Kunst in der Krise

People in the distance appear smaller than they are

Zwischen existentieller Sorge und kreativem Ungehorsam: Für solo-selbständige Künstler*innen ist die Krise noch lange nicht vorbei. Was bedeuten Konzertausfälle, Ausstellungsabsagen, Veranstaltungsverbote im Einzelnen für sie? Wie ist die Stimmung in der Kunstszene? Schlaglichter auf eine gefährdete, aber kämpferische Spezies.

Im Virenlaboratorium

„Virologin“ Marie-Pascale Gräbener bei der Arbeit

Eigentlich geht es in Marie-Pascale Gräbeners Bildern selten abstrakt zu. Irgendeine schräge Figur gibt es in ihren farbvergnügten Aberwelten immer zu entdecken. Für die Ausnahmeerscheinung Lady Corona machte die Bielefelder Künstlerin jedoch eine Ausnahme und startete zum Gegenangriff. Nach dem Motto, Viren mit Viren bekämpfen, produzierte sie eine Serie fröhlicher Pseudovirusstrukturen aus chinesischer Leuchttusche. Entstanden in ihrem „Leerstand“-Laboratorium auf Zeit am Kesselbrink und weggehend wie warme Semmeln, zum eigenen Erstaunen ihrer Schöpferin. Es scheint, dass die expressiven fake viruses das Zeug zur begehrten Corona-Memorabile haben. Stück à 77,77 Euro. Das summiert sich schnell hübsch. Geld, das die falsche Virologin und echte Künstlerin dieser Tage gut gebrauchen kann.

Im Kreidekreis

Sie vermissen uns: Marie-Pascale Gräbener und Christine Grunert proben den Freistand

Ums Vermessen und Vermissen geht es in einem anderen Projekt, das Marie-Pascale Gräbener  zusammen mit der Tänzerin und Choreografin Christine Grunert initiiert hat. Die Idee ist einfach und soll im wesentlichen dazu dienen, für einen Zusammenhalt innerhalb der Freien Bielefelder Kunst- und Kulturszene zu sorgen und der Außenwelt zu signalisieren: Es gibt uns noch. Wir vermissen euch.

Dazu stellen sich die beiden vor, dass sich zunächst alle, die an der Aktion teilnehmen möchten, zu einem beliebigen Zeitpunkt an einem zentralen Platz der Stadt in weißer Kleidung mit Kreide selbst einkreisen, in einem Radius von 1,50 m. Sodann für eine kleine Weile im Zentrum dieser Sicherheitsabstandsblase verharren und lediglich ein Din-A-4-Blatt hochhalten mit ein paar Zeilen zur eigenen Person und momentanen Lage. Längerfristig und wenn die Umstände es wieder zulassen, ist daran gedacht, zusammen Kreis an Kreis zu stehen, zu mehreren, zu vielen, was garantiert ein eindrucksvolles Bild abgäbe.

Vorerst begnügten sich die beiden Künstlerinnen am vergangenen Samstag mit einem Probestehen zu zweit auf dem Jahnplatz und Kesselbrink. Die Vorübergehenden fandens gut.

Im Garten

Präzise wie ein Schweizer Uhrwerk, wohltuend wie Wärme: Andreas Gummersbach leistete musikalische Krisenhilfe

Zum Abschluss gab es noch einmal die Beatles. Mit With A Little Help From My Friends brachte Andreas Gummersbach auf den Punkt, was seine Balkonkonzerte in den zurückliegenden Wochen für einige bedeutet haben: Trost, Mitmenschlichkeit, Zuversicht. Seit Ausbruch der Corona-Krise und bei Wind und Wetter war der Mitbegründer der Bielefelder Musikschule POW!, der den Willen hatte, in der Krise gelassen zu bleiben und Spielräume zu nutzen, Schlag 18 Uhr nach draußen getreten, um die Nachbarschaft in der Melanchtonstraße mit Saxophonklängen zu erfreuen.

Nicht nur im Garten seines Wohnhauses, sondern auch auf angrenzenden Rasenflächen sah man Jung und Alt stehen und lauschen, auch singen, manchmal sogar ein Tänzchen wagen. Und vor allen Dingen die bedrückende Realität für Augenblicke vergessen.  Am Sonntag gab es nun das letzte dieser täglichen Konzerte. „Irgendwann muss auch mal Schluss sein“, so Andreas Gummersbach beim Abschied, „der Alltag hat uns langsam wieder.“

Im Kiosk

Susanne Albrecht in Kiosk 24, wo aus Arbeiten von Saskia Berschinski und ihr selbst die Installation "Criss Cross" entsteht.
Surrealistische Zeiten verlangen nach surrealistischer Kunst: Susanne Albrecht in ihrer Galerie Kiosk 24 (Foto: Ralf Bittner)

Criss Cross Corona – allein wegen des Titels ihres Kunstprojektes wären die Herforder Galeristin und ihre Kasseler Künstlerkollegin Saskia Berschinski Anwärterinnen auf den Goldenen Mundschutz oder welche Trophäe es auch immer nach der Krise für das kreativste Coronern geben mag. Zudem sich die Originalität ihrer Gemeinschaftsaktion über den bloßen Titel hinausstreckt.

Krisentag für Krisentag gaben sich Susanne Albrecht und Saskia Berschinski nämlich per Telefon gegenseitig einen neuen Zeichenauftrag. Dieses Kreuz-Und-Quer war schon vor 100 Jahren bei den Surrealist*innen Mode und passte daher trefflich zur gegenwärtigen Wirrnis. Einem Virus nicht unähnlich, breiten sich nun ihre Zeichnungen im Schaufenster aus und widmen sich solch schönen Themen wie: Der Weg des Hasen, Zeitungslesen, Stubenhocker, Morgenstunden. So wird die Galerie in der Radewigerstraße 24 trotz der Krise zu einem spannenden Kunstort.

Im Kunsthaus

Hinter der historischen Fassade des ehemaligen Kreiswehrersatzamtes der Stadt Bielefeld, die heute das Art-Center beheimatet, stand auch in den letzten Wochen die künstlerische Arbeit nicht still. Zwar mussten die hier stattfindenden Unterrichtseinheiten ausfallen, aber in den weit auseinanderliegenden, abgeschlossenen Ateliers und Arbeitsräumen konnten sich die Künstler*innen dennoch ihren jeweiligen Projekten widmen.

Im Oberstübchen

Denn: „Malen ist im Grunde eine einsame Tätigkeit“, sagt Andrea Köhn. Weshalb sie der Ausfall der Kurse, die sie regelmäßig in ihrem Art-Center- Atelier gibt und die mit einem inspirierenden Austausch verbunden sind, nicht nur in finanzieller Hinsicht schmerze. Inzwischen habe sie zumindest den Einzelunterricht wieder aufnehmen können, einige ihrer Arbeiten seien in Veit Mettes Co-Piqt-Galerie gelandet und immerhin habe sie die Coronazeit nutzen können, um Arbeiten für ein zukünftiges Gemeinschaftsprojekt mit den Kolleginnen Elisabeth Lasche, Anne-Christine Radeke und Helga Zumholte fortzuführen. Dass mehrere geplante Ausstellungen auf ungewisse Zeit verschoben werden mussten und es nach wie vor unklar ist, ob und wann in diesem Jahr die Offenen Ateliers und Nachtansichten stattfinden können, beschäftige und belaste sie, wie generell das Thema Existenzsicherung, hier alle.

Auch ihren Lebensgefährten Jürgen Rittershaus, der als solo-selbständiger Künstler bislang rundgerechnet 40 ausgefallene Auftritte zu verschmerzen habe. Und wenn da nicht das Wort Alleinunterhalter auf einmal einen ganz bitteren Beigeschmack bekommt! Beide haben sowohl die einmalige staatliche Soforthilfe für freischaffende Künstler*innen in Höhe von 2000 Euro beantragt und erhalten, als auch die 9000 Euro Betriebskostenzuschuss, die im Anschluss ausgeschüttet wurden. An letzteres Geld wagen sie sich jedoch kaum ran und werden es am Ende wahrscheinlich fast vollständig zurückgeben. Zu unsicher sei die Rechtslage, was diese Zuwendung beträfe. Raummiete und Arbeitszimmerabschreibung werden gehen, alles andere scheine fraglich.

„Das fängt schon bei den Malmateralien an“, sagt Andrea Köhn, „Betriebskosten oder nicht?“ Statt dieser Rechtsunsicherheit hätten sich beide eine Fortführung der monatlichen Unterstützung bis September gewünscht. Das Thema ‚bedingungsloses Grundeinkommen‘ scheint aktueller denn je, wenn man ihre Berichte hört. Es verlangt nach einem Schulterschluss.  

In der Beletage  

Bei den Kolleginnen eine Etage tiefer wurde die Krisenzeit in unterschiedlicher Weise verarbeitet. Elisabeth Lasche zum Beispiel hat zunächst einfach weiter an ihren angefangenen Projekten gearbeitet und konnte dem entschleunigten Alltag sogar gute Seiten abgewinnen. Dennoch habe sich auch bei ihr mit der Zeit jene unbestimmte Erschöpfung bemerkbar gemacht, die wohl viele Menschen zur Zeit teilen. Was der Künstlerin gut tat in der Krise: Quatsch machen, Quatsch malen. Comicartige Miniaturen, die sich über das eigene Schlappsein lustig machten. Oft im Austausch mit einer langjährigen Schülerin, die eine Ablenkung, Aufmunterung und Stärkung gut gebrauchen konnte.

Anne-Christine Radeke und Stephanie Gauster, die sich auf dem selben Flur ein Atelier teilen, hinderte der Lockdown hingegen weitgehend am freien Arbeiten. Neben der Stimmung, die sie insgesamt als diffus und lähmend empfanden, waren die persönlichen Konsequenzen der Krise zu einschränkend.

Während  für Anne Christine Radeke die schwierige Zeit ausgerechnet mit ihrem Ausscheiden bei der Buchhandlung Eulenspiegel zusammenfiel, wo der komplette Arbeitsablauf coronabedingt kompliziert und kräftezehrend umgestellt werden musste, war es bei ihrer Kollegin die Rundumbetreuung ihrer Tochter, die am künstlerischen Arbeiten hinderte. Dass sie selbst nicht zum Malen gekommen wäre, sei für sie indes weniger schlimm gewesen, so Stephanie Gauster, als der Gedanke an die migrantischen Malschützlinge, die sie in ihrem Atelier betreut und die wochenlang auf die gut angenommenen Kurse verzichten mussten.

Im Hochparterre

Erst hat Corona viele, viele Striche gezogen durch langgeplante Konzerte, auf die sich Andreas Kaling sehr gefreut hatte. Dann verschlug die Krise ihm auch noch die letzten Töne. Diesmal aber ganz gezielt und mit grimmigem Humor. Denn der Musiker schuf die „Suite für Bass-Sax und Bass-Klarinette Solo“, und das klingt dann z.B. so: https://www.youtube.com/watch?v=5gAtM4EO_3c. Die Stück für Stück, in coronawirrer Reihenfolge veröffentlichte Komposition kommt so subversiv daher, dass man staunt und lacht. Auch wenn es oder gerade weil es so wenig demütig ist, so wenig vernünftig, was uns der Musiker da mit Karl Valentinscher Hintergründigkeit vor die Füße knallt. Sein gesammeltes Schweigen nämlich. Demonstrativer verstummen als der kreative Krisendienstverweigerer kann man kaum.

Auch für seine üblicherweise auf vielen Bühnen anzutreffende Kollegin Oona Kastner ist die Pandemie mit ihrem Regiment des Schreckens eine Nervensache und nicht nur in finanzieller Hinsicht eine Zerreißprobe.

Ein paar Sachen hat sie wie so viele Künstler*innen ins Netz verlagern können. So ihr gefördertes „EUPHORIA“-Projekt, das im Juni als Film einer Videoklangperformance gedreht wird. Geplant ist, eine Collage aus Material und Liveperformance herzustellen, was sicherlich anspruchsvoller ist als das bloße Abfilmen eines Konzertes. Ein Lichtblick in dunkler Zeit ist für sie auch die Nominierung für den Deutschen Schallplattenpreis in der Kategorie „Grenzgänge“. Zum dritten Mal in Folge steht sie dort auf der Liste, diesmal mit ihrem Album Live solo Vol. 2, auf dem sie Songs von Nick Cave, Laura Nyro und Nine Inch Nails paraphrasiert, interpretiert, imaginiert. Wir drücken die Daumen! Allen!

(Alle Fotos, wenn nicht anders gekennzeichnet Copyright: Antje Doßmann)

Antje Doßmann

Autor*in: Antje Doßmann

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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