Sehnsucht nach Kunst

Harte und weiche Kontraste, Dialogbereitschaft und ein unbedingtes Ja zur Offenheit der Kunst: "Melting Pot III" im Künstlerhaus Lydda (Fotos: Antje Doßmann)

Menschenleere Straßen, Maskengesichter, Matschwetter – langsam beginnt der Lockdown so richtig an den Nerven zu zerren. Abgesehen von der genialen Natur, die nimmermüde selbst dem trübsten Tag Kunstwerke von geheimnisvoller Schönheit abzugewinnen vermag – Regentropfen an schwarzglänzenden Ästen, Pfützen, in denen sich der Himmel spiegelt, die schwebenden Wesen des Nebels – mangelt es im Augenblick einfach stark an Reizen für die Sinne.

Es mangelt an Gegenwelten, Raum für Geschichten, die nicht von Corona handeln, Fluchtorten für die Augen und für die Ohren. Bis zum harten Lockdown gab es wenigstens in den Galerien noch Ausstellungen, die ein Eintauchen in die kraftvolle Sphäre der Kunst möglich machten.

Das Bielefelder Künstlerhaus Lydda im Maraweg 15 gehörte mit der Ausstellung “Melting Pot III”, die über 100 Arbeiten von 36 Künstler*innen unterschiedlicher Herkunft zeigte, dazu. Manche hatten eine weite Anreise hinter sich. Es gibt Ausstellungsstücke aus Japan, aus Berlin und Hannover und Rothenburg an der Wümme. Sie stammen von Hochschulen und Ateliergemeinschaften, mit Lydda befreundeten Künstlerwerkstätten. Vielfältige Werke, die von Skulpturen über Lichtobjekte, Filme, Skizzenbücher, Graphiken, Fotos bis zu Zeichnungen und Bildern auf Papier und Leinwand reichen und die künstlerischen und partnerschaftlichen Bezugspunkte erkennen lassen, die das Künstlerhaus unterhält.

Gleichzeitig wird in dem inklusiven Ansatz spürbar, wie fest und frei das Künstlerhaus selbst in diesen Rahmen eingebettet ist, welche Bedeutung als Scharnier ihm zukommt und in welcher Weise die Werke, die hier geschaffen werden, im Strom der modernen Kunst stehen.

Es ist gar nicht nötig, viel über diese Schau zu wissen, um sie zu verstehen. Man muss bloß zuhören, was sie selber sagt. Man muss bloß den Gesprächen lauschen, die von Werk zu Werk gehen, manchmal ein stilles Flüstern zwischen zwei Benachbarten, manchmal ein lautstarker Disput von Wand zu Wand. Es geht hier wie in aller Kunst um die Bedingungen unserer Existenz, um Freude und Not, das Geschenk der Gemeinschaft und das Los der Einsamkeit. Ob die Gespräche sich wohl verändert haben, seitdem niemand mehr kommen darf und die Ausstellung zu einer Geisterschau geworden ist? Verstummt sind die Werke gewiss nicht, aber sie warten dort wie wir auf das Ende der Krise.

Und dann, wenn ein Besuch wieder möglich ist und man Glück hat und einen Tag erwischt, an dem das Sonnenlicht durch die Räume zittert, wie hier auf dem Bild, das Anfang Dezember aufgenommen wurde, kommt noch mal ganz neues Leben ins Spiel.

Anzunehmen ist, dass man auch nach der Lockerung des harten Lockdowns nur mit Voranmeldung und nicht mit vielen Leuten gleichzeitig in den Räumen sein darf. Das hat unbestreitbare Vorzüge. Die Aufmerksamkeit ist wesentlich gespannter und zugleich wird die Hemmschwelle, auch mal in die Hocke zu gehen oder die Augen zusammenzukneifen, um bestimmte Bezüge zu erkennen, entspannt heruntergefahren.

Denn dass es diese Bezüge gibt, ist ebenso sicher wie die Tatsache, dass die Werke Dialoge untereinander führen, an denen sie Interessierte freundlich teilnehmen lassen. Jemand wie Jürgen Heinrich, der Lydda seit vielen Jahren leitet und begleitet, sorgt dafür mit feinem Gespür bei der Auswahl und Anordnung der Werke.

Eine Ausstellung im Wandel, wie “Melting Pot III” im Untertitel heißt, bedeutet überdies für die teilnehmenden Künstler*innen, deren Bilder und Skulpturen auch erworben werden können, die Möglichkeit, ihre Werke innerhalb der Ausstellungsdauer auszutauschen. So zumindest war es geplant. Im Moment ergibt das wenig Sinn. Wir warten auf die Wiederöffnung. Sehnsüchtig.

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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