Im weitesten Sinne ZUG

Noch warten wir, ebenso wie die Männer auf Uschi Brackers Bahnhofsbank, auf den befreienden Schachzug gegen das Virus
Noch warten wir, ebenso wie die Männer auf Uschi Brackers Bahnhofsbank, auf den befreienden Schachzug gegen das Virus.
Derzeit sind Bahnhöfe eher gespenstische Orte. Gleichzeitig befinden wir alle uns auf einer Reise, bei der die Weichen ständig neu gestellt werden. Wöchentlich warten wir auf die neuesten Schachzüge der Politik. Genug Anknüpfungspunkte, um neugierig zu sein auf eine Ausstellung, die unter dem Namen „Im weitesten Sinne ZUG“ derzeit auf der Website des Künstlerinnenforums zu sehen ist.

In den Abteilen sitzen 12 Künstlerinnen, die die Bedeutung „Zug“ in unterschiedlichste Richtungen öffnen. Einige, unter ihnen Uschi Bracker, bespielen den Bahnhof, die Wartezonen. So zeigt Bracker eine Gruppe alter Männer auf einer Bank. Die Männer selbst sind schwarz-weiß und grau abgebildet, nur ihre Hüte leuchten wie Gold, und entführen die Betrachter*innen in leicht surreale Welten, denen die Bahnhofsbank lediglich als Ausgangspunkt dient. Auch Maria Stüker entwirft Szenen rund um den Bahnhof. Auf einem ihrer Gemälde liegt ein Mann auf einer Bank. Eine große Masse Mensch vor einem Hintergrund, der lediglich aus Farbe besteht. Noch dazu ein Mensch, der sich dem Betrachter völlig schutzlos präsentiert. Mit nacktem Oberkörper. Schlafend. Vielleicht ist es dieses Vertrauen, dieses Ausgeliefertsein, was mich so berührt.

Gemälde von Maria Stüker, das einen ruhenden Mann im Liegen zeigt

Kornelia Meißner, die ihre Werke als „Bruchstücke ihres Lebens“ betrachtet, nimmt uns mit ins Innere der Bahn, und führt uns wieder hinaus ins weitverzweigte Netz der Gleise. Dort an den Gleisen entlang spaziert Anne Mittags Brautpaar. In einem anderen Gemälde lässt Mittag einen Zug in Zeitlupe auf die Zuschauerinnen zukommen, bevor ihre Bilder ins All auswandern. Gemälde, die stilistisch an die jüngst wiederentdeckte schwedische Malerin Hilma af Klint erinnern. Vera Opolka nimmt diesen Faden stilistisch auf, ihre Bilder sind sphärisch ausgreifende und beeindruckende Werke.

Barbara Daiber erforscht und experimentiert mit Asche und Stoff. Was bleibt und was entsteht, wenn man Stoffe, Verbranntes und Bleibendes zusammenführt? Das Ergebnis ist erstaunlich; Weltkugeln, die sich mit all ihrer verbrannten Erde dem Betrachter entgegenwölben, Mondkrater und Spiralen, die den Blick soghaft ins Innere ziehen.

Barbara Daiber mischt Asche und Stoff und erschafft dadurch neue Welten

Aus dem All hinaus in den Himmel richtet Xenia Gorzny den Blick zu den Zugvögeln, mit Collagen, in denen sie ein Haiku integriert. Ebenfalls mit Collagen arbeitet Nicole Egert, die in ihren Bildern dem Phänomen Bewegung nachgeht. Bei Christine Halm findet die Bewegung als reportageartige Abfolge von Fotografien statt. Die Dokumentation einer Reise.

Annika Sieberts Gemälde sensibilisieren für das Wort „Zug“, bei dem die Vorsilbe entscheidet, ob die Bilder von Schrecken oder von Freude erzählen.

Luise Krolzik nimmt ihre Betrachter*innen mit über Berg und Tal, bis sie schließlich bei Ruth Tischler in Straßenzügen unterschiedlicher Länder ankommen. Allesamt menschenleer, wie immer noch viele Ausstellungen überall auf der Welt.

Ruth Tischler zeigt leere Straßenzüge, wie hier in Chiva.

Wenn eine Ausstellung derart viele Künstlerinnen vereint, ist die Gefahr groß, dass sich das Publikum im Chaos der Vielfalt verliert, in diesem Fall aber schließen die Bilder aneinander an, ergänzen sich, oder richten den Blick auf neue Bedeutungen. Klug kuratiert könnte eine gehängte Ausstellung so zu einer überaus lohnenden Reise werden.

Die Ausstellung ist noch bis zum 30. Juni online zu sehen. Eine analoge Schau ist geplant. Bis dahin kann man nicht nur die Werke betrachten, sondern findet darüber hinaus zahlreiche Angaben zu jeder Künstlerin.

Elke Engelhardt

Autor*in: Elke Engelhardt

Schreibt mit nicht nachlassender Begeisterung über Bücher. Ganz selten schreibt sie selbst eins.

1 Gedanke über “Im weitesten Sinne ZUG

  1. Liebe Frau Engelhardt,
    mit großem Interesse las ich Ihren Artikel über die Online-Ausstellung des KF „Im weitesten Sinne ZUG“. Ich sehe nun einiges mit „anderen Augen“. Sehr spannend. Vielen lieben Dank.
    Herzliche Grüße

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