Seine Art von Wahrheit

Der Kritiker als Kunstfigur: Denis Scheck zu Gast in Bielefeld (Foto: Andreas Hornoff)

Mit Denis Scheck, der die 25. Bielefelder Literaturtage eröffnete, war ein Kenner der Weltliteratur zu Gast, der keine Scheu vor Pointen und Provokationen kennt. Das hatte Charme, war an manchen Stellen aber auch ein bisschen zu viel des Guten, wie 50 Gäste live und die anderen per Stream am Donnerstagabend in der Stadtbibliothek verfolgen konnten. Was unbedingt einnahm für den Lockspitzel der Literatur, war sein flammendes Plädoyer für das gute Buch und das Lesen an sich.

Bevor der in Köln lebende Justus Jonas des Kulturbetriebs – Denis Scheck gab bereits mit 13 Jahren eine Literaturzeitschrift heraus und kaufte sich als Jugendlicher einen Spazierstock mit silbernem Knauf, wie Moderator Klaus Loest zu berichten wusste – sein Buch “Schecks Kanon. Die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur von ‘Krieg und Frieden’ bis ‘Tim und Struppi'” vorstellte, nutzte Katja Bartlakowski die Gelegenheit, Loest für seine Verdienste zu danken. Denn diese 25. Literaturtage werden die letzten sein, die der Leiter der Zentralbibliothek mitorganisiert hat.

“Eine Art von Wahrheit”, so lautet ihr Motto in diesem Jahr, ein Terminus, der indirekt auf Olga Tokarszuk zurückging, deren Lesung im vergangenen Jahr nicht nur Klaus Loest, sondern dem gesamten Team der Stadtbibliothek sehr viel bedeutet hat. Daran konnten auch Schecks vernichtende Äußerungen über den Nobelpreis als solchen, die er später machte, nichts ändern.

25 Jahre Literatur vom Feinsten

“Der liebevolle Erzähler” (“The tender narrator”) – mit diesen Worten überschrieb Olga Tokarczuk die Stockholmer Vorlesung, die sie anlässlich ihrer Literaturnobelpreisverleihung im Dezember 2019 hielt. Ein Titel, der auch zu den meisten der rund 350 Autorinnen und Autoren gepasst hätte, die im Laufe der letzten 25 Jahre zu Gast bei den Literaturtagen Bielefeld gewesen sind. Das und die eben noch immer sehr lebendige Erinnerung an den damaligen Auftritt der frisch gekürten Preisträgerin in der Stadtbibliothek hatte die Verantwortlichen veranlasst, immerhin ein Zitat Tokarszuks aus dieser Rede zum Motto für die Jubiläumsveranstaltung zu erklären. “In der Flut von Definitionen, die es zu dem Begriff ‘Fiktion’ gibt”, sagte die polnische Autorin in der Rede, “gefällt mir die älteste am besten, die auf Aristoteles zurückgeht und besagt, dass Fiktion immer eine Art von Wahrheit sei.”

Umgekehrt gilt das genauso. Auch die Wahrheit erscheint zuweilen fiktiv, diese Momente, in denen wir uns ungläubig die Augen reiben. Bei den 24. Bielefelder Literaturtagen geschah das vor Begeisterung, nun, im Krisenjahr 2020, ein wenig vor Corona-Müdigkeit. Das Virus hemmt und hindert bekanntlich, wo es nur kann und in der auf Begegnung, Austausch und Gemeinschaftserleben ausgelegten Kulturwelt besonders.

Längere Zeit hatte man daher auch gezögert, die ausgesprochen beliebten Literaturtage (insgesamt beachtliche 32.060 verkaufte Karten) in diesem Jahr zu planen. Zu aufwändig erschien die Vorbereitung und Einhaltung der Corona-Schutzverordnung. Doch dann ließen die Verantwortlichen mit der Einladung Karl-Heinz Otts, der sein Beethoven-Buch “Rausch und Stille” im Gepäck hatte, Ende Juni einen Versuchsballon aufsteigen, um die Lage zu sondieren.

Der Wille und Mut zum Weitermachen

Wie würde es sich anfühlen, wenn lediglich 50, mit Abstand im Raum verteilte Besucher*innen an einer Lesung teilnehmen können? Würde das Anmeldeverfahren funktionieren und die Maskenpflicht beim Ein- und Ausgang konsequent eingehalten werden? Und als dieses nach Otts schwungvoll unterhaltsamer und von den Gästen übereinstimmend als belebend empfundener Lesung alles positiv beantwortet war und man sich für die reduzierte Durchführung der Literaturtage entschieden hatte, stellte sich noch die Frage, ob die WunschautorInnen denn bereit sein würden, nach Bielefeld anzureisen.

Zum Glück und sicherlich auch wegen des guten Renommés, das die Literaturtage bei den Verlagen besitzt, haben Angelika Teller und Klaus Loest mit einer Ausnahme alle Angefragten bekommen. Und so können sich Literaturfans freuen über hochkarätige Lesungen, die begleitet werden von Beiträgen aus der Bielefelder Musikszene. Zwar sind die Live-Veranstaltungen ausverkauft, aber sie können fast alle zusätzlich im Livestream verfolgt werden.

Machten die 25. Bielefelder Literaturtage möglich: Jutta Berges (Verein der Freunde und Förderer der Stadtbibliothek), Klaus-Georg Loest, Angelika Teller, Dr. Katja Bartlakowski, Leiterin der Stadtbibliothek, und Sigrid Gerbaulet (Förderverein) bei der Programmvorstellung (Foto: Antje Doßmann)

Der Zugang zum Livestream kostet 2 Euro und ist, wie der Selbsttest bei der Lesung mit Denis Scheck ergab, vollkommen unkompliziert unter http://stadtbibliothek-bielefeld.de erhältlich und weitgehend störungsfrei zuhause zu genießen.

Lord Duck vom Dach

Was nun dieses Kritikers Charisma anbelangte, so bekam man auch am heimischen Bildschirm eine ziemlich genaue Ahnung davon, was daran spannend ist und was eher heikel. Es ist natürlich der Hang zur Überheblichkeit, der bei einem, der Herrn Karlsson vom Dach, Dagobert Duck und Lord Peter Wimsey zu persönlichen Lieblingen erklärt, nicht groß verwundert. Und selbstverständlich haben es die drei, die diese Figuren erfunden haben, in seinen “wilden” Kanon geschafft: Astrid Lindgren, Carl Barks und Dorothy Sayers. Dafür fehlt halt Schiller, mein Gott, das stört doch keinen großen Geist!

Störend waren eher die Momente, in denen sich Schecks Horizont allzu sehr auf das eigene Genie beschränkte, was besonders in der Beantwortung der Publikumsfragen zum Ausdruck kam. Und dass er den frühen Tod des Autors Max Sebald als einen Gefallen bezeichnete, den dieser ihm dadurch getan habe – eines der Kriterien für die Aufnahme in seinen Kanon war das Verstorbensein, wobei Scheck für Herta Müller eine Ausnahme gemacht hat – war schlicht eine Geschmacklosigkeit. Diese Kritik muss sich der Kritiker gefallen lassen.

Die Liebe zum Kuchen und zur eingebackenen Feile

Wunderbar hingegen, wie am Anfang erwähnt, Schecks Trommelfeuer von guten Gründen, ein Buch zu lesen. Von seinen schätzungsweise 100 leidenschaftlichen Definitionen für Literatur, die er uns gab, seien zum Abschluss die schönsten drei im ungefähren Wortlaut zum Mini-Kanon zusammengefasst und hiermit wiedergegeben:

Literatur ist immer eskapistisch. Sie ist eine in einen Kuchen eingebackene Feile.

Literatur ist ein Lebensretter. Durch sie lernen wir Einsamkeit, Ablehnung, Liebeskummer zu ertragen.

Literatur übt ein aufs Scheitern. Enttäuschungen und Niederlagen, so begreifen wir durch das Lesen, betreffen uns nicht allein. Sie sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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