Johannes Itten: Kunst als Leben

Organische Abstraktion und Spiegel einer wild wuchernden Zeit: Johannes Itten malte die "Sumpfpflanzen nach einem Gewitter" 1916 Aquarell auf Papier 24,8 x 31 cm Kunstmuseum Bern, Schenkung von Nell Walden © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Die Ausstellungseröffnung im Kunstforum Hermann Stenner fand am 6. März statt, wenn auch schon mit Bauchschmerzen der Veranstalter und unter großer Verwunderung der Besucher. Da standen sich die Kunstfreunde vor der Tür die Beine in den Bauch, während im Innern überlegt wurde, ob und wenn ja wie man überhaupt in dieser Situation, in der niemand nichts Genaues wusste, handeln sollte. Es gewann der Kunstfreund. Die Leitung des Kunstforums entschloss sich, die vor der Tür Stehenden hereinzulassen und beschwor sie, vorsichtig zu sein. Es gab keinen Eröffnungsvortrag, keinen Begrüßungsschluck und doch hat alles geklappt. Die Eröffnung hatte sich nachträglich besehen nicht als Corona-Hotspot erwiesen.

Die Erleichterung wich aber schnell einer gewaltigen Ernüchterung: Erst einmal war die Ausstellung Johannes Itten: Kunst als Leben geschlossen. Seit dem 6. Mai kann sie wieder besichtigt werden unter den – man mag es nicht mehr hören oder lesen – üblichen Corona-Beschränkungen.

Wanderjahre – Zwischen Kunst und Kunsterziehung

Es ist sicher kein gewagtes Wort, wenn man Johannes Itten als einen Jahrhundertkünstler bezeichnet, als einen Künstler, der in Wien vor dem I. Weltkrieg seine Karriere begann, über Weimar und Krefeld nach Zürich ging, wo er sein Lebenswerk quasi vollendete. Geboren im November 1888 im Berner Oberland, durchlebt er nach dem frühen Tod seines Vaters eine harte Kindheit. Als sich ein Bruder des Vaters seiner annimmt, kommt er nach Thun und gerät unter den Einfluss reformpädagogischer Ideen, was sich mit Blick auf seine spätere Karriere als lebensbestimmend erweist. Seine Erkenntnis aus den ersten Unterrichtserfahrungen als Primarlehrer: Aufmunterung und Anerkennung für geleistete Arbeit fördern das Wachstum der nicht nur künstlerischen Kräfte. Jedoch unterrichtet er nur kurz und wendet sich einem Kunststudium in Bern zu. Indes nicht lang. Beschließt dann, Sekundarlehrer zu werden. Wird es auch. Wieder nicht lang. Unternimmt Reisen zu Ausstellungen in Paris, Rom, München und Amsterdam z.B. Erneutes Kunststudium, diesmal an der École des Beaux Arts in Genf. Geht im Oktober 1913 zu Fuß nach Stuttgart zu Adolf Hölzel. Dort lernt er Hermann Stenner, Ida Kerkovius, Willi Baumeister und Oskar Schlemmer kennen. Kurz vor Ausbruch des I. Weltkrieges Rückkehr nach Thun. Vorübergehend. Ab November 1914 ist er Meisterschüler bei Hölzel. Die Zeit in Stuttgart ist geprägt von einerseits der Auseinandersetzung mit den dort zu bearbeitenden Problemen wie Abstraktion und Gegenständlichkeit oder Hölzels Arbeit an einem Farbkreis. Ein mächtiger Einfluss gleichsam von außen kam vom Blauen Reiter und Kandinskys Darstellungen zum gleichen Thema. Es gelingt ihm der Übergang zur rein abstrakten Bildsprache.

Johannes Itten, Horizontal-Vertikal, 1915, Öl auf Leinwand, 73,7 x 55 cm, Kunstmuseum Bern, Anne-Marie und Victor Loeb-Stiftung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Interessant zu beobachten, wie Itten von 1913 – 1916 in Stuttgart lebt, dann – mitten im I. Weltkrieg – nach Wien geht und dort 1916 eine eigene Kunstschule eröffnet. Eigentlich unvorstellbar: Der neutrale Schweizer Bürger schafft es mitten im vom Krieg gebeutelten Europa eine Kunstschule zu eröffnen. Dort – nach Karl Kraus eine „Versuchsstation des Weltuntergangs“ – macht er mit dieser Kunstschule in den Wiener Avantgardezirkeln Furore. Er lernt u.a. Alma Mahler-Gropius kennen, die ihn mit ihrem Mann Walter bekannt macht. Eine Bekanntschaft mit Folgen. Alma Gropius empfiehlt ihrem Mann, wenn er Erfolg haben will mit seinem Bauhaus, solle er Itten engagieren. Er tut es mit den Worten: „Ihre Bilder und Schülerarbeiten verstehe ich nicht, wenn Sie aber Lust haben, nach Weimar zu kommen, würde ich mich sehr freuen.“

Formmeister in Weimar

Und Johannes Itten kam – mit 15 seiner Wiener Schüler. Eine weitere Bekanntschaft mit Folgen war die mit dem Komponisten Joseph Matthias Hauer. Im Austausch mit ihm findet er zu einer auf Farbharmonien beruhenden Begründung der Abstraktion. In seinen Tagebüchern skizziert er alle künstlerischen und kunsttheoretischen Aspekte, die sein weiteres Leben in Weimar, Berlin, Krefeld und Zürich beschäftigen werden: Rhythmus und Harmonik, Polaritätenlehre, Farbenlehre, Ausdruckform, Analysen alter Meister, Zeit-Raum-Bewegung. Über die Theosophie Rudolf Steiners, die er aber ablehnt, kommt er zur Mazdaznan-Bewegung, die ihn intensiv beschäftigen wird.

In Weimar übernahm er die Stelle des Formmeisters in der Glasmalerei/Bildhauerei (Stein), in der Tischlerei (1920 – 1922), in der Weberei (1920/21 und in der Metallwerkstatt (1920 – 1922). Eine ziemliche Machtfülle hatte er sich damit angehäuft. Er bezieht das Tempelherrenhaus, dessen Name martialischer klingt als er ist. Die Hauptwerke „Turm des Feuers/Turm des Lichts“ entstehen, die leider nur noch im Foto existieren.  Er entwickelt vor allem kunsttheoretische Schriften. In Weimar entstehen ausschließlich figürlich-gegenständliche Gemälde. Es wird allerdings auch sehr mystisch. Das ist vor allem an den Blatt „Einatmen/ausatmen“ zu sehen, in dem er einen Satz des Mystikers und Philosophen Jacob Böhme in unterschiedlichen Schrifttypen und – pardon – reichlich unübersichtlich zeichnet. Ohne Kenntnis des Satzes ist ein weiteres Verstehen nicht möglich. Und nicht nachvollziehbar, dass der Kurator Christoph Wagner nicht für Erhellung sorgt.  „Geschrieben“ ist er in dieser mystisch anmutenden Übersteigerung um die Wichtigkeit der Atemlehre der Mazdaznan-Bewegung zu unterstreichen. Kunst und Esoterik gehen hier Hand in Hand. Ebenso die geradezu mystische Verklärung in den Kinderbildern.

Der Bruch mit dem Bauhaus

Im Dezember 1921 kulminiert der Streit am Bauhaus. In aller Kürze skizziert ihn Christoph Wagner: „Gegenüber den lebensreformerischen Bemühungen Ittens, die subjektive und emotionale Kreativität des einzelnen Menschen ganzheitlich zu fördern, verfolgt Gropius ab 1922 zunehmend eine an der Einheit von Kunst und Technik ausgerichtete Neuorientierung des Bauhauses. Durch arbeitsökonomische Verwendung von Materialien und Techniken sollen am Bauhaus industrielle Standards für die Gestaltung und Fertigung einkehren.“ Die Folge: Itten legt im Januar 1922 seine Tätigkeit als Formmeister der Werkstätten nieder. Später im Jahr, am 4. Oktober 1922, kündigt er zum Ende des Semesters, in dem Wolfgang Tümpel nach Weimar kommt. Dazu später mehr. Von Weimar geht Itten zunächst nach Herrliberg in der Schweiz. Dort gibt er kurzzeitig in leitender Stellung ein Gastspiel in der Mazdaznan-Bewegung, der er seit 1913 angehörte. 1925 geht er vom beschaulichen Herrliberg in die Metropole Berlin, wo er seine nächste Kunstschule eröffnet. Die ist so erfolgreich, dass er schon bald ein eigenes Gebäude beziehen kann. Und mit dem Engagement ehemaliger Bauhauslehrer wie Georg Muche oder Gyula Pap und Max Bronstein macht er dem mittlerweile nach Dessau umgezogenen Bauhaus Konkurrenz. Vor allem, als es ihm gelingt, eine Lehrer für japanische Tuschmalerei einzustellen: Yumeji Takehisa. Was nicht ausbleibt im Trubel der Großstadt: Er kehrt zurück zur engen Verbindung zwischen künstlerischer Ausbildung und berufspraktischer Orientierung – deswegen hatte er Weimar verlassen.

 1934 wird seine Schule von den Nazis geschlossen. Itten weicht aus, kann ausweichen, nach Krefeld, wo er bis zu seiner Entlassung am 26. November 1937 die Preußische Fachschule für textile Flächenkunst leitet. Nach einem kurzen Aufenthalt in Amsterdam übernimmt er 1938 die Leitung des Kunstgewerbemuseums sowie der Kunstgewerbeschule in Zürich. An der legendären Hochschule für Gestaltung Ulm, ursprünglich als Nachfolgeinstitut des Bauhauses gedacht, unterrichtete er anfangs auch.

Dass diese Ausstellung nach Bielefeld kommen konnte, verdankt sich der sehr sehr kurzen Freundschaft Johannes Ittens mit Hermann Stenner, dessen Atelier er nach des Freundes frühem Tod im I. Weltkrieg übernommen hatte.

Kunst und Leben – der ewige Pendelschlag

Schon der Blick auf diese Kurzbiographie zeigt Ittens schwierigen Versuch, Kunst und Leben zusammenzuführen. Das Hin und Her zwischen Kunststudium und Schulunterricht zeugt von einer gewissen inneren Unruhe, die erst dann weicht, als er seine eigene Schule eröffnet. Die Wiener Schule und das Bauhaus waren wichtige Wegmarken. Wobei man sich fragen kann, warum Itten nach Weimar gegangen ist, die Wiener Schule war ja wohl kein Verlustobjekt. Auf jeden Fall hat er in Weimar – wenn auch stark polarisierend – mit der Einführung des Vorkurses als Voraussetzung für ein Studium am Bauhaus einen Markstein gesetzt, der in abgewandelter Form bis heute weltweit genutzt wird.

Interessant ist, dass er immer wieder Schulen gründet oder leitet, in denen er seine Kunstauffassung zu lehren versucht. Man staunt ob der Zähigkeit,  mit der er permanent von der Organisation/Leitung einer Schule zur Kontemplation in der Kunst wechseln kann; wie es ihm immer wieder gelingt, seine Schülerinnen und Schüler zu begeistern.

Die Ausstellung im Stenner-Kunstforum umfasst die Zeit vom Frühwerk bis zum Beginn der Züricher Zeit 1938. Also die ersten 50 Jahre. Wie das im Einzelnen aussieht, kann man in der reichhaltig bestückten Ausstellung studieren. Da staunt der Besucher über Skizzen, Zeichnungen, Notizen, Fotos und Gemälden in schier erdrückender Zahl. Die chronologische Anordnung ermöglicht es, zu verfolgen, wie Itten dabei vorgegangen ist.

Bielefeder Bauhausbezug: Wolfgang Tümpel wird Schüler bei Itten

Gleichzeitig läuft im Museum Huelsmann die Ausstellung „Das Bauhaus verbindet ein Leben lang/Wolfgang Tümpel/ Bielefelder Goldschmied und Metallgestalter“. Die Verbindung zur Ausstellung im Stenner-Kunstforum wurde schon angedeutet: Wolfgang Tümpel, geboren 1903, kam zum Wintersemester 1922 nach Weimar in den letzten Vorkurs, der unter Johannes Ittens Leitung stand. Da hatte Wolfgang Tümpel zuvor eine Lehre beim Bielefelder Goldschmied August Schlüter angefangen. Es lag also nahe, dass er in die Metallklasse wechseln würde nach dem Vorkurs. Das geschah auch, aber unter erschwerten Bedingungen, denn den ersten Vorkurs bestand er nicht. Itten hatte dann wohl etwas von Landwirtschaft gesagt, für die er anscheinend besser geeignet sei, was wiederum dem Vater Wolfgang Tümpels nicht passte. Zu entnehmen ist das dem Briefwechsel zwischen Sohn und Elternhaus, der im Nachlass Tümpels im Museum Huelsmann verwahrt wird. Auf Antrag konnte Wolfgang Tümpel den Vorkurs wiederholen. Und – oh Wunder – diesmal war er sogar für gut befunden worden, im Metallkurs auszuhelfen. Er kam dann für eine kurze aber ihn wohl sehr prägende Zeit zu Naum Slutzky in die Lehre.

Naum Slutzky ist ganz sicher einer der größten Unbekannten in der Phalanx der Bauhauslehrer, den es auch nur kurz in Weimar hielt. Ihm war vermutlich das unterschwellig betriebene Klassenbewusstsein der Bauhäusler – egal ob studierend oder professoral/meistermäßig tätig – zuwider. Über Naum Slutzky ist Wolfgang Tümpel in seinen Briefen des Lobes voll.  In seinen Aufzeichnungen – das ist auch in der Ausstellung zu sehen – bezieht Tümpel sich auch auf Itten, der z.B. im unerlässlichen Aktzeichenunterricht nicht die pure Aktzeichnung verlangte, sondern möglichst den Akt bzw. das Modell in der Bewegung, die Bewegung selbst,  sehen wollte. Ebenso wie er verlangte, dass man beim Anblick einer gezeichneten Distel unwillkürlich den Stich verspüren müsste.

Das Gros der Ausstellung ist jedoch den Werken Tümpels von den 1930er bis in die 1960er Jahre gewidmet. Herausragend sicherlich das Silbergeschirr aus den 30er Jahren für den Breslauer Rechtsanwalt Bohn, dem es gelungen war, Reste eines Steines aus einer schlesischen Mine  – Chrisopras – zu bekommen. Es war Tümpels erste große Arbeit. Ebenso spannend aber auch der Schmuck, den er nach seiner Gesellenprüfung 1925 anfertigte. Hier machen sich die Einflüsse der Neuen Sachlichkeit bemerkbar.

Ornamentale Sachlichkeit: Wolfgang Tümpels vom Bauhaus beeinflusste Silberschmiedearbeiten aus den 20er Jahren (Foto: Steffi Behrmann)

Es gibt sodann eine Bielefelder Bürgermeisterkette, die einen Vergleich mit dem Goldprotz der Gegenwart nicht im Geringsten scheuen muss. Man kann Lampen und Monstranzen bewundern. Als Gold- und Silberschmied hat Wolfgang Tümpel entworfen und hergestellt, was man ihm angetragen hat. Und ob eine katholische oder eine evangelische Kirche anfragte oder gar die Bundeswehr – Wolfgang Tümpel hat geliefert. Einmal war er sogar millionenfach in vielen bundesdeutschen Haushalten vertreten: Tchibo hatte bei ihm eine Kaffeedose/Vorratsdose bestellt. 1951 wurde er erst Leiter, später dann Professor der Metallklasse an der Landeskunstschule/Hochschule der Bildenden Künste in Hamburg. Ein kleines bisschen Ruhm des Bauhauses fällt also auch auf Bielefeld. Bedauerlich nur, dass das Museum Huelsmann im Unterschied zum Stenner-Kunstforum eher im Schatten des Hufeisens, im Außenrand liegt. Aber der Aufwand, das Hufeisen nahezu gradlinig  zu durcheilen, um im Ravensberger Park das Museum Huelsmann zu besuchen, lohnt allemal.

Unser Gastautor Ulrich Schmidt ist ehemaliger Dramaturg und arbeitet unter dem Namen Bielefelder Kulturbote als Journalist und freier Autor.
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Autor*in: Uli Schmidt

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