Erinnerung an Helmut Fleinghaus

Helmut Fleinghaus gestorben
Erklärter Loriot-Fan, leidenschaftlicher Wegbereiter: Der Herforder Kirchenmusiker Helmut Fleinghaus (Foto: Thomas Dohna)

Manchmal konnte man sich bei Helmut Fleinghaus nicht ganz sicher sein. Da war ein scheinbar harmloser Satz, gefolgt von einem leicht verschmitzen Lächeln. Fleinghaus verfügte über einen feinen Humor. Am 5. November 2020 ist der Rektor der Hochschule für Kirchenmusik Herford-Witten im Alter von 62 Jahren überraschend gestorben.

Wer Fleinghaus über die Jahre beobachtete, sah einen international aktiven und gefragten Organisten und Referenten, der sich dann und wann auch nicht zu schade war, in seinem Heimatort Bad Oeynhausen im gottesdienstlichen Orgeldienst auszuhelfen. Er sah einen Musikwissenschaftler, der sich mit einem frühneuzeitlich musikologisch-philosophischen Thema auseinandersetzte, sich damit promovieren ließ und gleichzeitig schon früh gegen zum Teil heftige konservative Gegenwehr aus den Reihen der etablierten Kirchenmusiker und Theologen der popmusikalischen Ausbildung von Kirchenmusikstudenten das Wort redete. Zum Dritten war da der Organisator, vor allem, aber nicht nur im Bereich „seiner“ Hochschule.

Fleinghaus stammt aus Wuppertal, der Industriestadt im bergischen Land, die auch Stadt der Barmer Erklärung und damit Gründungsstadt der Bekennenden Kirche war. Dort erwarb Fleinghaus bei Joachim Dorfmüller seine ersten Orgelkenntnisse. Dann tat Fleinghaus das, was viele Kirchenmusiker seiner Generation taten, weil damals längst nicht ausgemacht war, dass sie alle einmal hauptberuflich in den kirchlichen Dienst eintreten würden und könnten. Die Möglichkeit, notfalls einer der seltenen Musiklehrer für Gymnasien zu werden, durften sie nicht außer Acht lassen. Fleinghaus studierte also zeitgleich von 1977 bis 1983 Schulmusik, Musikwissenschaft, Philosophie, Pädagogik, evangelische Kirchenmusik an der Universität Köln sowie an der Hochschule für Musik Köln. Den musikalischen Teil lernte er unter anderem bei dem Kölner Domorganisten Clemens Ganz und dem Komponisten Henning Frederichs. Bei dem Kölner Musikwissenschaftler Heinrich Hüschen erwarb Fleinghaus sein musikwissenschaftliches Handwerkszeug. Bei Hüschen schrieb Fleinghaus auch seine Dissertation “Die Musikanschauung des Erasmus von Rotterdam”. Zuvor hatte er das Erste Staatsexamen für das Lehramt, das A-Examen und die künstlerische Reifeprüfung im Fach Orgel abgelegt. Referendar war Fleinghaus in Hagen und Schwelm. 1986 legte er das Zweite Staatsexamen für das Lehramt an der Sekundarstufe II in den Fächern Musik und Philosophie ab.

Da hatte sich Fleinghaus schon als Dozent an der damaligen Westfälischen Landeskirchenmusikschule Herford beworben. Er lehrte dort Formen-, Instrumenten- und Literaturkunde und ab 1987 auch Orgel. Im gleichen Jahr berief ihn die Evangelische Kirche von Westfalen zum Orgelsachverständigen.

1991 wurde die Schule endlich das, was sie seit den 1950er Jahre eigentlich schon war: Hochschule für Kirchenmusik. Sie hatte sich nicht zuletzt durch die fast weltweiten Konzertreisen der Westfälischen Kantorei unter dem ersten Leiter der Schule Wilhelm Ehmann einen internationalen Ruf erworben. Kirchenmusikschüler aus vielen, auch außereuropäischen Ländern ließen sich in Herford ausbilden. Fleinghaus bekam seine Ernennung zum Professor, 1995 wurde er zum Prorektor berufen. Hier stand er dem Rektor Rolf Schönstedt vor allem organisatorisch zur Seite. Anfang der 2000er Jahre begann die Anziehungskraft der Hochschule auf Studenten nachzulassen. Ein Phänomen, das auch an den Kirchenmusikstudiengängen der staatlichen Hochschulen zu beobachten war. Fleinghaus versuchte, sich diesem Trend entgegenzustellen. Er drängte auf eine Modernisierung der Ausbildung an seiner Hochschule und traf auf den oben skizzierten Widerstand. 2007 trat Schönstedt in den Ruhestand und die Westfälische Kirche berief Fleinghaus zum Rektor. 2010 setzte er ein Zeichen und berief mit Matthias Nagel den ersten Dozenten für Pop-Kirchenmusik der Hochschule. Nagel hatte sich bis dahin auf Kirchentagen und in vielen Bereichen der praktischen Kirchenmusik als Komponist und Arrangeur einen Namen gemacht.

Pop als Teil der Kirchenmusikgeschichte

Das war Fleinghaus nicht genug. In den Lehrplänen für die traditionelle Kirchenmusik ließ er Elemente moderner Kirchenmusik einpflegen. Er wollte so der Hilflosigkeit mancher traditionell ausgebildeter Kirchenmusiker angesichts neuen Liedgutes in der evangelischen Kirchenmusik begegnen. Vor allem aber sah er populäre Kirchenmusik als Teil der Musikgeschichte, die lange Zeit für viele Kirchenmusiker und Kirchengemeinden mit dem Tod Johann Sebastian Bachs, spätestens aber mit dem Tod Wolfgang Amadeus‘ Mozarts endete. Es brauchte bisweilen weit in die 1990er Jahre, bis auch die Kirchenmusik der Romantik in den Gemeinden akzeptiert war.   

Ende 2014 kündigte Fleinghaus die Gründung eines neuen Studienganges an: die des Pop-Kirchenmusikers, gemeinsam mit der evangelischen Pop-Akademie Witten. Dort waren Kirchenmusiker bisher nebenberuflich ausgebildet worden. Inzwischen ist Witten der zweite Standort der Hochschule für Kirchenmusik. Im Herbst dieses Jahres hat dort der erste Bachelor-Jahrgang seinen Abschluss gemacht. Sie haben, anders als die Kirchenmusiker-Generation Fleinghaus‘ kaum Sorgen, eine adäquate Stelle zu finden.

In einem Interview hat Fleinghaus seinen Führungsstil skizziert. „Gespräch“ heiße vor allem zuhören, „viel mehr als selber reden.“  Mitarbeiter, die sich wahrgenommen fühlten, arbeiteten verantwortungsbewusster und damit effektiver, sagte Fleinghaus, der ein Fan von Loriot war und ganze Passagen aus den Texten des Humoristen fehlerfrei rezitieren konnte.  

Die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen Annette Kurschus würdigte Fleinghaus als “einen hochmusikalischen und gebildeten Menschen mit feinen Sinnen für Sprache, Literatur und alles Schöne”, dessen tiefgründiger Humor und menschliche Wärme Vielen in besonders liebenswerter Erinnerung bleiben werde. Wie sein verschmitztes Lächeln.   

Die Hochschule für Kirchenmusik in Herford wird von der Evangelischen Kirche von Westfalen in Verbindung mit der Evangelischen Kirche in Deutschland getragen. Sie bietet 50 Studienplätze für die kirchenmusikalische Ausbildung. Mehr Information: www.hochschule-herford.de

Thomas Dohna

Autor*in: Thomas Dohna

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