Mit dem Rücken zur Wand II

Die inklusive Theaterarbeit trifft die Coronakrise besonders hart. Bis zum 12. März hatten die 20 Teilnehmenden des neuen "Götterspeise"-Projektes "Unter Strom" - wie hier zu sehen - noch intensiv geprobt, dann kam das jähe Aus. Die Premiere ist aus Sicherheitsgründen nun erst im nächsten Jahr.

Es ist bitter: 2020 sollte ein besonderes Jahr werden für das Bielefelder freie Theater und mobile theaterpädagogische Zentrum “Forum für Kreativität und Kommunikation”, und anfangs sah auch alles danach aus. Nicht nur das anstehende 30-jährige Jubiläum gab dem engagierten Theaterprojekt Anlass zu Stolz und Freude, sondern auch die insgesamt positive Entwicklung in allen Schwerpunkten des Hauses.

So war im Bereich des professionellen Schauspiels, das schon seit einiger Zeit mit Inszenierungen wie “Kaspar Häuser Meer” oder “Lampedusa” aufhorchen lässt, die letzte Produktion “Atmen” auf große Publikumsresonanz gestoßen. Und auch im inklusiven Theaterbereich zeichneten sich Erfolge ab. Bis Januar tourte das seit 24 Jahren bestehende Theater “Götterspeise” mit Ionescos “Die Nashörner” durch Nordrhein-Westfalen. Und schließlich war es dem Forum seit langer Zeit gelungen, sich mit Workshops zum Thema Streitschlichtung, Anti-Aggressionstraining und Körpersprache an Schulen weiter zu etablieren. Ein Schwerpunkt, der den Verantwortlichen – Diemut Döninghaus, Norbert Diekhake und Martin Neumann  – am Herzen liegt und zugleich ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor für das Haus ist. Zu dem positiven Trend passte, dass es für die Arbeit als mobiles theaterpädagogisches Zentrum sowie inklusives und professionelles Theater gerade erst eine 3-jährige Konzeptionsförderung vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW gegeben hatte. Und dann kam Corona.

Formale Problemlösungen statt kreativer Arbeit

Die Grundsituation jedes Theaters, das nahe Erleben im gemeinsamen Raum, sei im Herz getroffen, und seitdem drehe sich ihr Arbeitsalltag vor allem um Problemlösungen, erzählt Norbert Diekhake stellvertretend für das Team, das auf Kurzarbeit gegangen ist. Und dass die Entwicklung insgesamt ohne Zweifel eine Katastrophe für sie darstelle. Besonders, da das Forum seit dem Lockdown keinerlei Möglichkeiten habe, Schulprojekte durchzuführen, Termine zu planen oder Gastspiele anzubieten. Hinzu kommen Ausfälle bereits vereinbarter Auftritte und Workshops, die zu erheblichen finanziellen Einbußen führen. Hinsichtlich der Landesförderung sei man daher dabei, neu angepasste Kostenpläne zu erstellen, so Diekhake, und ob weitere Hilfsgelder in Anspruch genommen werden können, sei derzeit noch ungewiss.

Natürlich versuche man auf der anderen Seite begrenzt auch, die Krise als Chance zu nutzen, neue coronataugliche Konzepte zu entwickeln und die globale Entwicklung mit ihren Auswirkungen auf unsere Lebenswirklichkeit mit wachen Augen zu verfolgen, um das Beobachtete in die kreative Arbeit einfließen zu lassen. Schließlich ist das Augenmerk auf gesellschaftlich brennende Themen charakteristisch für das Forum und der Wille, sich auch in dieser herausfordernden Zeit künstlerisch treu zu bleiben, ungebrochen. Daher halten die Verantwortlichen im Bereich des professionellen Sprechtheaters auch am Termin für die nächste Premiere fest. Am 16.10. soll sie stattfinden, und auf dem Programm steht “Waisen (Orphans)” von Dennis Kelly mit fünf Spielterminen im Oktober. Wer schon einmal im GAB Kulturpunkt an der Paulustraße gewesen ist, der dem “Forum für Kreativität und Kommunikation” als Spielstätte dient, mag allerdings erahnen, mit welchen Schwierigkeiten eine Umsetzung des bis dahin vermutlich weiterhin geltenden Hygienekonzeptes in den eng bemessenen Räumlichkeiten verbunden sein wird.

Diese Zeit schreit nach Theater

“Dennoch”, sagt Diekhake, “ist jedes Spielen besser als gar nicht zu spielen. Und wenn wir jeden Abend nur vor 15 Leuten auftreten. Diese Zeit schreit nach Theater, wir brauchen das Theater. Aber wir haben eine Verantwortung gegenüber den Probenden und dem Publikum und werden dafür Sorge tragen. Eine zu schnelle Lockerung der Corona-Schutzverordnung muss man auch kritisch beurteilen.” Beim inklusiven Theater “Götterspeise”, wo bis zum 12. März am neuen Stück “Unter Strom” gearbeitet wurde, findet die Premiere, die zunächst ebenfalls auf den Herbst verschoben wurde, nun sicherheitshalber erst am 28.1.2021 statt. Für die 20 Beteiligten an dieser Produktion ist das ein harter Brocken. Dramaturgisch werde zwar per Zoom weitergearbeitet und der Kontakt zu den Schauspielenden per Mail und Telefon gehalten, sagt Norbert Diekhake, aber natürlich ersetze das nicht das Erlebnis Theater mit all den unschätzbaren individuellen Auswirkungen auf Körper, Geist und Seele. Ab Mitte August, so hoffen die Verantwortlichen, können die Proben wieder aufgenommen werden.

Jammern und Klagen gehört allerdings nicht zu den Strategien des Forums, das sich im Lauf der letzten dreißig Jahre durch viele Schwierigkeiten gekämpft hat, auch schon mal nach dem Verlust von Räumen vor dem Aus stand und mit dem GAB Kulturpunkt als Spielstätte und den Landesmitteln als Förderung endlich hoffen durfte, in etwas ruhigeres Fahrwasser geraten zu sein. Statt dessen engagiert sich das Forum zusammen mit anderen Kolleg*innen aus der freien Szene beim Bielefelder Kulturpa©t, einer Initiative, die sich als eine Art Bindeglied, Sprachrohr und Interessenvertretung der solo-selbständigen Kulturschaffenden versteht und gegenüber Politik und Verwaltung berechtigte Forderungen stellt. Dass sie dabei mit allem durchdringen werden, scheint unwahrscheinlich, aber auch Teilerfolge wären wichtig. Nicht zuletzt für die Existenzsicherung eines gesellschaftlich relevanten Theaters wie das “Forum für Kreativität und Kommunikation” und damit für die kulturelle Bildung und das politische Klima in unserer Stadt. 

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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