Melancholie für Fortgeschrittene

Das Theater Bielefeld fährt auf Zuversicht. (Foto: Achim Borchers/Bearbeitung: Antje Doßmann)

In der ersten Online-Ausgabe ihres beliebten Salonformats “Presseclub”, das in der Tradition des legendären Internationalen Frühschoppens publizistische Fundstücke präsentiert, um ein wenig schlauer aus der Welt zu werden, widmeten sich Carmen Priego und Christina Huckle vom Theater Bielefeld einer großen Frage der Zeit: Was kommt nach der Hoffnung?

Melancholie, so vermuteten sie. Das Lebensgefühl des Barock also mit seinen drei Motiven Vergänglichkeit (vanitas), Nichtigkeit (memento mori), aber auch Freude (carpe diem). Nachdenkliche Traurigkeit kann, wo sie der Lust am Untergang widersteht, der Utopie den Weg ebnen. Das ist heute nicht anders als zu Zeiten Albrecht Dürers. Das Schauspielerinnen-Duo wählte ein Thema und Texte für den Abend, die in diese Richtung zielten. Dem Publikum aber, das für 5 Euro virtuell teilnehmen konnte, war im Vorfeld wie immer nicht bekannt, worum es dieses Mal konkret gehen würde, und die erste Challenge für die relativ handverlesenen Gäste war, das Motto zu erraten.

“The (Bengsons) Keep Going Song”, das hausgemachte Trost- und Durchhaltelied eines amerikanischen Gesangsduos, das bei Youtube im letzten Herbst über eine halbe Million Menschen erreichte, lieferte den entscheidenden Hinweis: Um Zuversicht würde es im ersten Online-Presseclub gehen, genauer gesagt um Melancholie und Zuversicht, diese beiden nur scheinbar gegensätzlichen Gemütslagen, die nicht erst seit Corona das gegenwärtige Lebensgefühl beschreiben. Darauf machte der erste Artikel aufmerksam, den Carmen Priego las. “Wir sind untröstlich”, so hieß dieser Text aus einer “Lettre International”-Ausgabe von 2019 und handelte von der Klimakatstrophe, hätte aber genauso gut Covid-19 und die Folgen zum Inhalt haben können, weil es im Kern bei beiden Komplexen um dieselbe Krise geht – die Krise der Menschheit.

“Sind Sie melancholisch?”, fragte Christina Huckle im Anschluss direkt in die virtuelle Runde, was den Auftakt bildete zu einem lebhaften, teilweise kontroversen Austausch zu den brennenden Themen der Zeit. Es ging um Wirtschaftswachstum, heillose Produktivität, die Glaubwürdigkeit von Institutionen, die Welt als Aggressionspunkt, Politikmüdigkeit, die Mühsal der Ebene, Konsumwahn, den Wert des sozialen Kapitals, den Kampf um Bürgerrechte, um die Pflege von Angehörigen, unterbewertete Hausarbeit, um Selbstwirksamkeit und eben immer wieder und trotz allem auch um Zuversicht.

Es saßen Volkswirtschaftler und Museumsdirektorin Bildschirm an Bildschirm und pflegten das, was der Presseclub grundsätzlich beabsichtigt: einen konstruktiven Diskurs. Nur schade, dass die junge Generation nicht vertreten war, um über die klug ausgewählten Texte mitzudiskutieren, die dieses Mal ausschließlich von Carmen Priego eingebracht wurden; Hartmut Rosas ebenso schöne wie schlichte Reflexion “Der erste Schnee”  gehörte u.a. dazu.

Nach anderthalb Stunden endete die Online-Premiere etwas abrupt, da das WLAN im Theater schwächelte. Zuvor hatte Stefan Imholz, der von den Kolleginnen als Gast geladen war, vom heimischen PC aus immerhin noch einen begonnenen Text zu Ende lesen können.

“Etwas ist nicht richtig, wenn etwas Schönes nicht so bleiben kann, wie es ist”. Und “Endlich, ein neuer Tag bricht an”. Vielleicht waren es diese beiden Sätze, auf die der Presseclub hinauslief. Der eine Satz steht für Melancholie, der andere für Zuversicht. Eine Melange, die zu uns Heutigen gehört und uns begleiten wird. Es ist, wie der Abend zeigte, keine schlechte Mischung. Und eine gute Basis für die Kunst, nicht zuletzt für das Theater. Kommende Produktionen werden davon erzählen und ihren Wert daraus schöpfen. Wir warten gespannt auf sie.

Antje Doßmann

Autor*in:

Die Antje...kann über gelungene Kunst-Taten ins Schwärmen geraten, und dann rette sich von ihr aus wer will. Den anderen wünscht sie beim Lesen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.

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