Die Mutter der Autofiktion

Tove Ditlevsens Kopenhagener Triologie wird neu aufgelegt. Der erste Band "Kindheit" ist kürzlich erschienen.

Die Wiederentdeckung von Tove Ditlevsen, deren Kopenhagen Triologie 1967 in Kopenhagen veröffentlicht wurde und dieser Tage neu übersetzt erscheint, ist ein großes Glück und ein Beispiel dafür, wie sehr der „Zeitgeist“ seine unsichtbaren Hände im Spiel hat, wenn es um Aufmerksamkeit oder überhaupt um die Möglichkeit zu publizieren geht. Denn bei Ditlevsens Triologie, von der gerade der erste Band „Kindheit“ erschienen ist, da ist sich das Feuilleton einig, haben wir es mit einem Paradebeispiel der “Autofiktion“ zu tun, diesem merkwürdigen Begriff, der irgendwann von der Literaturwissenschaft ins Feuilleton auswanderte und dort Karriere machte. Mit Namen wie Annie Ernaux, Didier Eribon, Isabella Lehn, um nur einige wenige zu nennen.

Einige Werke Ditlevsens wurden in den 80er Jahren, nach dem Tod der Autorin, im Suhrkamp Verlag verlegt. Doch dann geriet sie lange Zeit in Vergessenheit. Jetzt trifft die in Dänemark verehrte Schriftstellerin mit der neuen und sehr lebendigen Übersetzung von Ursel Allenstein einen Nerv der Zeit und wird allerorten als “Mutter” der Autofiktion wiederentdeckt.

Ein wichtiges, hervorragend erzähltes und zeitloses Buch, das sich wieder zu entdecken lohnt, ist „Kindheit“ auch ohne diesen Hintergrund.

Worte als Aufweg aus einer aussichtslosen Gesellschaft

Im ersten Band von Ditlevsens Triologie ist die wirtschaftliche Depression der Kopenhagener Arbeiterviertel ebenso anwesend wie der durch Worte und Bücher genährte Widerstandsgeist von Tove, diesem Mädchen, das nirgendwo wirklich dazu gehört. Eine, die sich das Korsett aus Ausweglosigkeit nicht schön reden kann, die sich nicht arrangieren will. Weder mit Armut, Verrat, Arbeits- und Auswegslosigkeit, noch damit, dass ein Mädchen kein Dichter werden kann. Dass das höchste erreichbare (und vorstellbare) Glück für Frauen besteht darin, versorgt zu sein. Selbst dem Vater, der Tove gerne lesen sieht, und mit ihr über das Gelesene spricht, fehlt die Fantasie, dass es anders sein könnte.

Über 100 Seiten lang erzählt dieser schmale Band in der gelungenen Übersetzung von Ursel Allenstein von Armut von einer verheerend hohen Arbeitslosigkeit, von Männern, die fast ausnahmslos Trost im Alkohol suchen. Davon, dass die einzigen Frauen, die über eigenes Geld verfügen, dafür ihren Körper verkaufen, von der Verachtung derjenigen, die scheinbar noch weiter unten auf der Leiter des Elends stehen.

Rettung durch den Riesenmuskel des Vorstellungsvermögens

Die Seiten lesen sich umso eindringlicher, weil alles aus der Sicht eines Mädchens erzählt wird, das von Anfang an aufbegehrt gegen diese scheinbar alternativlose Enge. Einem Mädchen, das schreibt, obwohl selbst der im Grunde wohlwollende und verständnisvolle Vater ihr attestiert, dass ein Mädchen niemals ein Dichter werden kann. Tove beschreibt sich als Kind, das nahezu vollkommen verkannt wurde, niemand begriff, wer sie eigentlich war, und was sie wollte. Weil die Dinge, nach denen sie sich sehnte, schlicht außerhalb des Vorstellungsvermögens der meisten ihrer Zeitgenossen lagen. Die Spannung des schmalen Bands entsteht durch den Widerstandgeist eines Mädchens, das die Enge der für es vorgesehenen Welt von Anfang an nicht akzeptiert. Weil es die Liebe zu den Worten findet.

Lesen ist der Ausweg aus dieser erstickenden Begrenzung. Die Möglichkeit mit Worten aufzubegehren, andere Räume zu schaffen, oder mit Enquist zu sprechen: „die Vorstellungskraft, dieser Riesenmuskel“ retten sie. Bereits mit 5 Jahren, bevor sie in die Schule eintritt, hat sie sich selbst das Lesen beigebracht. Sehr früh beginnt sie Gedichte zu schreiben, die sie niemandem zu zeigen wagt. Aber vorerst genügte es ihr ohnehin, „die Gedichte zu schreiben, mir war es nicht eilig damit, sie einer Welt zu zeigen […]“ Einer Welt, die aus lauter Elend, Gewalt und Chancenlosigkeit vielleicht auch längst die Fähigkeit verloren hat, sich für die Poesie zu öffnen. Für all die arbeitslosen Männer und die unterdrückten Frauen ist Poesie keine Möglichkeit, dem freudlosen Elend zu entkommen. Existenziell notwendiger Pragmatismus und Lyrik vertragen sich auf den ersten Blick nicht gut. Für die Mehrheit. Während diejenigen, die von Anfang an nirgendwo dazugehören, genau dort ihre Rettung finden. Auch davon erzählt das Buch. Und das ist es, was es ebenso berührend wie zeitlos macht.

Das Private ist politisch und Tove Ditlevsen eine öffentliche Person

Bei Tove Ditlevsen gibt es keine Trennung zwischen Politik, Öffentlichkeit und Privatem. Sie liefert sich aus und macht auf diese Weise strukturelle Benachteiligung tatsächlich spürbar. Dabei nahm sie als Schriftstellerin von Anfang an in Kauf, dass das Schreiben aus ihr eine öffentliche Person machte. Es ist die Tatsache, dass alles Private auch politisch ist, die die besondere Kraft von Ditlevsens Büchern ausmacht, und gleichzeitig Grund für ihr zerrissenes Leben ist. Ihre Literatur lebt von der Gabe der Außenseiterin, einen nahezu sezierenden Blick auf die Umwelt und die eigene Rolle in der Gesellschaft zu werfen.

Im Februar erscheinen die Bände Jugend und Abhängigkeit, die die Triologie beschließen.

Elke Engelhardt

Autor*in: Elke Engelhardt

Schreibt mit nicht nachlassender Begeisterung über Bücher. Ganz selten schreibt sie selbst eins.

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