Jahrmarkt der Grausamkeiten

Er rannte weg, als der Felsbrocken heranrollte, sie warf sich auf die Kinder. Und auch wenn das Geröll sie am Ende verschonte, gingen sie doch beide darunter verschütt. Brit Dehler und Cornelius Gebert in einer der starken prisma-artigen Einzelszenen von Dominik Buschs "Deinen Platz in der Welt", das am Sonntagabend im Bielefelder Theater am Alten Markt zur Uraufführung kam. (Foto: Philipp Ottendörfer)

Das Bielefelder Theater am Alten Markt eröffnet die neue Spielzeit mit dem kaleidoskopischen Gesellschaftsstück “Deinen Platz in der Welt” von Dominik Busch in der Inszenierung von Dariusch Yazdkhasti. Rund zwanzig Einzelszenen, die in einer sich erst nach und nach erschließenden Weise miteinander verbunden sind, halten beim Zuschauen in permanente, manchmal atemverlangsamte, manchmal schockstille Spannung.

Ein Autobus rast in eine Menschenmenge, fast wird eine Familie von einem Felsbrocken erschlagen, eine erwachsene Frau erfährt erst vor ihrer Hochzeit von ihrer Adoption – das Eintreten eines unerhörten Ereignisses, wie Busch es beim Verfassen dieses Stücks der Novellen-Gattung entlehnt hat, ist für seine szenischen Kurzschüsse ebenso stilbildend wie sein psychologisches  Feingespür und sein  Sinn für Sprache mit all ihren Möglichkeiten. Wie gekonnt er sprachliche Mittel einzusetzen vermag, zeigt sich bereits im Stücktitel, wo die minimale Kasusverschiebung, die aus dem nominativen “Dein Platz in der Welt” ein akkusatives “Deinen Platz in der Welt” macht, dafür sorgt, dass im Grunde der Boden unter den Füßen weggerissen wird: Dein Platz in der Welt ist sicher. Deinen Platz in der Welt hingegen will vielleicht jemand anderes.

Die Sprache und ihre Möglichkeiten

Sprache spielt von Anfang an eine große Rolle in diesem fesselnden Szene-Reigen. Was zur Sprache kommt, ob etwas zur Sprache kommt und wie es zur Sprache kommt. Vom lauthalsen Herumgefluche zu Beginn bis zur Rezitation eines klassisch-romantischen Gedichtes zum Schluss wölbt sich ein dramaturgischer Bogen, der sich durchaus als goldene Brücke zur Lösung menschlicher Konflikte deuten lässt. Gezeigt wird, dass Sprache heilen kann, wenn das Schicksal grausam war und ein Unglück geschah, aber eben nicht heilen kann, wenn ein Mensch gezieltes Opfer eines Verbrechens wurde. Da hilft kein Gedicht, da hilft vielleicht ein Gebet. Aber die Menschen bei Busch haben keine Gebete mehr. So mag die von Christina Huckle auf sehr anrührende Weise verkörperte “Fahrerin”, die neben dem  “Fremden” und dem “Eisenfresser” zu den archetypisch angelegten Figuren des Stücks zählt, am Ende in Eichendorffs Gedicht “Jahrmarkt” Erlösung finden; für die starke Doreen Nixdorf in der Rolle des “Fremden” gilt das nicht.

Es geht um große Themen

Es sind große Themen, die in “Deinen Platz in der Welt” über die von Anna Bergemann ganz schlicht gestaltete Bühne gehen, die sich gleichwohl mit ihrer nicht nur als raffinierter Abstandshalter fungierenden drehbaren Mittelwand im Verlauf des Abends variabler erweist als zunächst gedacht.  Es geht um Schuld und Unschuld bei Busch, um Verrat und Treue und sehr viel um die menschliche Schwäche der Feigheit. Entsprechend sind es dunkle, vor endgültigen Abgründen stehende Schlüsselmomentaufnahmen, die der Schweizer Bühnenautor zeigt aus dem Drama, das jedes Menschenleben ist, und der Tragödie, die es sein kann. Nicht von ungefähr taucht das Motiv der Blendung, des blinden Sehers auf, nicht von ungefähr spricht das zwölfköpfige Ensemble einmal als Chorus in stark rhythmisierender Sprache. Elemente, die dem Stück an manchen Stellen eine antike Wucht verleihen und dann vom Pathos nur einen Atemzug entfernt sind.

Verkörperte die archetypische Täter-Figur des “Eisenfressers” mit ausgesuchter Grausamkeit, erlesener Bosheit: das noch relativ frische Ensemblemitglied Simon Heinle, hier mit Doreen Nixdorf. (Foto: Philipp Ottendörfer)

Die Hoffnung, die in zwei, drei Szenen bei sehr genauem Zuhören aufscheint, hat in der Bielefelder Inszenierung, die mit zurückhaltender, aber originell ausgewählter Musik unterlegt ist – so hört der blinde “Fremde”, dessen orakelhafte Frage an Vorübergehende stets lautet, wo die Liebe sei, zum Beispiel am liebsten Foreigners “I want to know what love is” – einen womöglich noch schwächeren Schimmer als in Buschs Stückvorlage. Denn Dariusch Yadzkhasti zentriert die verschiedenen Prismen auf den furchtbar gemarterten Obdachlosen (den “Fremden”), was – wie man das Kaleidoskop  auch wendet oder dreht – gar keine andere Figur ergeben kann als eine schmerzhaft ins Auge stechende Wundrose.

Dem unschuldigen, wehrlosen, eindeutigen Opfer, dem unsere mitmenschliche Sorge, all unser soziales Engagement gelten sollte, gehört dann auch das letzte Bild des Abends, der Theaterkunst von ihrer ernsthaftesten und eindrücklichsten Seite gezeigt hat. Wir hatten sie und das Wiedersehen mit einem Ensemble, dem die Coronakrise mit ihren distanzierenden Bedingungen zum Glück erkennbar weder die Lust am glänzenden Einzel- noch am beherzten Zusammenspiel nehmen konnte, sehr vermisst.

Die nächsten Vorstellungen: 15.09., 17.09., 02.10., 04.10., 11.10., 22.10.2020.

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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