Ein Friedensangebot

Gunter Demnigs "Stolpersteine", gedacht als sozialkünstlerische Aktion im Geiste Joseph Beuys', haben immer wieder zu Kontroversen geführt, bei denen es nicht nur um ästhetische Aspekte ging, sondern auch um Fragen kultureller Aneignung und Deutungshoheit in Sachen Vergangenheit. Bei einer Verlegung im Bielefelder Goldbach zeichnete sich nun eine vorsichtige Annäherung verschiedener Positionen ab.

Es gibt über 160 Stolpersteine zum Gedenken an die Verfolgten und Opfer des Nationalsozialismus in Bielefeld. Vorgestern wurden weitere in der Stadt verlegt, darunter vier vor dem Haus im Goldbach Nr. 16. Dort hatte bis zum 1.4.1939 der letzte Rabbiner der jüdischen Gemeinde gelebt, bevor es Hans Enoch Kronheim und seiner Familie gelang, in die USA zu emigrieren.

Anders als 2019, als im Goldbach auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit einem bewegenden Akt Gertrud Ilgner sowie deren Töchtern Lotte und Liesel gedacht wurde – die Mutter hatte sich am 20.9.1944 unmittelbar vor ihrer Deportation vergiftet, die beiden jungen Frauen, 19 und 20 Jahre alt, erschossen sich zwei Wochen später auf der Schwedenschanze – verlegte der Begründer des Stolpersteine-Projektes Gunter Demnig die Messingsteine dieses Mal nicht selbst.

Statt dessen gab es eine andere Besonderheit bei der nun vom Straßenbauamt durchgeführten Aktion. Nahm doch mit Irith Michelsohn die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde an der Gedenkveranstaltung teil und sprach mit einigen Mitgliedern der zum überwiegenden Teil aus Russland stammenden Gemeinde zum Abschluss das Kaddisch, eines der wichtigsten Gebete im Judentum. Diese Tatsache war umso bemerkenswerter, da Irith Michelsohn zu den Kritikerinnen der Stolpersteine gehört, die sie aus verschiedenen Gründen für keine angemessene Form der Gedenkkultur hält.

Vielleicht war es der friedensstiftende, auf interreligiösen Dialog und Versöhnung ausgerichtete Geist Enoch Kronheims, der sie zu dem Schritt veranlasst hatte. Zumindest entsprach ihr Entgegenkommen den Überzeugungen des Rabbiners im Wesenskern. Christiane Wauschkuhn erinnerte im Rahmen des würdigenden Gedenkens an Kronheims Engagement für eine friedlichere Welt und zitierte aus einer Rede, die er 1929 gehalten hatte.

Enoch Kronheim richtete sich darin gegen die Kriegstreiberei und den Geist des Rassismus seiner Zeit, ahnte auch hellsichtig den Schrecken des aufziehenden Krieges. Er glaube, sagte er in dieser Rede, dass die Weltgeschichte ein Ziel habe, das Frieden heiße. Wo er fehle, sei die Weltgeschichte unvollkommen. Es reicht ein Blick auf die Gegenwart, um ihm zuzustimmen. Und zu hoffen, dass es im Goldbach zu einer Annäherung gekommen ist, die für das gemeinsame Gedenken an die Verfolgten und Opfer des Nationalsozialismus in Zukunft gute Folgen haben wird.

Denn bei aller Differenz sind die Stolperstein-Aktivist*innen und die jüdische Kultusgemeinde ja nicht auf gegnerischen Seiten angesiedelt. Dort tummeln sich ganz anders Gesinnte, denen im Schulterschluss die Stirn zu bieten ein Gebot der Stunde ist.

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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