Sie wollen ja alle nur spielen

Im Trotz-Alledem-Theater, das als eines von vielen Häusern an dem "Frei und gefähr(lich)det"-Aktionstag der Bielefelder Freien Theaterszene teilnahm, ließ der große "Sartolo" (Volker Rott) die Lebend-Puppen tanzen. (Foto: Antje Doßmann)

Samstag war Theatertag in Bielefeld. Wer wissen wollte, an welchen Projekten nicht nur die etablierte, sondern auch die Freie Szene in den letzten Wochen und Monaten gearbeitet hat, konnte sich vom frühen Nachmittag bis in den späten Abend hinein einen hervorragenden Überblick verschaffen.

Als Reaktion auf die überraschende Absage seitens des Kulturamtes, das “Außer Haus”-Festival in diesem Jahr nicht zu fördern, die von der ohnehin ums Überleben kämpfenden Freien Szene verständlicherweise als zusätzlicher Tiefschlag empfunden wurde, hatten verschiedene unabhängige Spielstätten unter dem Motto “Frei und gefähr(lich)det” zu einem Aktions-Tag der Offenen Tür geladen. In einer Haltung aus starkem, widerständigem Selbstbewusstsein und dem Wunsch nach Wahrnehmung in der Not, ging es den fest in der Stadt verankerten Initiativen, die seit Jahren unkonventionell-kreative Theaterkunst mit sozialem und sozialpädagogischem Engagement verbinden, bei dieser Aktion vor allem um ein Zeichen ihrer künstlerischen Autonomie.

In den einzelnen Häusern, zu denen u.a. das Alarmtheater, das TOR 6 Theaterhaus und die Theaterwerkstatt Bethel zählten, konnten die Besucher*innen anhand von szenischen Lesungen, Buch- und Filmvorstellungen, Perfomances, Stückproben und dokumentierenden Videoinstallationen einen Einblick in vergangene und geplante Projekte gewinnen. Leider war die Nachfrage nach den Tickets, aus deren Verkauf ein professioneller Internetauftritt finanziert werden sollte, nur mäßig. Lediglich rund 30 Karten gingen im Vorverkauf weg  – der Erlös also war nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Mit den weiteren kostenfreien Aktionen und Angeboten waren es am Ende etwa 200 Menschen, die in den Häusern bzw. an den Plätzen unterwegs waren. Bewundernswert, dass sich die heiter entschlossenen Akteur*innen nicht zu schade waren, vor handverlesenem Publikum Kostproben ihrer Arbeit zu präsentieren.  

Ulrike Kleinehagenbrock, Benjamin Bloch und Andreas Thiemann vom Ensemble des Mobilen Theaters spielten in der Feilenstraße Szenen aus Daniel Glattauers Komödie “Vier Stern Stunden” (Foto: Antje Doßmann)

In der Feilenstraße hatten zum Beispiel Karin und Albrecht Stoll die Pforte zu ihrem Proberaum geöffnet. Auf dem Programm ihres Mobilen Theaters stand eine szenische Lesung rund um Daniel Glattauers Komödie  “Vier Stern Stunden”. Im Mittelpunkt ein über seinen Ruhm arrogant gewordener Erfolgsautor, der allerdings auch schon hellere Tage gesehen hat und als Geheimrezept für den Erfolg ausgab: “Tu, was du willst.” Ein Satz, der insofern bedeutsam war, als dass man ihm im Verlauf dieses langen Theatertages noch einmal wiederbegegnen sollte. Allerdings in einem ganz anderen Kontext und auf einer ganz anderen Bühne als in diesem kleinen Haus, das solange Corona regiert, vor höchstens 30 Gästen spielen darf. Und das alles rechnet sich ja hinten und vorne nicht. Natürlich sind die Bedingungen am Stadttheater, wo “Tu, was du willst” am Abend in der “Black Rider”-Premiere zu einem Schlüsselsatz werden sollte, momentan auch nicht einfach. Dennoch öffneten gerade solche Analogien, die zeigten, dass beide Sphären – Off-Theater und städtische Bühne – an denselben Lebensgrundfragen dran sind, deutlich die Augen für verblüffende Gemeinsamkeiten und eben eklatante Unterschiede.

Spielen aber wollen sie ja alle. Ob es nun der große “Sartolo” war, der im Trotz-Alledem-Theater die Lebend-Puppen tanzen ließ, die Canaillen-Bagage oder die Theaterwerkstatt Bethel mit ihrer Lust am Straßentheater, die sie an diesem Samstag in der Bielefelder Innenstadt bedauerlicherweise nicht so ausleben durften wie eigentlich geplant. Das Ordnungsamt befürchtete Massenansammlungen, und tatsächlich war die Stadt an diesem spätsommerlichen Tag voll. Konsum war uneingeschränkt möglich. Kultur nicht. Auch das ist Corona. So mussten die Freien Theaterschaffenden ihre Aktivitäten ganz in die eigenen Wände verlagern und auf gezielt vorbeischauende Gäste warten, ohne die Chance zu haben, die Öffentlichkeit zu erreichen.

Wer sich auf die Aktion einließ und sich auf den Parcours von Haus zu Haus machte, wurde mit offenen Armen empfangen. Im Trotz-Alledem-Theater war es der wie stets zu hintergründigen Bemerkungen aufgelegte Jürgen Rittershaus alias Heinz Flottmann, der einen launig begrüßte. In der Mittelstraße machte der Theaterpädagoge Josef Bäcker mit den Besucher*innen eine Baustellenführung durch die neuen Räume des Theaters “Impulse”. Und im TOR  6 Theaterhaus, das im Inneren eine detaillierte und liebevoll gestaltete Ausstellung zu den umfangreichen Projekten des zurückliegenden Halbjahres präsentierte, luden die Hausdamen und -herren in einem Loungezelt zum angeregten Gedankenaustausch. Von Larmoyanz keine Spur, statt dessen erklärter und kampferprobter Durchhaltewille. Chapeau! Wie wertvoll, zukunftsweisend und beständig die Theaterarbeit in diesem Haus ist, wurde allein daran deutlich, dass dort am Abend das Feedback Kollektiv mit einer Performance auftrat. Denn die Mitglieder dieses innovativen, interdisziplinär arbeitenden Kollektivs – Agnetha Jaunich, Alina Tinnefeld und Florian Wessels – sind aus dem ehemaligen Theaterlabor hervorgegangen.

Drinnen und Draußen – Alles über Mutter, hieß das Stück, das im Dezember letzten Jahres im TOR 6 Theaterhaus Premiere gefeiert hatte. Wegen Corona wurde das Skript in eine zeitgemäße Videofassung umgearbeitet. Das Ergebnis konnte am “Frei und gefähr(lich)det”-Aktionstag begutachtet werden.

Während ihre Performance noch lief, setzte ein paar Straßen weiter im Stadttheater mit der Premiere von “The Black Rider” die Kult-Variante von Webers “Freischütz” ein . 30 Jahre ist es her, dass Tom Waits, William S. Burroughs und Robert Wilson einen Teufelspakt eigener Art untereinander geschlossen hatten, um im Hamburger Thalia Theater diese dunkle, groteske, psychodelisch angehauchte Adaption des volksgeschichtlichen Teufelspakt-Erzählstoffs erstmals auf die Bühne zu rocken. Eine Einladung zum wild entfesselten Spiel mit der Verführbarkeit der menschlichen Seele, die Intendant Michael Heicks in seiner spartenübergreifenden Inszenierung mit Kusshand annahm.

Sein effektvolles und streckenweise in kühnen, brillanten Sinnbildern genial auf den Punkt gebrachtes Unsittengemälde spielte die technischen Möglichkeiten des Hauses mit einer Hingabe aus, hinter der sich die gebremste Tatkraft  der letzten Monate erahnen ließ. Vielleicht wäre allerdings ein bisschen weniger ein bisschen mehr gewesen. Zumindest die Lautstärke war gegen Ende an der Grenze des Zumutbaren. Und die Dauerbefeuerung mit sinnlichen Reizen verhinderte zuweilen ein ruhiges Einlassen auf das Bühnengeschehen. Da sorgten die ohne Zweifel starken Videoprojektionen von Sascha Vredenburg für permanente Bühnenbildwechsel. Wald und Meer und Sommer und Winter, Erde und Himmel, Tag und Nacht zogen auf und wieder ab, und selten kamen die drei beweglichen Ebenen der Bühne zum Stillstand.

“Devil, I’m The Devil” – mit unnachahmlicher Nonchalance trieb Christina Huckle als Spreizfuß ihr teuflisches Spiel in “The Black Rider” (Foto: Joseph Ruben)

Auf der anderen Seite gelangen Michael Heicks immer wieder apokalyptische Szenerien – erst aufflammende, dann auf dem Kopf stehende Tannenbäume, fahl-grünliches Bühnenlicht von erhabener Schauerlichkeit – und düster-verspielte ikonografische Momentaufnahmen. Etwa, wenn der große Verführer und gefallene Todesengel Spreizfuß wie der Gekreuzigte an einem Baum hängt. Überhaupt dieser Spreizfuß. Eine Paraderolle für Christina Huckle seit dem Moment, wo sie als ebenso böser wie cooler Diabolus ex Machina aus der Unterwelt entsteigt und neben der ebenfalls ungemein präsenten Leona Grundig in der Rolle des Käthchens schnell zur aufregendsten Bühnenfigur des Abends wird.  

Ein Abend, der Schauspielkunst, Gesang, Tanz und unter der Leitung von William Ward Murta Orchestermusik vom Feinsten bot, aber unter dem Gesamteindruck dieses Bielefelder Theatertages doch nachdenklich über die Fülle der Möglichkeiten der einen und die Beschränktheit der Mittel der anderen werden ließ.   

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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