Lang, lässig, längst legendär: Die Leptophonics

In guten wie in schlechten Zeiten: Andreas Kaling (links) und Andreas Gummersbach feiern mit den Leptophonics Silberhochzeit (Foto: Antje Doßmann)

Seit 25 Jahren treten die Bielefelder Saxophonisten Andreas Gummersbach und Andreas Kaling als Duo Leptophonics auf.  Zwei, die sich einst gezielt gesucht und gefunden haben, unzählige gemeinsame Auftritte hatten, vier CDs herausgebracht haben und die Musikszene der Stadt bis heute prägen.

Zwei, die ehrgeizige, schöne, tiefsinnige  Projekte gewagt und nie vermasselt haben, auch wenn der erhoffte Erfolg manchmal ausblieb. Zwei, die sich voneinander entfernten und wieder annäherten und den anderen musikalisch blind verstehen. Anlass genug für die beiden ähnlich hochgewachsenen, ähnlich saxophonverliebten Namensvetter, in diesem Jahr mit milder Ironie ihre “Silberhochzeit” zu feiern und im Gespräch ein Vierteljahrhundert Leptophonics Revue passieren zu lassen.

Es ist ein Donnerstagmorgen Anfang März, das Café Künstlerei hat gerade erst seine Tür geöffnet, doch die Sofas und Stühle sind bald alle besetzt. Stimmengewirr, Gelächter, Blicke vom Nachbartisch, man kennt sich, grüßt sich, wechselt ein paar Worte. Ein ganz normaler Vormittag im Bielefelder Westen – vor Corona.  Das Virus ist bereits Thema, die Krise wirft ihre Schatten voraus. Mehrmals während des Gesprächs mit den beiden Leptophonics bekommen Andreas Kaling und Andreas Gummersbach Nachrichten mit Konzert-Absagen. Einige Tage später ist der Lockdown da und ihre Existenz auf unabsehbare Zeit  ungesichert.

Wie viel entschiedenen Willen es ohnehin braucht, als freischaffender Künstler zu leben und wie hart das mit Musik verdiente Brot ist, selbst wenn die Dinge gut laufen, davon wird schon an diesem, noch offenen Tag die Rede sein. Immerhin, so ziehen die beiden Leptophonics zu Beginn Bilanz, hatten sie viele Jahre lang einen regelmäßigen monatlichen Zuverdienst mit ihren Auftritten bei Firmenfeiern, Stadtveranstaltungen, Familienfesten, kulturellen Ereignissen aller Art. Spontane Einlagen, auf die sie spezialisiert waren und nach wie vor sind.

Guerillamäßige Auftritte

Andreas Kaling: “Wir tauchten auf, spielten drei längere Stücke und tauchten wieder ab. Manchmal als Überraschung. So ein bisschen guerillamäßig. Dafür waren wir bekannt und dafür wurden wir engagiert. Nicht als Hintergrundgedudel, sondern als eigenständiger Act, natürlich speziell auf das jeweilige Ereignis abgestimmt. Im Großen und Ganzen lief das so. Und es lief gut.” Warum diese Engagements heute weniger geworden sind, liegt auf der Hand. “Irgendwann waren wir eben rum in der Region und andere Bands oder Solist*innen wurden angefragt.”

Andreas Gummersbach: “Wir hatten Glück, dass der frühere Bielefelder OB Eberhard David Fan von uns war und einiges möglich gemacht hat.” Ihren legendären “stadt-rund-klang” zum Beispiel, der heute noch Lust auf eine Wiederauflage macht. Damals führten die Leptophonics das Publikum in die Hinterzimmer der Stadt. Sie spielten im Lagerhaus von Galeria Kaufhof, auf dem Dach des Telekom-Hochhauses und im Luftschutzbunker unter dem Rathaus. Bevor sie da auftreten konnten, mussten sie erst einmal eine zentimeterdicke Staubschicht entfernen. Zwei Tage lang feudeln statt fetzen. “Hat sich aber gelohnt”, sagen sie, “guter Sound da unten”.

Hören, wie die Stadt klingt und die Menschen mit Klängen berühren – auf diese Formel lassen sich ihre Projekte dieser Jahre bringen. Daneben Auftritte in Galerien, Museen, bei Gedenkveranstaltungen, auch politischen Kundgebungen, wenn es um Themen ging, die ihnen am Herzen lagen: Umweltfragen, der Schutz der Menschenrechte. “Einmal standen wir mit Franz Alt auf der Bühne, weißt du noch?”, fragt der eine Andreas den anderen. Immer mehr Erinnerungen werden jetzt wach, und los geht dieses wunderbar nostalgische “Weißt du noch?”, das langjährige Gefährten nun einmal verbindet und einem Silberhochzeitspaar auch zusteht. “Weißt du noch, dieser Auftritt im Ravensberger Park, als Flash Art sein Firmenfest feierte und wir auf dem Dach der Spinnerei standen, ganz vorne am Rand, und spielten. Wahnsinn!” “DU standest ganz vorne, ich nicht. Ich hatte Angst, dass du da runtersegelst!” “Und weißt du noch, wie wir bei den Offenen Ateliers mit dem Fahrrad unterwegs waren? Wie wir einmal freihändig fuhren und dabei spielten?”

Wie alles begann

Gerne erinnern sich die beiden Kino-Fans auch an die Musik für die Stummfilme, die sie für das Film- und Musikfest der Murnau-Gesellschaft komponiert haben. Anderes, das geben sie offen zu, war nicht ganz so toll. Der Auftritt bei den Leuten vom Autohaus, denen sie viel zu experimentell waren. Und die Spielhalle, die sie auf den Bürgersteig schickte, um Kundschaft anzulocken. “Wie auf der Reeperbahn.  Nie wieder! Abhaken als sozialkritischer Selbstversuch… Geld verdienen, okay. Aber die Seele verkaufen – niemals!”

Und so geht es hin und her durch zweieinhalb Jahrzehnte Duo-Geschichte. Kennengelernt haben sich die beiden übrigens auf Initiative Andreas Kalings. Er habe Andreas damals auf dem Siggi-Markt angesprochen, weil er von dessen Saxophonleidenschaft wusste und er auf der Suche nach einer neuen Band war. Dass sie dann als Saxophon-Duo erfolgreich sein würden, was ja eher ungewöhnlich ist, hätten sie sich zu Beginn auch nicht träumen lassen. “Das hat sich einfach so entwickelt.” 

“Untertage” nannten sie die ersten Treffen in Gummersbachs Keller, in denen es zunächst nur um den Austausch von Tönen ging. Und wenn die beiden heute sagen, sie hätten in den Jahren danach zwar hin und wieder mit Menschen zusammen gespielt, zu denen sie seelisch und musikalisch eine ähnlich instinktive Nähe gespürt hätten, aber nie wäre die Verbindung  von so langer und zuverlässiger Dauer gewesen wie in ihrem Fall, dann legt das einen liebevollen Faden von “Untertage” zu ihrem aktuellen gemeinsamen Projekt “Heimat”. 

Foto: Jörg Dieckmann

Es war die Flüchtlingskrise, die sie 2015 zu dieser Zusammenarbeit mit dem Schauspieler Michael Grunert bewegt hat. Die nachdenkliche Auseinandersetzung mit dem Begriff Heimat, der im öffentlichen Diskurs plötzlich wieder eine Rolle zu spielen begann, war für die Leptophonics eine Wiederannäherung, nachdem die beiden Musiker zuvor in unterschiedliche Richtungen gegangen waren. Den im Laufe der Jahre immer stärker auf das Bass-Saxophon konzentrierten Andreas Kaling zog es nach Köln und zur Mitwirkung am neugegründeten Bass-Saxophon-Quartett “Deep Schrott”. Während Andreas Gummersbach mit Manfred Matulla das Duo “Vento e Corde”  gegründet hatte.

Seitensprünge und Ausblicke

Heute, sagt Gummersbach in Anspielung auf ihre Silberhochzeit augenzwinkernd, würden sie eine liberale Ehe führen, Seitensprünge seien erlaubt und Eifersucht gäbe es nicht. Damals war das ein bisschen anders, ausgerechnet die von beiden nicht unkritisch gesehene Heimat hat sie einander wieder näher gebracht, allein dafür lobe man sie doch gerne. Gut, dass die beiden noch immer leptosomen Phoniker in der Stadt und der Region wieder stärker präsent sind. Oft waren sie in ihrer 25-jährigen Karriere ihrer Zeit voraus.

So in ihren spirituellen Projekten in Zusammenarbeit mit Gilbert Bender, der sie begleitete und als Radiästhet mit dem Pendel Materienstrahlungen und – schwingungen erspürte. Ihre sehr eigenwillige und ziemlich spektakuläre Erkundung weltreligiöser Glaubens-Orte “Spiritual Unity” kam beim Publikum bedauerlicherweise nicht an. Wohingegen die “sight-hearing-tour”, die zu allen möglichen und unmöglichen Tageszeiten nach draußen führte, ins Freie, an den Viadukt am Obersee, den Halleluja-Steinbruch, den Tierpark Olderdissen, ein Erfolg wurde. Augenblicklich tritt eine Verjüngung ein, wenn die beiden sich daran erinnern, und aus dem “Weißt du noch?” wird ein “Wollen wir nicht nochmal?”
Au ja! Von beiden Projekten gibt es originell und aufwändig gestaltete CDs, die aufregende Hörerlebnisse garantieren. Wie die beiden anderen Alben des Duos, “dances and other movements” (2005) und “deutsche Hits – mundgeblasen” (2014), können sie bei den Künstlern direkt bestellt werden. Gerade jetzt sicherlich ein guter Akt der Solidarität.

Ein Schlusswort? Sie könnten auch heute noch wie in “Untertage”-Zeiten zusammen improvisieren, ohne dass ihnen langweilig dabei werde. “Schlösse man uns irgendwo ein mit unseren Saxophonen, würden wir einfach spielen. Ein, zwei, drei Stunden lang am Stück”. Sagen sie. Ganz ernst. Man glaubt es ihnen sofort.

Und irgendwann, wenn es wieder möglich ist, werden sie in der Capella Hospitalis auch ihr Jubiläumskonzert nachholen, das ursprünglich für den Valentinstag geplant war, dann aber wegen Krankheit ausfallen musste, bevor Corona begann, Striche durch Rechnungen zu ziehen. Im Augenblick stehe der anvisierte 10.5. aber noch auf dem Zettel, sagen die Leptophonics auf Nachfrage. Und dass sie sich so oder so schon jetzt auf die Feier freuten. Auch wenn es ein bisschen komisch sein werde, auf der eigenen Silberhochzeit zu spielen.

Kontakt und weitere Informationen: www.leptophonics.de

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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