Eine Stadt – fest im Sattel

"Aufwärmrunde" auf dem Kesselbrink zur Ausfahrt der "Critical Mass". Fotos: Rainer Schmidt

Es ist Freitag, 19 Uhr. Der letzte im Monat. Wer sich auf die Freifläche des Kesselbrinks wagen mag, bekommt einen eigenartigen Anblick geboten: dutzende bis hunderte Personen haben sich mit vorwiegend unmotorisierten Zweirädern zusammengefunden und strahlen freudige Erwartung aus. Unterschiedlichste Bauformen der Gefährte sind auszumachen, Hollandrad, Mountainbike, Rennrad, Lastenrad, Lowrider… Teils sind sie geschmückt oder tragen Wimpel einer der Radaktivistengemeinschaften der Region. Mittendrin ein Mann mit langen eisgrauen Locken. Resul Benli hat ein komplett weiß angestrichenes Fahrrad dabei und trägt ein weißes indisches Gewand. Dazu später.

Critical Mass wird laut für die Verkehrswende

Denn nun kommt Bewegung in die Zusammenkunft. Im abklingenden goldenen Oktober hatte die Schar nach Zwangspause und Sprühregen im vorhergehenden Monat zwar ein wenig zugelegt, doch es ist genug Platz, um einige Runden auf der Marktfläche zu drehen, ehe der Corso sich auf den Weg Richtung Innenstadt macht. Etwas fühlt sich hier anders an: am Willy Brandt-Platz fährt die Kolonne einfach auf der Fahrbahn in den Kreisel ein, anstatt sich auf engen Radwegen einzufädeln und sich auf eine lange Wartezeit an den Ampeln einzustellen.

Der Artikeleinstieg legt es nahe: dieser Beitrag ist Teil einer Rubrik. Sie behandelt Dinge, die sich (regelmäßig) an einem Freitag in der Stadt ereignen, ihre Macher und Anhänger, und was es sonst noch dazu zu berichten gibt. (wir hatten es begonnen mit dem Theaterbericht "Auf dem Kesselbrink".)
Vielleicht muss es nicht einmal immer "Freitags in Bielefeld" heißen, wir gingen auch gern mal auf Fahrt und brächten "Freitags in Gütersloh", "... Herford", "...Lemgo", wo auch immer in der Region, und sind jederzeit für Vorschläge offen. 

Die „Critical Mass“ gibt es in Bielefeld seit wenigstens sieben Jahren. Sie macht sich eine Sonderbestimmung im deutschen Verkehrsrecht zu Nutze: ab 16 Radelnden gelten alle zusammen als ein Verband und verhalten sich wie ein einziges Fahrzeug. Es ist sogar statthaft, den kreuzenden Verkehr anzuhalten, damit der Corso in einem Schub durchfahren kann, das sogenannte „Corken“, ausgeführt meist von sportlichen mutigen Radlern.

Es sollte Platz für alle sein. Ausfahrt im “Critical Mass”-Corso. Oktober 2021

Aus dem Stadtkern bewegt sich der Corso in Richtung der Außenbezirke, eine geplante Fahrtroute oder eine Beschränkung auf ausgewiesene Fahrradrouten gibt es nicht. Man bewegt sich, beispielsweise zwischen Schloßhof- und Jöllenbecker Straße, auf Straßen die man vielleicht sonst nicht entlang fährt, nimmt die Stadt auf andere Weise wahr. Resul Benli fährt heute vorne mit in der Gruppe von gut 20 Radelnden. Eine ganz weite Runde werde es heute nicht geben, ehe die Gruppe traditionell auf dem Siegfriedsplatz aus dem Sattel steigen wird. Zuvor werde man noch das Kneipeneck am Emil-Gross-Platz passieren, um sich den Ausgehenden zu zeigen und die Straßen im Vorüberfahren mit dem vielstimmigen Klang von Fahrradglocken zu beschallen. Schließlich macht man hier ein Anliegen öffentlich. Das Radfahren muss sicherer und attraktiver werden. Dazu gehört die Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht. Auf den ersten Blick widersinnig, doch durch das Auslagern des Radverkehrs auf oftmals ungeeignete Wege, die zudem vom Lieferverkehr blockiert werden und den Radler außer Sicht bringen entstehen Gefahren, die bei engerem Miteinander mit dem motorisierten Verkehr vielleicht vermieden werden könnten.

Bereit zur Abfahrt: der Fahrrad-Aktivist Resul Benli auf dem Kesselbrink

Resul Benli ist in seiner weißen Kluft ein rollendes, streitbares Mahnmal für die immer noch über 300 Menschen, die auf ihrem Rad jährlich im deutschen Straßenverkehr getötet werden. Der in Nordkurdistan aufgewachsene Enthusiast hat unter anderem bei einer eintägigen Sternfahrt durch alle Bezirke Bielefelds darauf aufmerksam gemacht – hierbei wurde er von Mitgliedern des Radentscheids unterstützt – und ist zuverlässiger Ansprechpartner und Mitgestalter, wenn eine der in immer zahlreicher werdenden Überlandtouren in der Stadt Station macht. Nicht alle davon widmen sich der nötigen Verkehrswende. So startete im Sommer die FriedensFahrradtour NRW in Bielefeld, welche über Gedenkorte des zweiten Weltkriegs und Stätten aktuellen, auch atomaren Militarismus führte, worauf die Aktivist*innen in der Landeshauptstadt dem Jahrestag des Atombombenangriffs auf Nagasaki gedachten.

Versammlung zur Critical Mass im August 2018 mit mehr als 100 Teilnehmenden

Daneben ist der gelernte Industriemechaniker aktiv in einer Initiative, die Geflüchteten aufgearbeitete Spenderräder zur Verfügung stellt und pflegt eine Sammelleidenschaft: historische Fahrräder aus dem letzten Jahrhundert. Dabei haben es ihm die Bielefelder Fabrikate besonders angetan, die traditionell einen sehr hohen Marktanteil nicht nur in Deutschland behaupteten, ehe die Auslagerung der Produktion nach Fernost betrieben wurde. Knapp 400 Räder von Dürkopp, Rixe, Stricker, Rabeneick, um nur die bekanntesten unter 93 Marken zu nennen, stehen in einem alten Wirtschaftsgebäude am Schelphof, wo Benli auch im September bei der vom Kulturamt ausgerufenen RadKultour eine Auswahl von Exponaten präsentierte und vom Interesse der zwischen Musik- und Tanzdarbietungen, Theater und Lesungen pendelnden Freizeitradler*innen überwältigt war.
Leider wurde verfügt, dass der Aktivist sein Lager ab kommendem Jahr nicht mehr nutzen kann, er ist auf der Suche nach einem Ausweichquartier, idealerweise auch als Ausstellungsraum nutzbar.

Massenbewegungen

Wir fahren an der Spitze der Critical Mass nebeneinander her auf einer Spur der Herforder Straße. Ein nicht beleuchteter Lieferwagen überholt und schert provokant eng ein. Immer wieder drängt sich die Komplexität des Interessenlage im individualverkehr ins Bewusstsein. Beim Abbiegen in die flugs gecorkte Beckhausstraße springt die kreuzende Fußgängerampel auf grün, ein Passant läuft noch vor der Spitze des Felds zur anderen Seite, eine Passantin muss sichtlich irritiert warten. Menschen in Gruppen sind nun mal auch bei besten Absichten in Massenträgheit gefangen.
Doch ist es schließlich eine seltene und flüchtige Angelegenheit, nicht mit einer Demonstration zu vergleichen, welche das Fortkommen längere Zeit aufhalten könnte. (Link aus einer sehenswerten historischen Radsport-Dokumentation; Youtube, Sprache en., frz.)

Der Corso erreicht erneut die Innenstadt, ich schere aus, denn es steht noch eine Kunstaktion an. Und zwar am Ausgangspunkt meiner Ausfahrt: im Foyer der Volksbank am Kesselbrink ist ein Ort der eintägigen Aktion „Allein-Gemeinsam“. In kontemplativer Ruhe sitzen Besucher*innen auf Papphockern und verfolgen, wie Gemälde entstehen, während sie und die Malenden eine seltsame Musik umspült. Ich bin erstaunt und amüsiert, als ich eine große Inschrift mittendrin entdecke:

Livepainting von Julia Lorsch und Alis Marquitan (Galerist Die Vitrine) in der Volksbank-Lobby bei der Veranstaltung “Allein Gemeinsam”

Es ist ein Zitat von Eddy Merckx. In der Bankenhalle ist, werblich exquisit gestaltet, derzeit und noch bis zum 31. Januar 2022 eine Ausstellung zu Radeln in Bielefeld und allem Drumherum ( auch hier Historie der Fahrradherstellung, Ersatzteile, Handel, Presseprodukte…) zu sehen. Doch an jenem Abend ging es um Zuversicht und ein spartenübergreifendes Miteinander von Kulturschaffenden, die lange Zeit keine Auftrittsmöglichkeiten hatten. Initiiert wurde der Kulturaktionstag an vier öffentlichen Orten in der Bielefelder Innenstadt von Absolventinnen des berufsbegleitenden Masterstudiengangs „Musikvermittlung und Musikmanagement“ der Hochschule für Musik in Detmold.

Bestandteil vieler Darbietungen war das 1. Violinkonzert von Karol Szymanowski, gespielt von Mitgliedern der Bielefelder Philharmoniker, für die Bankfiliale hat Moh Kanim eine Aufnahme davon zu einem rhythmisierten Remix verarbeitet. Der aus dem Sudan stammende Autodidakt ist bereits öfters im “Electric Ulmenwall”-Kollektiv aufgetreten und arbeitet an einer Website zu seinen Kompositionen.

Es lohnt sich immer wieder, zum Kesselbrink zurückzukehren: für den März plant Resul Benli in den Schauräumen eine Ausstellung von “Fahrrädern, die Geschichte erzählen”. Man darf gespannt sein.

Ein hörenswertes Feature zum städtischen Radverkehr in der Verkehrswendediskussion gibt es bei WDR5. Der “Tiefenblick” beim selben Sender hat eine hippe kürzere Betrachtung parat.

Rainer Schmidt

Autor*in: Rainer Schmidt

"Wenn man sich schon Illusionen macht, dann aber auch richtig. Es muss stimmen, wenns auch nur von kurzer Dauer ist." – Django

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