Spätstart ins Beethoven-Jahr

Verlieh seinen Ausführungen über Beethovens erhabenen "Sonatenplunder" am Klavier musikalischen Nachdruck: der vielseitig talentierte Karl-Heinz Ott bei seiner Buchvorstellung in der Stadtbibliothek Bielefeld. (Foto: Antje Doßmann)

Woran denken wir bei Beethoven? Mit dieser Frage eröffnet Karl-Heinz Ott, der sich als Musikdirektor, Stückeschreiber, Sachbuchautor und Romancier einen Namen gemacht hat, seinen in diesem Jahr erschienenen literarischen Streifzug durch die Sonatenwelt Ludwig van Beethovens. Sein alles andere als trockenes Buch, das den schönen Titel “Rausch und Stille” trägt, stand im Mittelpunkt der ersten öffentlichen Veranstaltung in der Stadtbibliothek Bielefeld seit Wochen.

Eine glückliche Wahl, denn der Freiburger Musikenthusiast sorgte bei der Wiederaufnahme der beliebten Lesungen dafür, dass dem coronamüden Publikum eine Frischzellenkur für Gehör und Gehirn verpasst wurde. Und ein bisschen Beethoven darf ja auch sein in diesem  Jahr, das schon Anstalten gemacht hatte, sich in Sachen Gedenkkult(ur) ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Friedrich Hölderlin und eben Ludwig van Beethoven zu liefern, deren beider Geburtstag sich 2020 zum 250. Mal jährt. Bevor der große Kulturkiller Covid-19 den geplanten Festivitäten der Reihe nach den Hals umdrehte.

Woran denken wir also bei Beethoven? Angelika Teller, die den Abend in der Stadtbibliothek moderierte, nahm Otts Frage zum Anlass, von frühen persönlichen Erfahrungen mit dem großen, von ihren Eltern stark verehrten Komponisten zu erzählen. Und welche Erinnerung hätte besser überleiten können zu dem Aplomb, mit dem Beethoven zu seiner Zeit auftrat, als Tellers Erinnerung an den Tag, an dem die Replik seiner Totenmaske aus Terrakotta, die in Vaters Arbeitszimmer hing, von der Wand fiel, um in tausend Teile zu zersplittern?

Beethoven, die Rhythmusmaschine

Eine Störung der Ordnung, die Beethoven gefallen haben dürfte nach allem, was Karl-Heinz Ott über den Ausnahmekünstler zu berichten wusste. Sein unterhaltsamer Vortrag mit musikalischen Einlagen am Flügel, der mehr freie Rede war als klassische Lesung, machte das vergnügt lauschende Publikum mit Beethoven und seiner maßgeblichen Kunst der Komposition vertraut. Neben gezielten Hör-Hinweisen zu einzelnen Sonaten vermittelte er spannende Einblicke in die Musik-Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts, Beethovens Lebenswelt und die Rezeption seiner Werke.

Besonders lebendig wurde sein Vortrag durch die griffigen Formulierungen und eigenen Schlüsse, die seiner begeisterten Annäherung an den unangepassten Erneuerer und Vollender der Kunst der Sonate entsprangen. Dazu zählten Sätze wie: “Beethoven ist eine Rhythmusmaschine – die rhythmischen Impulse machen bei ihm den ganzen Pfeffer aus ” oder: “Beethoven liebt Triller. Je älter er wird, desto mehr Triller macht er.” Zu diesen Betrachtungen stellte er den großen Chor berühmter Stimmen, die sich zu Beethoven und dessen Bedeutung für die Geistentwicklung der Menschheit geäußert haben. Besonders den Schriftstellern und Philosophen hatte es der Komponist angetan, wie Ott nachzeichnete.

So widmete sich E.T.A. Hoffmann in einem langen Essay der Frage, in welche Sphären uns die Sonaten eigentlich innerlich leiten und kommt dabei zu dem Schluss: “Haydn führt in grüne Haine. Beethoven führt ins Unermessliche und Ungeheuerliche.” Er meinte das positiv und schrieb Beethovens Musik die Funktion einer Brücke zwischen Irdischem und Kosmischem zu. Leo Tolstoi hingegen schrieb: “Beethoven ist der Schlimmste” und merkte an, dass seine Musik zur “radikalen Zerrüttung” führe. Indem er Quellen wie diese zitierte, kreiste Ott ein, welch neuer Strom mit Ludwig van Beethoven und anderen zu dieser Zeit in die Welt kam.

Aus dem Winzigen wächst das ganze Universum

Jetzt ging es in der Kunst nicht mehr um das Schöne, sondern um das Erhabene. Und um letzte Fragen, die durch die Auswirkungen der Französischen Revolution in Europa ein Stück weit von den Kirchen in die Konzertsäle verlagert wurden. Mit Nachdruck erinnerte der Gast in der Stadtbibliothek an die Herausforderung, die es für die Menschen der damaligen Zeit bedeutete, sich still und quasi ohne Regieanweisung auf eine Musik ohne Worte einzulassen und sich dadurch an einen inneren Ort zu begeben, von dem nicht zu wissen war, wo er eigentlich lag. Es war also nicht selten ein massiver Kampf gegen etwas, das man nicht verstand, womit der Besuch eines klassischen Konzerts einherging. Und dennoch zog etwas an der Musik Beethovens – die Kraft einer inneren Bewegung – in den Bann.

Wie er in der 5. Sinfonie aus dem berühmten donnernden, aber musikalisch doch winzigen Auftakt ein ganzes Universum zu entfalten vermochte. Oder wie er in der nicht weniger berühmten 9. Sinfonie den Geist einer Weltgemeinschaft heraufzubeschwören verstand, der den Horizont weitete und gegen eine Fixierung auf das Eigene den sarazenischen Menschen als Wesensglied dieses Universalbündnisses ernsthaft mitmeinte, indem er ihn in der Sonate musikalisch anklingen lässt. Diese uralte Sehnsucht nach Kommunion macht Beethovens Neunte – verstärkt durch die inhaltlich nicht unproblematische und von  Schiller selbst später wenig geschätzte “Ode an die Freude” – bis heute für viele zur Hymne. Ob Beethoven das gefreut hätte oder ob ihm der bloße Traum von Eintracht zu bequem erschienen wäre – wer weiß das schon?  Fest steht nur, dass Karl-Heinz Ott mit “Rausch und Stille” dazu anregt, über Beethoven und Fragen dieser Art nachzudenken. Und das machte seine Ausführungen zeitgemäß.   

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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