Im Licht der Dichtung

Interdisziplinär arbeitendes Lyrikprojekt seit 2019: Die Gruppe "l i c h t s t r e u", bestehend aus Barbara Daiber, Lothar Flachmann, Elke Engelhardt und Ralf Burnicki. (Foto: Dorin Daiber)

Die Wahrnehmung der Zeit und die Liebe zur Lyrik, die Kritik am gesellschaftlichen Zustand  und die Offenheit für sprachliche Experimente: Es gab bei aller Unterschiedlichkeit im poetischen Stil eine Reihe von Gemeinsamkeiten, als Ralf Burnicki, Barbara Daiber, Elke Engelhardt und Lothar Flachmann im vergangenen Jahr beschlossen, zusammen das Lyrik-Projekt “l i c h t s t r e u” zu starten, das spartenübergreifend zu thematischen Impulsen schreibt.

Impulse, die von Einzelnen zur gemeinsamen und doch individuellen sprachlichen Bearbeitung in die Gruppe eingegeben werden und der Malerei, der Musik oder einem experimentellen Kurzfilm entnommen sein können. Seither treffen sich die aus unterschiedlichen Ecken der Region stammenden AutorInnen regelmäßig zum Ad hoc-Schreiben, ausgelöst durch den jeweiligen Impuls. Die Texte, die bei diesen Zusammentreffen entstehen, bedürfen selten einer längeren Nachbearbeitung, wie Lothar Flachmann bei einer Lesung des Lyrik-Projekts unter dem Titel “Lichtstreuungen” im Meller Kulturzentrum “Wilde Rose” Ende Oktober stellvertretend für die Gruppe berichtete. Erstmalig konnte man sich bei dieser Gelegenheit einen Einblick in die ungewöhnliche Arbeitsweise des vierstimmigen Kollektivs verschaffen, und deutlich traten dabei mehrere Aspekte zutage, die das Projekt spannend machen.

Engagierte Konzeptlyrik

Zum einen erfuhr der Gegenstand des Impulses durch die vielsichtige Bearbeitung seitens der Gruppe eine künstlerische Durchdringung, die Licht auch in seine sonst eher unbeleuchteten Winkel brachte, und es war interessant zu hören, wie unterschiedlich die vier Stimmen klangen, obwohl sie doch vom selben Sujet sprachen. Darüber hinaus bewirkte die Lesung der Gruppe, die allein durch ihr relativ formstrenges interdisziplinäres Konzept auf eine bestimmte, an Alexander Kluge erinnernde Ästhetik abzielte, noch etwas anderes an diesem regnerischen Nachmittag unmittelbar vor dem zweiten Lockdown; vielleicht war ihr das nicht einmal selbst bewusst: Sie brachte tatsächlich Licht, feinstoffliches lyrisches Licht, in eine Gegenwart, die schon lange bevor die Pandemie den gewohnten Betrieb der Welt zum Erliegen brachte, von krassen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen überschattet war.

Um sich greifende soziale Unruhen in versagenden Wohlfahrtsstaaten, die zunehmende Vereinsamung des Individuums in den großen Städten, Umweltkatastrophen wie das nukleare Inferno von Fukoshima –  das sind nur drei von vielen Themen, mit denen sich die Gruppe “l i c h t st r e u” bereits kritisch-künstlerisch auseinandergesetzt hat. Nicht zuletzt, um schlechten Entwicklungen  etwas kraftvoll Schöpferisches entgegenzusetzen. Die Impulse, die sich die vier LyrikerInnen aus OWL gegenseitig gaben, deuten zumindest in diese Richtung. Denn sie nahmen nicht das negative Ereignis an sich zum Auslöser des Schreibprozesses, sondern eine bereits existierende künstlerische Bearbeitung.

Fukoshima und andere Katastrophen

Bezüglich der Fukoshima-Katastrophe waren das z.B. “Miyagi-Haikus” (experimentelle Musikperformances) in Erinnerung an die Tsunami- und Reaktorkatastrophe in Japan 2011. Eines der berührenden Gedichte, die als Reaktion und gewissermaßen auch im Dialog mit Sandeep Bhagwatis Performances entstanden sind, trägt den Titel “Überflutungen” und stammt von Ralf Burnicki, der in diesem Fall auch Impulsgeber war: “Der Horizont spülte/Erinnerungen heran, ach/dieser Tag sollte die Küste der/Gewissheiten übersteigen”, so hebt es an. Es war zugleich der erste Impuls, der in die Gruppe gegeben wurde.

Dass die Vielschichtigkeit der Texte das Ergebnis einer fast mit den Händen zu greifenden Synergie ist, wurde bei der Lesung in der “Wilden Rose” ganz deutlich. Denn natürlich lasen die vier nicht nur der Reihe nach ihre Gedichte zu den jeweiligen Impulsen, sondern zeigten auch, wie dieser ausgesehen hat. Die “Aschebilder” von Barbara Daiber impulsierten ihren Schreibkollegen Lothar Flachmann, der wie sie auch malend/textgestaltend künstlerisch tätig ist, z.B. zu dem Gedicht “auslegware”, dem wiederum ein Zitat von Nelly Sachs vorangestellt wurde. Bezüge, Linien, Querverbindungen – Kunst ist auch ein soziales Feld, ein fortgesetztes Gespräch,  und wer heute ernsthaft Gedichte schreibt, ist sich natürlich bewusst, dadurch in einer bestimmten Tradition zu stehen.

Keine Progammpoesie

Beim Vorschlagen und Auswählen der Impulse sei man frei vorgegangen, erzählte die Gruppe bei der Antrittslesung. Niemand muss, alles ist Angebot,  Lockung, Reiz. Ein Warteraum für Resonanz. Immer mit der Frage im Hintergrund: Klingt da etwas an in mir? Kann ich es in Worte fassen? Dabei muss man die Arbeitsweise der Gruppe “l i c h t s t r e u” keineswegs so verstehen, dass in irgendeiner Weise beschreibende “Progammpoesie” beabsichtigt ist. Vielmehr geht es um Freiheit des Ausdrucks, die Kunst der Assoziation. Die Transformation des fremden äußeren in ein inneres Bild. Dazu ist eine Schärfung der Eigenwahrnehmung nötig. Welche Erinnerung korrespondiert da eventuell mit den pausenlos vorbeistreifenden Passantenbeinen in einem Video aus der Herforder Fußgängerzone? – wiederum ein Impuls von Ralf Burnicki. Lässt sich Konsum- oder Sozialkritik daran festmachen, Gefühle von eigener Verlassen- und Verlorenheit? Wer den dazugehörigen Impuls nicht kennt, wird ihn aus den “l i c h t s t r e u “-Gedichten nicht oder kaum heraushören, so verwandelt ist der Stoff.

Das macht die Faszination des ungewöhnlichen Projektes aus und sorgt darüber hinaus bei Lesungen der Gruppe für Abwechslungsreichtum. So manche Entdeckung ist dabei zu machen. Der wunderbare YouTube-Clip “Les Indes Galantes” von Clément Cogitore gehörte bei der Oktoberlesung dazu. Elke Engelhardt hatte ihn eingebracht, und Barbara Daiber nutzte den Impuls zu einem raffinierten Barock-Gedicht. Auch an diesem Beispiel zeigte sich, was die Gruppe vermochte: die weitere Erhellung einer bereits positiven Entwicklung – in diesem Fall ein tanzpädagogisches Projekt mit Jugendlichen im sozialen Brennpunkt – durch Sprachkunst.  Buchstäblich und getreu ihres gewählten Gruppennamens streuten Ralf Burnicki, Barbara Daiber, Elke Engelhardt und Lothar Flachmann Licht auf Ansätze, die Hoffnung machen. Wie gut. Wie wohltuend.

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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