Lauter Lieder über Liebe

Ungewöhnliche Zeiten führen manchmal zu ungewöhnlichen Allianzen, und das ist das Beste, was wir Corona verdanken. Denn ohne den pandemischen Ausnahmezustand hätten sich Thomas Noack an der (auf dem Foto leider versteckten) Mandoline, Bariton Frank Dolphin Wong vom Theater Bielefeld und der Gitarrist Reinhold Westerheide womöglich nie zusammengetan. Im Haus Wellensiek gaben sie am Sonntag ein schwungvolles, dem Gemüt guttuendes Konzert. (Foto: Antje Doßmann)

Langsam wird Corona chronisch: Seit fast einem halben Jahr schon sind die Sängerinnen und Sänger am Theater Bielefeld pandemiebedingt unterbeschäftigt, und natürlich beginnt darüber der eine oder die andere ein bisschen muckisch zu werden. Oder macht sich auf die Suche nach musikalischen Projekten außerhalb des Theaters.

So wie es der niederländische Bariton Frank Dolphin Wong beherzt getan hat, als er Kontakt zu Reinhold Westerheide aufnahm, dessen virtuoses Gitarrenspiel, musikalische Offenheit und Experimentierfreude ihm zu Ohren gekommen waren. Wie wäre es nun mit einem gemeinsamen Liederabend? Ein bisschen Schubert, ein bisschen Mozart und das Ganze ergänzt durch ein paar dieser herrlichen Serenaden aus Neapel, die man dort schon seit dem 13. Jahrhundert singt, ach was: schmettert, seufzt, donnert, wimmert. Deutsche Frühromantik und italienischer Schöngesang also, aber das Ganze ohne Klavier, sondern begleitet von Gitarre und Mandoline – wonach würde das klingen? Nach einer guten Idee oder nicht?

Wer die beiden Künstler am Sonntag mit dem Mandolinenspieler Thomas Noack als Dritten im Bunde bei ihrem Liederabend  zum Thema “Liebe, Lust und Leidenschaft”  im Haus Wellensiek erlebte, konnte sich etwas anderes als ein spontanes Ja dazu gar nicht vorstellen. Denn dieses Trio hatte erkennbar Spaß am gemeinsamen Konzertieren und nahm das Publikum schon nach wenigen Minuten ganz ein für die besondere Stimmung, die durch Westerheides und Noacks Arrangements für die Saiteninstrumente erzeugt wurde. Denn bis auf Mozarts Don Giovanni-Serenade: “Deh, vieni alla Finestra”, die tatsächlich für Mandoline komponiert wurde, galt es für die Musiker, die Partituren umzuschreiben.

Besonders die oft gehörten Schubert-Lieder wie das “Heidenröslein”, “Meeresstille” und auch “Der Leiermann”, der den dreien vom Text her an sich eine Spur zu melodramatisch wäre, wie Thomas Noack in der Anmoderation bemerkte, gewannen durch Wongs gefühlvolle, nie pathetische Interpretation und die ungewöhnlichen Arrangements eine neue Qualität. Und dann die Bella Napoli-Lieder mit ihrer geballten, vor der Leidenschaft nicht zurückschreckenden Emotionalität und ihren wunderbaren, die Seele berührenden Melodien – was für ein spannender Kontrast zu Schubert!

Je mehr das Trio aus sich herausging, desto mehr lockerte sich auch das maskierte, weit auseinandersitzende Publikum. Und für viele gute Augenblicke lang verlor die Corona-Gegenwart ihre Steifheit, ihre Strenge. Fast meinte man am Ende, es läge Pizzaduft in der Lust, als klirrten die Weingläser, als säße man dicht an dicht an einer Tafel mit rotgewürfeltem Tischtuch. Doch solange die Zeiten so sind, wie sie sind, feiern wir die Feste eben im Kopf und erfreuen uns daran, dass drei so hervorragende Künstler wie diese uns immerhin zu solch bemerkenswerten kleinen Konzerten laden. Es war fast zu schnell vorbei. Aber wie zu erfahren war, plant das an diesem Abend erstmals zusammen auftretende Trio weitere Zupf-Streiche. Spanisches wird dann zusätzlich auf dem Programm stehen. Wir konzerthungrig Gebliebenen freuen uns darauf schon jetzt.

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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