. Ein optimistischer Auftakt, den das Trio, wie Sigurd Müller erläuterte, bewusst gewählt habe, um diejenigen Kräfte zu unterstreichen und zu stärken, die im Hinblick auf die Vergangenheit in der Gegenwart und Zukunft entscheidend sein werden: Die Kräfte der Jugend und der Demokratie.

Im Anschluss las der Schauspieler Thomas Wolff Brechts “Kinderkreuzzug”, diese beinahe am Ende jeder menschlichen Hoffnung angelangte Ballade, die bei jedem neuen Zuhören wieder an die Seele rührt. Zumal wenn sie so virtuos rezitiert wird wie von Wolff. Auch Brechts “An meine Landsleute”, “An die Nachgeborenen” und sein “Lied vom Glück”, die später folgten, wurden durch seine Vortragskunst zu bewegenden Hör-Ereignissen.

Musikalisch hatte das Trio l’Onda mit Weinberg und Bloch zwei Überlebende des Holocaust in ihr Repertoire aufgenommen, deren vom erfahrenen Grauen und Elend mitgeprägten Kompositionen seit einigen Jahren eine Wiederentdeckung erfahren.

Temperamentvolle, wie Insekten schwirrende Töne, die sich zuweilen in dramatische Alarmbereitschaft steigerten, wirbelten Weinbergs Toccata und Poem aus dem “Klaviertrio op. 24” auf. Während die 3 Stücke aus der Suite für Violoncello und Klavier “From Jewish Life” – Prayer, Supplication und Méditaton Hébraique – ein wenig ruhiger und in schöner Bündelung verschiedener Motive von jüdischer Spiritualität und Realität erzählten. Was hätte besser zum Thema dieser Matinée passen können? Mit einer Klezmer-Zugabe und der Einladung zum anschließenden Gedankenaustausch klang sie warm und offen und von Herzen begegnungsbereit aus. Sonntage, die so beginnen, können eigentlich nur gut weitergehen.

“Murmeln im Kopf” – Eine Soloperformance im Tor 6 Theaterhaus

Und so war es denn auch. Am Nachmittag wurde im Tor 6 Theaterhaus “Murmeln im Kopf” gezeigt. Eine Performance, von der sich in kulturbegeisterten Kreisen bereits herumgesprochen hatte, dass sie außerordentlich sehenswert sei. Tatsächlich ist es nicht übertrieben, die Bühnenleistung der Solistin Isabel Remer als spektakulär zu bezeichnen. Eine unglaubliche Dreiviertelstunde lang kletterte und hangelte sie sich im kleinen Saal des Theaters kopfunter und kopfüber durch einen Parcours voller Hindernisse, der stellvertretend stand für all die Hürden des Alltags, die zu überwinden auch Zugehörigen der Mehrheitsmasse gelegentlich äußerst mühsam erscheint.

Aber darum ging es nicht in diesem starken Stück. Nicht um die Mehrheitsmasse, nicht um punktuelle Überforderungen. Sondern um Dauerstress, um das Gefühl, permanent mit Reizen befeuert zu werden, ohne einen Schutz dagegen zu haben. Um ständige Überflutung, Überforderung. Um die Unfähigkeit Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen, aber auch um die trotzige Verweigerung, dieses zu tun, ohne die es keine Kunst geben würde.

Grandiose Solistin: Isabel Remer in “Murmeln im Kopf”

Auf Art einer wahren Clownin zeigte Isabel Remer das ganze Drama, aber auch die ganze gelegentliche Großartigkeit, die es bedeutet, als Erwachsener von ADHS betroffen zu sein, einer bislang wenig erforschten neurophysiologischen Schrankendurchlässigkeit, die das Leben auf der Normallinie unmöglich macht. Das zwischen biegendem Lachen und betroffenem Schweigen hin- und her bewegte Publikum wurde förmlich hineingesogen in das Überschussenergiefeld, das die Schauspielerin umgab. Dadurch nahm es ungewohnt intensiv Anteil an dem artistischen Daseins-Balanceakt ihrer Figur und all den überanstrengenden Verrenkungen, die es für sie bedeutete, dem gesellschaftlichen Anpassungsdruck wenigstens ungefähr standzuhalten. Im Klartext: nicht allzu verrückt zu wirken, nicht allzu chaotisch, sprunghaft und unzuverlässig.

Aber so schmerzhaft es war, die inneren Panikattacken und quälenden Selbstvorwürfe der getriebenen Alltagsheldin mitzuerleben, so sehr faszinierten auf der anderen Seite ihre wie plötzliches Feuer auflodernden, buchstäblich zündenden Ideen. Allein Hamlets “Sein oder Nichtsein-Monolog” – im englischen Original! – statt einem knöchernen Totenschädel, einem Silikongehirn zu halten, wie es Isabel Remer im Tor 6-Theaterhaus tat (und hoffentlich noch in weiteren Vorführungen tun wird), kam einem Geniestreich gleich. So verneigte man sich am Ende still vor einer, die wie eine Kerze an beiden Enden brennt. Das in aller Konsequenz und mit allem bitteren, aber auch schöpferisch-kraftvollem Nachdruck zu zeigen und für andere spürbar zu machen, war ganz große Klasse!

Jeder Gedanke fliegt – Eröffnung der Ausstellung von Elisabeth Lasche in der Neustädter Marienkirche

Wenn Wände reden könnten, hätten Kirchenwände sicherlich besonders viel zu erzählen. Auch die Neustädter Marienkirche mit ihrer wechselvollen Geschichte als Stifts- und Garnisonskirche. Von äußerer Amtswürde und innerer Soldatennot wäre bei ihr wohl ebenso die Rede wie von all kleinen und großen Dingen, die zwischen Mensch und Gott in einem sakralen Bau verhandelt werden. Seit sie nur noch der Stadtgemeinde dient, öffnet sie sich zunehmend für die zeitgenössische Kunst. Sei es experimentellen Klangraumerforschungen, wie sie zum Beispiel Dirk Raulf und Oona Kastner vor einiger Zeit vornahmen, sei es der freien Malerei.

Die Bielefelder Künstlerin Elisabeth Lasche, die ihr Atelier direkt nebenan im Art-Center hat, war schon mehrfach mit Werken in der Neustädter Marienkirche vertreten. Sogar hingen einige Leinwände, die seit vergangenen Sonntagabend dort im Innenraum des Gotteshauses zu sehen sind, bereits einmal dort. Nur sahen sie damals noch anders aus. Wie ist das zu verstehen?

Es war die Kirchenmusikdirektorin Ruth Seiler, die zur Eröffnung von Elisabeth Lasches Ausstellung “Jeder Gedanke fliegt” das Geheimnis der drei Werkgruppen lüftete, bei denen es sich um sehr kunstvolle Übermalungen handelt. Sie tat das in der ihr eigenen Art, kurz, präzise und mit großer Warmherzigkeit, bevor sie zur Orgel eilte und fast möchte man schreiben: flügelte, so ganz von Kirche und Musik durchdrungen erschien sie in diesem Moment. “Sie werden ab heute Elisabeth Lasches Bilder in dieser Kirche hier sehen können, es sind für sie alte Bekannte”, sagte Ruth Seiler und dass sie gespannt sei, was die Kirche selbst zu den verwandelten Bildern sagen würde.

Denn genau das ist die Einladung, die von den ungemein starken, sehr spannende Geschichten erzählenden Tafeln ausgeht. Man möchte mit ihnen und den Wänden, die sie tragen, in ein tiefes Gespräch über Lebenswirklichkeit, Hoffnung und Glaube und Liebe und die Erfahrbarkeit des Transzendenten treten. Und vielleicht meinte Andreas Beaugrand bei seiner Eröffnungsrede das, als er sagte, Elisabeth Lasches Kunst könnte gegenüber den alten Kirchenkunstwerken bestehen, sich behaupten. Sinnreich und wertvoll erscheint am Ende, was für Kunst durch alle Zeiten gilt: Je offener wir uns auf sie einlassen, desto mehr wird sie zu uns sprechen. Und wenn der Himmel über Bielefeld sich herbstlich eintrübt, wird es gut sein zu wissen, dass Elisabeth Lasches Wolken dort warten in der Neustädter Marienkirche. Auf uns und unsere Gedanken, die fliegen.

Werkgruppe 1 / Zweite Übermalung: Die mit Jeder Gedanke fliegt übertitelte neun Meter lange Wolkenlandschaft, unter der sich zwei frühere Malereien Elisabeths Lasches befinden, entfaltet in der Neustädter Marienkirche eine starke Wirkung. (Foto: Antje Doßmann)

Werkgruppe 2 – Zeiträume: Transformation einer starken Emotion in eine reflektierte Erfahrung

Werkgruppe 3: Wald / Übermalung, 3 von 5 Bildern: Ursprünglich gehörten die drei übermalten Leinwände zu einem neunteiligen Werk aus dem Projekt Kreuzweg/Wegkreuzung

Antje Doßmann

Autor*in: Antje Doßmann

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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