Die Nacht hat tausend Fenster

Auch Jürgen Heinrichs Bilder von der Nachtseite des Lebens, die der Kunstverein Oerlinghausen in der Alten Synagoge zeigt, sind zur Zeit von der realen Außenwelt abgeschnitten. Ein virtueller Rundgang durch die Ausstellung macht eine Begegnung mit seinem "Notturno"-Zyklus dennoch möglich.

An vielen Schaufenstern kann man dieser Tage vorbeigehen, und wenn einen die gezeigten Dinge noch so sehr reizen, hinter den Fenstern mehr zu erfahren, man wird nicht rein kommen. Ausnahmen gibt es, Alternativen gibt es. Zum Beispiel aus der Kunstwelt.

Einige Angebote erreichten die Redaktion in den letzten Tagen. Die Galerie Samuelis Baumgarte meldete, bis zum 19. April 2020 für den Publikumsverkehr geschlossen zu bleiben. Dennoch könne die aktuelle Ausstellung „Karel Appel“ nach telefonischer oder E-Mail- Vereinbarung zu den Geschäftszeiten einzeln besucht werden. Zudem präsentiert Baumgarte in der ersten Online-Ausstellung des Hauses (Astrid Lowack Online) bis 31. März neueste Arbeiten der Industriedesignerin und Fotografin Astrid Lowack.

Ausstellung Karel Appel. Foto: Samuelis Baumgarte-Galerie

Auf die Möglichkeiten der virtuellen Realität des 360°-Panoramas setzt der Kunstverein Oerlinghausen, um Interessierten einen Eindruck von der aktuellen Ausstellung mit Arbeiten Jürgen Heinrichs zu vermitteln. Der Künstler beschäftigt sich seit drei Jahren intensiv mit dem Licht in der Nacht. Er nähert sich dem Motiv mit Hilfe verschiedener Medien: mit dem Bild, der Zeichnung und dem Malerbuch. Letzteres eine Form, die Heinrich in seinem Wirken als Leiter des Künstlerhauses Lydda mit seinen Schülern zu hoher Blüte gebracht hat.

Ausstellung “Notturno” im Photosphere – 360° -Panorama (link: Google maps)

Der Reiz des Kugelpanoramas liegt darin, seinen Blickwinkel selbst wählen zu können, den Exponaten durch Reinzoomen näher treten zu können. Etwas eingeschränkt ist der Eingriffsraum dadurch, dass die Betrachtenden lediglich zwei Standpunkte einnehmen können. Dass das Medium in diesem Beispiel seine Vorzüge nicht voll ausspielen kann, liegt an den Eigenheiten des Ausstellungsraums in der Alten Synagoge. Die vielen Fenster, welche die Wandflächen unterbrechen, lenken ab. Bei einem realen, nicht-virtuellen Besuch würde man sie gar nicht wahrnehmen, da die Aufmerksamkeit auf die Exponate fokussiert wäre.

Und schließlich die Bielefelder Produzenten-Galerie, die dem Künstler selbst das Wort gibt, durch seine aktuell hinter verschlossener Tür stattfindende Ausstellung zu führen. Matthias Hosenfeldt virtuell in dessen “Träume und Ge-Schichten”-Werkschau zu folgen, macht Spaß. Der kleine Film ist lebendig, informativ und nicht zuletzt dank der guten Kameraführung ein Beispiel für gelungenen Kunstgenuss in Zeiten der Coronakrise.

Rainer Schmidt

Autor*in: Rainer Schmidt

"Wenn man sich schon Illusionen macht, dann aber auch richtig. Es muss stimmen, wenns auch nur von kurzer Dauer ist." – Django Universaldilletant, Meister der Verdrängnis, distanzierter Beobachter. Versucht, coronafrei zu schreiben.

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