Wiedergefundene Schätze

Auf dem Sommerfestival der Lemgoer Remise (1993) mobilisierten WPAM bei einem von Bands wie "Jingo De Lunch", "The Bates" und "1000 Tonnen Obst" durchgerockten Publikum alle verbliebenen Kräfte. Ich erwarb meinen ersten digitalen Tonträger (giftgelb), den CD-Player erst im folgenden Jahr.

Wer keine Zukunft hat, ist in der Vergangenheit gut aufgehoben, sagte ein Zeitgenosse zu mir. Dann und wann werden Archive gesichtet, so auch bei der australischen Folkrock-Band Wild Pumpkins At Midnight.

“The past is never where you think you left it.”, ein Zitat von Katherine Anne Porter, stellte Michael G. Turner unlängst auf die facebook-Fanseite der australischen Band Wild Pumpkins at Midnight.

Die persönlich erlebte Vergangenheit ist nie da, wo man denkt, dass man sie abgelegt hat. Sie wird einen dann und wann einholen. In Falle der Musikgruppe, die sich mit Turner als Gründungsmitglied 1984 in Tasmanien formierte, auf durchaus angenehme Weise.

Im März hat die Band, die zwei Jahrzehnte lang in der Versenkung verschwunden war, ein großes Konvolut an Aufnahmen veröffentlicht, die kurz vor ihrer Auflösung im Jahr 1998 entstanden sind. Das Heft in die Hand genommen hatte interessanterweise Nick Larkins, der 1993 erst zur Gruppe stieß, welche zuvor als Trio die Niederlande als Homebase für ausgedehnte Europatouren gewählt hatte.

„Trio“ traf es hierbei nicht so ganz. Neben Turner, der seine Akustikgitarre über mehrere große Verstärker schickte und süffigste Feedbackorgien musikalisch nutzbar machte (ein Sound, der mir zuvor nicht begegnet war, irgendwo zwischen Grillenzirpen, Sägewerk und Abrissbirne, begünstigt durch den enormen Headroom der wattstarken Amps), Dan Tuffy mit seinem präzisen, unerschütterlichen Spiel auf der akustischen Bassgitarre und Greg Hynes‘ eruptiver Arbeit hinter einem tiefergelegten Drumkit waren immer auch Melanie Fazackerley als Soundtechnikerin und Damien Durham-Ashdown mit von der Partie. Dessen Lightshow leistete allein mit den Mitteln, die ein kleiner Club bereitstellen konnte, einen großen Beitrag zur überwältigenden Kraft der Musikdarbietung von WPAM.

„Going Sick“ – eine produktive, aber irgendwie „kranke“ Phase der Band.

Was Nick Larkins noch beim Aufräumen auf seinem Dachboden gefunden hat: ein Musikvideo, das sich die Band nach Fertigstellung genau einmal anschauen konnte, ehe es in Vergessenheit geriet. „Beautiful Sick“ schafft es nicht zuletzt dank der authentischen Bühnenbeleuchtung, die frenetische Qualität der Liveauftritte spürbar zu machen.

Vorsicht: Dieses Programm ist nicht für empfindsame Personen geeignet.

Gesellschaftskritische Sensibilität und intensive Naturverbundenheit zeichnete die Band aus, die neben all dem Mut zur Krachentfaltung in ihren Songs auch gern aus der abgeklärten, ruhigen Kraft der angloamerikanschen Folkmusik schöpfte, um eine weite emotionale Palette zu bedienen.

Regelmäßig zu Gast waren die Australier seit den frühen 90ern in Clubs wie dem JZ Kamp oder dem Studentenclub Remise in Lemgo, beide tragischerweise inzwischen Geschichte. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Moment dort, als die Band mit einigen balladesken Stücken in Wüstendämmerlicht alle Register gezogen hatte, Intimität mit dem Publikum herzustellen. Kurz bevor sie von der Woge der allgemeinen Ergriffenheit weggespült zu werden drohten, vollführten sie einen unvermittelten Schwenk: dämonisch von unten angestrahlt, spielten sie eine Version von „I Can See Clearly Now“ in ungewöhnlich strammem Tempo, mit ausgefeiltem mehrstimmigen Gesang. Ich fühlte versetzt in einen Club nahe der Reeperbahn, in die Show einer jungen, hungrigen Liverpooler Band, Jahre vor meiner Zeit.

Nostalgie auf Vertriebswegen des 21. Jahrhunderts

„Lost Ocean“ ist, wie auch viele ihrer vorherigen Veröffentlichungen, seit 16.03. erhältlich über die Bandcamp-Seite der Band, sowie über iTunes und Spotify.

Viele der Songs dieser Sammlung entfalten eine schwüle, träumerische Atmosphäre, in der die indische Tanbura sirrt und die Hammondorgel gurrt, die sich aber auch in wütendem Lärm auflösen kann. Dann wieder wird rumpelig-trockener Rock’n’Roll zelebriert. WPAM zeigten hier noch einmal, wie locker sie verschiedenste Strömungen in ihrer Musik vereinen konnten. Zur Auflösung führten dann hauptsächlich unterschiedliche Lebensentwürfe der Mitglieder. Dan Tuffy setzte seine Musikerlaufbahn in Holland fort, während es Turner und Larkins zurück nach Australien zog.

Autor*in: Rainer Schmidt

"Wenn man sich schon Illusionen macht, dann aber auch richtig. Es muss stimmen, wenns auch nur von kurzer Dauer ist." – Django Universaldilletant, Meister der Verdrängnis, distanzierter Beobachter. Versucht, coronafrei zu schreiben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.